Ermahnung für Holländerin

Gerichtsurteil nach schwerem Unfall auf A3 im Sommer 2017

Das Auto der holländischen Gruppe war nach dem Unfall nur noch ein Wrack. | Foto: NEWS5 / Merzbach2018/12/n5_170820_ID11753_4.jpg

ALTDORF/HERSBRUCK – Damals machte der Unfall auf der A3 bei Altdorf vor allem wegen vieler Gaffer groß Schlagzeilen, die eigentliche Tragödie dahinter kam erst jetzt so richtig öffentlich zur Sprache: Eine 28-jährige Holländerin musste sich vor dem Hersbrucker Amtsgericht wegen eines Fahrfehlers verantworten, durch den im August 2017 ein 19-jähriger Mitfahrer starb und sich zwei weitere junge Männer schwer verletzten. Freunde von ihr. Es war ein Fehler, der jeden Tag auf deutschen Autobahnen tausendfach passiert − allerdings ohne diese drastischen Folgen.

Am 20. August 2017 war die junge Frau die Fahrerin für vier Männer, mit denen sie befreundet war, wie in der Gerichtsverhandlung deutlich wurde. Zusammen hatten sie ein Jahr lang für ein ehrenamtliches Hilfsprojekt in der Ukraine gearbeitet und waren jetzt auf dem Weg zurück nach Hause in die Niederlande. Die weiteren Mitreisenden waren zwischen 16 und 40 Jahre alt, ein 19-Jähriger lag während der Fahrt auf der Rückbank. Er war es, der den Unfall in der Nähe des Autobahnkreuzes Altdorf nicht überlebte.

Auto überholt rechts
Am späten Nachmittag dieses Augustsonntags wollte die 28-Jährige nach dem Überholen zurück auf die rechte Spur wechseln. Laut Anklage erschrak sie, als ein vermutlich weißer Pkw rechts an ihr vorbeizog, verriss das Lenkrad, verlor die Kontrolle über den Wagen, der rechts gegen die Leitplanke prallte und sich überschlug, wobei drei Insassen aus dem Auto geschleudert wurden. Der 19-Jährige starb, zwei andere Männer verletzten sich schwer, die übrigen trugen leichtere Blessuren davon.

Der Angeklagten war zu Beginn der Verhandlung kaum anzumerken, was für einen Schicksalsschlag sie vor eineinviertel Jahren erlebt hatte. Von Grund auf ein freundlicher Typ, wirkte sie vor Gericht fast die ganze Zeit sehr gefasst. Erst als es um die Beerdigung des 19-Jährigen ging und die Freundschaft unter den Mitfahrern zur Sprache kam, rannen bei ihr die Tränen.

Bis dahin hatte sie lediglich bestätigt, dass sie hin und wieder von dem Unfall träume. Ihre Therapeutin attestierte ihr eine posttraumatische Belastungsstörung, die der 28-Jährigen wegen ihrer Schuldgefühle kaum anzumerken sei. Kurz nach dem schlimmen Ereignis habe sie eng Kontakt mit den Eltern des gestorbenen Freundes gehabt, bestätigte die Angeklagte vor Gericht. Der Unfall wird als Unglück gesehen, weder die Eltern noch die Mitfahrer stellten Strafantrag.

Einstellung abgelehnt
Hauptsächlich wegen der sprachlichen Barriere übernahm ihre Anwältin Birgit John-Baltes vor Gericht alle Aussagen für sie. Eine Dolmetscherin übersetzte für die Angeklagte. Die Verteidigerin beantragte mehrmals die Einstellung des Verfahrens. Denn bei der Vernehmung ihrer Mandantin sei diese nicht ordnungsgemäß belehrt worden, außerdem habe der Polizist dabei nicht berücksichtigt, dass sie unter Schock stand. Der Beamte widersprach vor Gericht. Er habe alle nötigen Hinweise gegeben und er sei auch davon ausgegangen, dass ihr Englisch ausreiche.

Richter Klaus Schuberth merkte mehrfach während des Prozesses an, dass er eine Einstellung für die beste Lösung halte. Denn es habe sich lediglich um einen kleinen Fahrfehler gehandelt, freilich mit schwersten Folgen. Wie die Gutachterin anhand von Reifenspuren feststellte, überschritt der Transporter die eigene Fahrspur auch nur um 20 Zentimeter. „20 Zentimeter!“ — Richter Schuberth zeigte die kleine Spanne mit den Fingern.

Der Staatsanwalt entgegnete ungerührt, dass er einer Einstellung nicht zustimmen werde. Das brauche nicht einmal eine Begründung. „Ein Toter, zwei Schwerverletzte“, das reiche aus. Auf wiederholtes Nachhaken des Richters und der Verteidigerin meinte er, er habe entsprechende Weisung „von oben“. Außerdem habe die 28-Jährige, wie sie selbst am Tag nach dem Unfall aussagte, vor dem Spurwechsel nicht über die Schulter nach hinten geschaut. Dieser Fehler sei entscheidend gewesen. Ganz abgesehen davon, dass sie dann zu heftig gegengelenkt habe, „sonst wäre der Unfall wahrscheinlich auch nicht so schlimm ausgegangen“, so der Ankläger.

Richter Schuberth hielt nach den Aussagen des Polizisten und der Gutachterin fest: „Vorzuwerfen ist ihr nur, dass sie den Wagen schon rübergezogen hat, bevor sie nach hinten blickte“, und zwar, wie die Gutachterin bestätigte, noch auf ihrer Fahrspur. Der Richter fragte sie: „Könnte man das als normales Fahrverhalten bezeichnen, das millionenfach vorkommt auf deutschen Autobahnen?“ Antwort: „Leider, ja.“

Keine Strafe
Von alleiniger Schuld sprach ohnehin niemand, auch nicht der Staatsanwalt. Sie sei lediglich „mitschuldig“, weil der 19-Jährige nicht richtig angeschnallt war, und weil ein bis heute unbekannter „Wahnsinniger“ (Schuberth) rechts überholte.

Während der Staatsanwalt auf 90 Tagessätze plädierte, folgte Klaus Schuberth der Verteidigerin: Er sprach eine Verwarnung aus. Zur Strafe von 90 Tagessätzen kommt es erst, würde die Holländerin während zwei Jahren Bewährung in ähnlicher Weise straffällig. „Aber davon gehe ich nicht aus“, meinte der Richter. Die schlimmste Strafe habe sie schon bekommen: die Beerdigung ihres Freundes, die sie sicher ein Leben lang nicht vergessen werde. Bei ihren Angehörigen im Publikum wich der Ernst den Tränen.

N-Land Michael Scholz
Michael Scholz