Spanischer Abend beim Gitarrenfestival

Feuerwerk des Flamenco

Cristóbal Muñoz umrahmte die Stücke von Carlos Piñana (im Hintergrund) nicht nur mit Percussion, sondern mit ausdrucksstarkem Flamenco. | Foto: A. Pitsch2017/08/8335433.jpeg

HERSBRUCK – Der musikalische Geist Spaniens ist nicht nur Flamenco. Daher war der Abend „Spirit of Spain“ im Rahmen des internationalen Gitarrenfestivals ein grandioses und fesselndes Konzert der Gegensätze. Von der unaufgeregten Klassik mit Ricardo Gallén wechselte die Stimmung zu feurigem Flamenco mit Carlos Piñana und Tänzer Cristóbal Muñoz.

Als Ricardo Gallén die Dauphin Speed Event-Halle von hinten betritt, schwappt eine Welle des Applauses vom Hallenende bis vor zur Bühne und begleitet den Musiker auf seinem Weg. Mit einem Lächeln, fast schüchtern, geht der Meister der leisen Töne durch die voll besetzten Stuhlreihen – die Gitarre wie ein Schutzschild vor sich her tragend.

Doch kaum sitzt Gallén, der die klassische spanische Musik perfekt beherrscht, wird er eins mit seinem Instrument. Mit ernstem, konzentriertem Blick zaubert er die ersten perlenden Klänge des Allegro der „Grande Sonate No. 1 Op. 22“ von Fernando Sor hervor. Rasch wechseln sie zum verträumten, fast melancholischen Adagio.
Seine langen, dünnen Finger huschen über Saiten und Hals, erzeugen einen Fluss der Musik, wobei Gallén kaum eine Miene verzieht. Nur wenn das Spiel intensiver wird, geht er mit Oberkörper oder Kopf mit, unterstreicht so die Betonungen. Die meiste Zeit erweckt Gallén den Eindruck, er wolle am liebsten in den Gitarrenkörper hineinkriechen.

Diese enge Verbindung zwischen Musiker, Instrument und Stück spürt das Publikum. Es ist mucksmäuschenstill, lauscht andächtig – einige Zuhörer gar mit geschlossenen Augen. Andere fächeln sich derweil Luft zu. Die Atmosphäre ähnelt der eines heißen spanischen Sommerabends. Plötzlich legt sich Trauer über Galléns Spiel. Durch das mehrmalige Anschlagen einer Saite kommt Spannung auf, wie als würde eine Uhr herunterzählen.

Doch dies löst sich auf in fröhlich-leichten Tönen. Die beschwingte Art zieht sich auch durch die „Three Spanish Pieces“ von Joaquín Rodrigo. Gallén reichert sie mit dramatischen Elementen, hoffnungsvoll klingenden, hohen Tönen und extrem rasch gespielten Saiten in Moll und Dur an, 
die an Verwirrung denken lassen – als würde er eine Geschichte erzählen.

Auch dumpfe Klänge entlockt er seiner Gitarre, bevor plötzlich typisch impulsiver Flamenco aufblitzt, bei dem er voll in die Saiten greift. Gallén gelingt es mit Leichtigkeit, beim Nachklingen noch Zwischentöne einzubauen, als wäre ein zweites Instrument dabei. Für seine beeindruckende Fertigkeit und Spannweite der Finger erntet der sich tief verbeugende, bescheidene Mann Bravo-Rufe.
Sehnsuchtsvoll gestaltet Gallén den Vortrag von „Sonatina Meridional“ von Manuel Ponce. Ohne Zugabe lässt ihn das Publikum nicht von der Bühne. Noch einmal scheinen seine Finger die Saiten kaum zu berühren. Sein weiches und doch intensives Spiel wird mit lang anhaltendem Applaus belohnt.

Fiesta unter Männern
Sofort liegt Feuer in der Luft, ein besonderes, nicht greifbares Flair, als die beiden spanischen Heißblüter Carlos Piñana und Cristóbal Muñoz die Halle betreten. Der Flamenco-Gitarrist der jungen Generation, der sich auch anderen Einflüssen nicht verwehrt, und der Tänzer und Percussionist bringen spanische Lebensfreude mit – personifiziert in Muñoz: Er klatscht rhythmisch im Takt, lächelt, wippt mit. Seine Zwischenrufe wirken spontan und lassen die Zuhörer in die Atmosphäre einer entspannten Dorffiesta unter Männern eintauchen.

Da passt es dazu, dass Muñoz‘ Sohn im Publikum wie Papa auf der Bühne mitklatscht. Und Piñana geht in seinen Stücken auf, die Emotionen sind in seinem Gesicht abzulesen. Bei „Body & Soul“ zeigt der Gitarrist seine weiche, romantische Seite. Muñoz am Cajon, das der Hage-Musikverlag aus Eschenbach zur Verfügung gestellt hat, begleitet gefühlvoll und dezent. Aber auch hier ist die Energie der beiden spürbar, die Töne wogen durch die Halle.
Ein wiederkehrendes Thema lässt sich bei „Déjate llevar“ heraushören. Die sanften Klänge unterbricht Piñana mit raschen Abfolgen, die an innere Kämpfe erinnern. Die beiden ausdrucksstarken Künstler treiben sich gegenseitig an, transportieren die ganze Kraft des Flamenco in die Halle. Und das Publikum ist so begeistert, dass Zwischenapplaus aufbrandet.

Was darf bei Flamenco nicht fehlen? Der Tanz. Muñoz vereint Stolz und Anmut in seinen Bewegungen, ist völlig im Einklang mit der Musik. Mehr noch: Körper und Füße werden zur Percussion für die Gitarre. Beides bildet eine Einheit, aber gibt sich gegenseitig Raum.
Muñoz unterstreicht mit jedem Schritt die Töne: Während seine Füße im Stakkato arbeiten, tun es auch die Finger von Piñana. Lange Töne vertanzt er in schleifenden, langsamen Schritten. Gemeinsam entfalten die beiden eine wahnsinnige, mitreißende und faszinierende Dynamik. Vor allem die Rasanz von Muñoz Absatzgeklapper zieht die Zuschauer in den Bann.

Piñana glänzt mit afrikanischen Einflüssen, mal mit Gypsy-Klängen, einer kurz hineingejammten Hiphop-Sequenz oder einem winzigen Zitat von „Besame mucho“ – dem Flamenco und der ansteckenden Fröhlichkeit bleibt er dabei stets treu. Muñoz ist dabei aufmerksam, saugt die Musik auf, um die passende Begleitung am Cajon zu finden.
Da beide so vor Spielfreude sprühen, springt der Funke, besser das Feuer, sofort über. Das Publikum zeigt es in Form von tosendem Beifall und stehenden Ovationen. Am Ende feiert das Duo eine große Fiesta mit den mitklatschenden Zuhörern – einen feurigen Abend ganz im Sinne von „Spirit of Spain“.

N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch