19. Internationales Gitarrenfestival Hersbruck

Fingerstyler waren voll im Flow

Don Ross, Petteri Sariola und Adam Rafferty bei der Jam-Session (v. links). | Foto: A. Pitsch2018/08/IMG_3512.jpg

HERSBRUCK – Die Finger schwirren wie der Wind über die Saiten, es wird gezupft, geschlagen, auf den Hohlkörper geklopft und getrommelt: So wird aus einer Gitarre samt Musiker gefühlt eine kleine Band bei der „Fingerstyle Night“ im Rahmen des Hersbrucker Gitarrenfestivals. Don Ross, Adam Rafferty und Petteri Sariola versetzten mit hochklassiger U-Musik mit Pop-Anstrich die Geru-Halle in einen Applaus-Rausch.

„Fingerstyle at it’s best“, das versprach künstlerischer Leiter Johannes Tonio Kreusch im Vorfeld. Und auch Bürgermeister Robert Ilg war sich sicher, dass keiner der Besucher die Füße wird still halten können. Beide sollten recht behalten, auch wenn das bei Don Ross zunächst nicht zu vermuten war.

Lächelnd schlendert er auf die Bühne. Ohne ein Wort stöpselt er die Gitarre an und schon groovt er los: Der Kopf nickt munter in alle Richtungen, die Augen hinter der kleinen Brille sind geschlossen, der Fuß wippt ab und an mit. Derweil fliegen die Finger über die Saiten oder nutzen das Instrument als Schlagzeug. Das Ergebnis: ein lässig-fröhlicher Sound.

Nicht nur beim Lied, das er für die „Swedish House Mafia“ geschrieben hat, immer schwingt das Gefühl mit, irgendwo im Saal muss noch ein Bass versteckt sein. Doch den tiefen Wumms für den Rhythmus erzeugt Ross mit Zauberhand. Auffällig ist, dass der Kanadier mit vielen variantenreichen Wiederholungen arbeitet.

Wie feine Tropfen
Immer wieder muss Ross sein Spielgerät stimmen. Die Zeit überbrückt er geschickt mit humorvollen Moderationen, bei denen er das eigene Alter, die Familie, Staubsaugen oder den schwedischen Akzent aufs Korn nimmt. Die Halle bebt vor Gelächter. Schon jetzt ist klar: Fingerstyler sind Entertainer par excellence.

Bei der älteren, eingängigen Eigenkomposition „If I could“ kommt auch Ross‘ helle, kräftige Stimme zum Einsatz. Das berührt das Publikum. Funky und metallisch klingen die Töne dann bei „Dracula & friends“. Dabei lässt Ross einige Takte bekannter Hits einfließen. Die Leute lachen, wenn sie den Song erkennen – und da ist er schon vorbei.

Mitten hinein in die beschwingte Atmosphäre zaubert Ross fließende Klänge wie kleine springende Wassertropfen und südliches Flair. Das intensive Spiel mit Flamenco-Anklängen entlädt sich über ein Crescendo in spanischem Feuer. Erste Jubelstürme entfachen es weiter, bis Ross für Adam Rafferty die Bühne frei macht.
Der schleicht sich während des Umbaus an, Applaus bahnt ihm den Weg nach vorne.

Dort startet Rafferty mit dem locker-flockigen „Mas que nada“ und lässt dabei die Gitarre schnipsen. Ob bei „Fly me to the moon“ oder „Play it back“, Rafferty ist mit vollem Körpereinsatz, teils als menschliche Beatbox, dabei. Seine Mimik unterstreicht jeden Ton. Er jammt, lässt eine Saite aufjaulen, tippelt auf den Gitarrenkasten und lässt die Finger über den Hals sausen. Und reißt damit das Publikum zum Klatschen hin.

Beinahe lasziv verzögert der New Yorker die Klänge für den typischen Blues- und Jazz-Sound, bevor er melancholisch-sanfte Töne wie Tropfen aus dem Instrument fallen lässt. Groovig statt rockig-aggressiv ist seine Version von „Billy Jean“ von Michael Jackson, bei der die Zuhörer eifrig „mithupen“. Den Moonwalk gibt es vom gut gelaunten Amerikaner noch obendrauf.

Auch wenn Rafferty findet, dass R’n’B nichts mit einer Akustikgitarre zu tun hat, genau das ist seine Spezialität: Bei „Superfreak“ schaltet er sich als Beatbox ein und zeigt alles, was die Gitarre hergibt. Da wird diese auch mal kurz als Basedrum missbraucht. Die Halle steht.

Wie soll das noch zu übertreffen sein? Der finnische Shootingstar Petteri Sariola weiß wie. Mit Rockstar-Gehabe füllt er die ganze Bühne aus, hüpft, schleicht und schreitet von rechts nach links und zurück – und auch mal durch den Saal. Es scheint, als halte er vom Zupfen der Saiten nicht viel: Er schlägt auf sie, die Melodie kommt vom Hals. Und auch an den Wirbeln wird mal kurz gedreht.

Lässig und begeisternd
Flinke Wechsel und ein Cajon – zumindest meint man das – begleiten „Wake me up before you
go-go“ von George Michael, das Sariola mit einer lässigen, ganz eigenen und begeisternden Note versieht. Immer wieder ist seine große Energie spürbar, wenn er ohne Rücksicht auf sein Instrument eintrommelt.

Sariola rockt die Gitarre, bisweilen head-banging-mäßig, dann entlockt er ihr wieder zarte, sehnsuchtsvolle und gar mystische Töne. Ausdrucksstark ist sein Spiel immer. Das Beeindruckende am Finnen: Er legt blitzschnell den Schalter hin zur gefühlvollen Seite um. Sein Gesang bei „Howling at the moon“ unterstreicht dieses einmalige Flair noch.

Dann geht es wieder geschwind und voller Leidenschaft weiter: Mal streifen die Finger in Millisekunden über den Hals, mal haben sie nur diesen, um sich auszutoben. Mal scheint eine E-Gitarre zu erklingen. Der Entertainer weiß, wie er sein Publikum einfängt – auch beim Stimmen. Selbst das wird zur kleinen Show, als er jede Saite rasch anspielt, fix die Wirbel dreht und die Miene entsprechend verzieht, bis er zufrieden ist.

Viel Show braucht es dann nicht, als Ross und Rafferty zu Sariola stoßen. Bei Blues und Funk sind alle drei sofort im Flow. Man hört, sie haben das gleiche Gefühl für die Musik – und Respekt vor dem anderen: Jeder lässt jedem Raum für sein Können. So liefern die drei eine coole Jam-Session vom Allerfeinsten, die die Halle von den Stühlen reißt. Was für ein „holy shit“ („geiler Scheiß“). Besser hätte es Don Ross nicht sagen können.

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N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch