19. Internationales Gitarrenfestival Hersbruck

„Guitar Gala“ mit fünf Ausnahmekünstlern

Erlösendes Finale nach konzentrierter Darbietung: Cecilia Siquiera und Fernando Lima teilten sich Gitarre und Hocker für ein vierhändiges „Tico Tico“. | Foto: U. Scharrer2018/08/Duo-Siquiera-Lima.jpg

HERSBRUCK – Der vielleicht innigste Moment wurde dem Publikum in den letzten fünf Konzertminuten geschenkt. Da teilte das Duo Siquiera Lima sich Gitarre und Hocker und zauberte mit „Tico Tico“ vierhändig auf einem Instrument leichtfüßig und heiter einen jener Momente, die das Gitarrenfestival so einzigartig machen. Vorher erwiesen sich die Zuhörer als hoch konzentrierte und – bis auf eine gelegentlich umpolternde Flasche – mucksmäuschenstille Gitarrenkonzert-Eleven, die dreieinhalb Stunden anspruchsvollsten klassischen Spiels von fünf Gitarristen-Persönlichkeiten mit Bravour meisterten.

„Eigentlich hätte jeder dieser Interpreten einen Soloabend verdient!“, machte Festivalleiter Johannes Tonio Kreusch dem Publikum den Mund wässrig. Seine scherzhaft gemeinte Drohung, wie in einem New Yorker Jazzclub in der Pause den Saal zu räumen und anschließend erneut Eintritt zu verlangen, machte er trotzdem nicht wahr – auch wenn die Festivalgäste am Galaabend vier Sets für den Preis von einem bekamen und recht unterschiedliche Temperamente und Herangehensweisen auf der Bühne erleben konnten.

Irrlichternde Töne
Amerikaner Scott Tennant, Gründungsmitglied des Los Angeles Guitar Quartet und vielgebuchter Solokünstler, sandte nur einen kurzen Blick gen Himmel und tauchte in den Mahlstrom seiner musikalischen Virtuosität ein. Den Kopf zuweilen auf sein Instrument gelegt wie auf die Schulter eines verlässlichen Kameraden, erzeugte er, selbst sichtlich gerührt von der Intensität seines Musizierens, konzentrierte Klangräume. Gefüllt mal mit erratisch irrlichternden Tönen ohne erkennbaren Anfang oder zu ahnendem Ende konnten seine Stücke auch wieder die tanzbare Qualität eines mittelalterlichen Schreit-Tanzes haben. Tennants versonnene Interpretation ausschließlich noch lebender Komponisten ließ die rund 350 Konzertgäste jubeln und eine Zugabe einfordern.

Tennants LAG-Quartettgenosse Bill Kanengiser, der mit dem zweiten Gig auf die Bühne trat, hatte sich für temperamentvolle Klangmalereien zum Auftakt entschieden und bescherte mit „Three African Sketches“ von Dusan Bogdanovic Klänge und Stimmung des schwarzen Kontinents als lebhaftes Kopfkino, auch durch schräge Töne, die er mit kleinen Klemmen auf den Saiten erzeugte.

Mit der Uraufführung von Bryan Johnsons „The Bootlegger´s Tale“ blieb er seinem erzählerischen Stil treu. In einem erheiternden Mix aus irischer Volksmusik, Blue-grass-Elementen und modernem Arrangement legte Kanengiser in vier musikalischen Miniaturen mit Gusto aus, wie bewegt und voller Schnörkel und Kapriolen das Leben eines irischstämmigen Whiskey-Schwarzbrenners in North Carolina samt dem Katz-und Maus-Spiel der behördlichen Verfolgung sein kann – und wie tief die Trauer um eine kaputte Schnapsdistille.

Eine völlig andere Atmosphäre schuf die aus Kroatien stammende Ana Vidovic. Mit einer von Valter Despalj umgeschriebenen Flötenpartitur von Johann Sebastian Bach schuf sie ohne Gruß und Präambel fragilste Saitenpoesie vom ersten Ton an, atmete die von der Gitarre emporsteigenden Töne ein wie ein Lebenselixier, ließ Ton für Ton in die gebannte Stille des Saals tropfen – und musste gerade wegen ihrer sparsamen Ansagen manch verfrühten Applaus zwischen Sätzen wegstecken. In Hersbruck spielte die unermüdlich international auftretende Interpretin nach eigener Aussage die „Klassiker der klassischen Gitarre“.

Ihre Qualitäten als You-Tube-Star, wo ihre bis zu 18 Millionen Mal aufgerufenen Videoclips für den Geschmack und die Ausdauer auch jüngerer Gitarrenfans sprechen, zeigte sie bei der Zugabe. Mit einem zurückhaltenden Lächeln bat sie um spontane Wünsche und spielte – wie an diesem Abend üblich ohne Notenblätter – auf Zuruf mit „Asturias“ von Isaac Albéniz einen intensiven „Gassenhauer“ der Gitarrenmusik.

Noch einmal einen anderen Akzent setzten Cecilia Siquiera aus Uruguay und Fernando Lima aus Brasilien, die seit 16 Jahren als Duo Siquiera Lima konzertieren. Als gäbe in ihren Köpfen das gleiche Metronom den Takt vor, tänzelten die beiden mit traumwandlerischer Präzision durch die eigens von ihnen arrangierten Kompositionen von Scarlatti, Mendelssohn, Villa Lobos und Piazzolla. Dieses zarte Hin- und Wiederreichen von musikalischen Impulsen, Darreichen und Empfangen schien zuweilen ein fast schmerzlicher Prozess zu sein, dann wieder Ekstase auszulösen.

Wo Fernando Lima gelassen und in sich gekehrt agierte, stand in dieser Balance der Temperamente Partnerin Cecilia Siquiera sichtbar unter Hochspannung. Als zwei Interpreten mit dem doppelten Klangumfang ausgestattet, schaffte es das Duo, gleichzeitig größere Vielfalt und größere Einheit hervorzubringen – ein Seiltanz, der im eingangs beschriebenen Pas de Deux auf einer partnerschaftlich geteilten Gitarre kulminierte.

Als das Publikum beglückt eine halbe Stunde vor Mitternacht aus dem Saal strömte, kam das von Bürgermeister Robert Ilg einem Festivalgast abgelauschte Zitat wieder in den Sinn: „Unglaublich, welche Qualität in diesem Kaff möglich ist!“ Auch wenn Ilg und die Hersbrucker selbst die Bezeichnung für ihre Stadt ablehnen dürften, kann am hohen Niveau des Gitarrenfestivals wohl kein Zweifel bestehen.

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N-Land Ute Scharrer
Ute Scharrer