Einweihung des Stadtmodells aus Bronze

Hersbruck im Miniformat

Freuen sich über das Bronze-Modell: Uwe Holzinger, Johannes Wällermann von den Leos, Hans Heberlein, Robert Ilg und Egbert Broerken (v. links). | Foto: A. Pitsch2016/10/7470970.jpeg

HERSBRUCK – Uwe Holzinger war einfach nur glücklich: Vor zwei Jahren, als er Präsident des Hersbrucker Lions Club war und große wie kleine Löwen – der Nachwuchsclub der Leos – Jubiläum feierten, brachte er das Geburtstagsgeschenk der Lions an Stadt und Bürger auf den Weg: ein Bronzemodell der Hersbrucker Altstadt zum Anfassen. Jetzt hat sein Herzensprojekt endlich seinen Platz am Oberen Markt gefunden – und ist schon ausgiebig befingert worden.

Stolz, aber auch ein bisschen nervös wirkt Holzinger, als er mit einem kleinen Lächeln auf den unscheinbaren, rund ein Meter mal einen Meter großen und noch verhüllten Granitblock blickt. Viele Ehrengäste, darunter vor allem Vertreter von Menschen mit einer Behinderung, haben sich zur Einweihung eingefunden. Was sie sich wohl unter der „begreifbaren Stadt“ vorstellen?

Unter der weißen Plane schlummert ein beeindruckendes Modell der Hersbrucker Altstadt im Maßstab 1:500, wie kurz darauf alle Gäste sehen und erspüren können. Geschaffen hat es der Westfalener Künstler Egbert Broerken, der vor Jahren über eine Stadtführung bei sich daheim auf die Idee kam, solche Plastiken anzufertigen. „Ich wollte gerade Kindern damit Größenverhältnisse besser vermitteln“, erklärt er in Hersbruck. Rasch kam dazu, dass mit Straßennamen in Blindenschrift auch Sehbehinderte auf diese Weise einen Ort erleben können – wie jetzt in Hersbruck oder bald auch in Salzburg, Manhattan und Baku.

Um das perfekte Abbild der Stadt, diese „Momentaufnahme, die lange halten soll“ (Holzinger), in Bronze zu gießen, verschaffte sich Broerken bei einem Rundgang einen persönlichen Eindruck, knipste unzählige Fotos von jedem Haus innerhalb der Stadtmauer und führte sich Katasterpläne zu Gemüte. Die „unterschiedlichen Dächerstrukturen“ begeisterten ihn. Dann schnitzte er ein Urmodell aus Styropor und Holz. „Die Herausforderungen waren die Gassen, die schmalen Häuser und die Kleingliedrigkeit“, blickte Broerken zurück.

Diese meisterte er, so dass das Urmodell mit Latex überzogen werden konnte, um daraus ein Wachsmodell zu fertigen – die verlorene Form. Daran wurden mit Wachs die notwendigen Kanäle für den Guss angebracht und alles mit Gips umhüllt. Eine Woche brannte das Konstrukt im Ofen bei 600 bis 700 Grad vor sich hin. Das Wachs war schließlich restlos verdampft und der Gips bildete ein Negativmodell, das bereit war für den Guss von acht Litern, rund 70 Kilo schwerer und 1200 Grad heißer flüssiger Bronze. Aus dem Gips  tauchte nach dem Auskühlen ein Mini-Hersbruck auf.

Dass die Fertigstellung zwei Jahre dauerte, begründete der mehr als gut ausgelastete Künstler scherzhaft damit, er habe sich von der Cittaslow inspirieren lassen. Die Schnecke hat daher auch ihren Platz im Modell gefunden, zu dem der Stadtrat sofort Ja gesagt hatte, wie sich Bürgermeister Robert Ilg erinnerte. Sicher nicht nur, weil die Skulptur die „Stadt verschönert und plastisch darstellt“, sondern weil die Stadt von den 32 000 Euro Gesamtkosten nur 6000 Euro beisteuern muss. 16 000 Euro sind das Jubiläumsgeschenk der Lions, den Rest stemmt die Städtebauförderung.

Verbindung zu Blinden

Warum Holzinger, für den sich nun ein Traum erfüllte, und die Lions damals auf die Idee zur begreifbaren Stadt kamen, darüber klärte der aktuelle Präsident Hans Heberlein auf. Er betonte die Verbindung der Lions weltweit zu Blinden. Außerdem sieht er darin eine „neue Attraktion für Bürger, Touristen, Sehende und Nicht-Sehende“. Und dass das Modell neugierig macht, bewiesen die Gäste gleich: Nach der Enthüllung legte zuerst Paul Brunner vom bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund los. Souverän umrundete er den Granitblock aus dem Bayerischen Wald, der dank einer Höhe von 80 Zentimetern auch Kindern und Rollstuhlfahrern ein Fühlen ermöglicht, ertastete Bäume und Straßen und ließ die Finger rasch über die Dächer gleiten.

Ilg ertastet das Rathaus

„Das ist für uns Sehende wahnsinnig schwer, etwas mit geschlossenen Augen zu erkennen“, waren sich Ilg und Holzinger einig. Dennoch schlug sich der Bürgermeister bei einem kleinen Test wacker und fand nach einigem Tasten das Rathaus. Solche Experimente trauten sich nicht alle in der großen Menschentraube, die sich in Windeseile ums Modell gebildet hatte. Aber jeder griffelte wie begeisterte Kinder an den Häuschen herum, suchte Gebäude, den eigenen Standort oder das Zuhause. Solche Momente bereiten Broerken nach all den Jahren immer noch Freude.

„Das ist jedes Mal wieder ein Erlebnis“, sagte er. Wenn er zu seinen Kunstwerken zurückkehrt, stehen immer Leute dort. Und auch Holzinger zauberte die Faszination der Menschen ein Strahlen ins Gesicht. Auch er hofft, dass Hersbruck im Kleinformat nie langweilig wird: „Begreift unser schönes Städtchen“ – im wahrsten Sinne des Wortes.

N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch