Gitarrenfestival: Yamandu Costa

Diener einer strengen Herrin

Und schon ist der verschüttete Mate-Tee vergessen: Yamandu Costa versinkt in den Stimmungen, die er selbst so virtuos erzeugt. Foto: U. Scharrer2017/08/Yamandu-Costa-1.jpg

HERSBRUCK – Yamandu Costas Gitarre ist eine strenge Herrin: sie zerrt und zupft an ihm, stößt ihn weg und zieht ihn wieder zu sich heran, feuert ihn zu gnadenlos schnellen Läufen an, bringt ihn ins Schwitzen und Grimassieren – bis er sie sich endlich mit dem Schlussakkord vom Leib reißt, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen.

Bürgermeister Robert Ilg und Festivalleiter Johannes Tonio Kreusch hatten nach den langen und vollkommen berechtigten Danksagungen für die Teamleistung rund um das 18. Gitarrenfestival den Star des letzten Abends, dessen Auftritt aufgrund der umfassenden Unterstützung des Fördervereins des Gitarrenfestivals möglich wurde, als „sprühend temperamentvoll“ angekündigt.

Brasilianer Yamandu Costa wird diesem Attribut gleich auf unerwartete Weise gerecht und fegt beim Betreten der Bühne mit Verve die bereitgestellte Kalebasse mit Mate-Tee samt silbernem Sauglöffel vom Tischchen. Mit komischer Tragik sieht er bestürzt auf das Häufchen grüner Teeblätter und seufzt: „My Mate – my inspiration!“ Das südamerikanische Kultgetränk ist rasch ersetzt, beim ersten Schluck Costas stiebt eine weitere Wolke Teeblätter auf die Bühne. „Das ist ja wie in einem Konzert von Mr. Bean“, lacht Costa über sich selbst und greift in die Saiten.

Ab diesem Punkt sind Erfrischungsgetränke kein Thema mehr, es stellt sich nur noch die Frage: beherrscht hier das Instrument den Musiker oder ist doch er es, der, schier verschmolzen mit seiner Gitarre, dieser so zusetzt und dabei Hörgenuss pur erzeugt – obwohl weder Augen noch Ohren die wie aus dem Schnellfeuergewehr abgeschossenen Töne voneinander trennen können?

Yamandu Costa, der in seinem Heimatland und auf der ganzen Welt eine beeindruckende Karriere hingelegt hat, setzt in seinem Spiel auf krasse Kontraste. Die von Costa extrem „bassig“ gestimmte tiefste Saite dröhnt sonor – und dann setzt Costa wie lichte Tupfer glockenhell zirpende Töne obenauf. Er entfesselt wilde Saiteneruptionen – und fängt dann auf einmal zu singen an mit dem Schmelz und der Innigkeit eines Rudolph Valentino. Er beginnt ein trügerisch schlichtes Volksliedchen – und steigert es zu rasanten Zupfexplosionen mit dem Vielfachen der benötigten Töne und schwenkt um zu dramatisch-rockigem Schlag auf die Saiten. Dann erfreut er mit einem possierlichen Swing, inszeniert einen feurigen Tango und pfeift sich zu seinem vermeintlich letzten Stück noch eins.

Bei so abwechslungsreicher und ohne Punkt oder Komma abgefeuerter Saitenkunst ist klar, dass das Publikum den Brasilianer noch nicht ziehen lassen will, schließlich ist das eigene Blut in Wallung geraten.

Yamandu Costa kehrt auf die Bühne zurück – doch nicht allein: als besonderes Zuckerl für seine Zuhörer bringt er den von ihm hochverehrten Gitarristen Carlos Barbosa Lima mit. Begeistert und gerührt können die Besucher des finalen Abends Zugeneigtheit im Wortsinn erleben. Costa hängt an jedem Ton, den sein Vorbild erzeugt, greift auch den kleinsten musikalischen Fingerzeig wie telepathisch auf und schmückt ihn mit kleinen Arabesken aus.

„Auf diesem Festival treffen sich wirklich Freunde!“ freut sich Robert Ilg über das anrührende Duo. Diese Freude teilen die Besucher des letzten Abends, als sie mit stehenden Ovationen den jungen und den hochbetagten Gitarrenmeister ziehen lassen. Dass Festivalleiter Johannes Tonio Kreusch Giora Feidman und sein neues „Beatles“-Programm sowie Maximo Diego Pujol aus Argentinien und andere Stars der Gitarrenszene für das kommende Festival vom 11. bis zum 18. August 2018 ankündigte, linderte den Abschiedsschmerz etwas.

N-Land Ute Scharrer
Ute Scharrer