Interview mit Karl-Heinz Röhlin

„Dem Volk aufs Maul schauen“

Der Hobbykabarettist und ehemalige Regionalbischof Karl-Heinz Röhlin. | Foto: Lichtblick2017/02/7832745.jpeg

HERSBRUCK/NÜRNBERG – Er hat dem Volk „aufs Maul geschaut“ und die deutsche Sprache kirchenfähig gemacht. Martin Luther bediente sich in seiner Zeit der stärksten Waffe, die sich ihm bot: seiner Stimme. Karl-Heinz Röhlin, der ehemalige Leiter des Pastoralkollegs der evangelischen Kirche in Bayern, erklärt den Erfolg des Reformators, was ihn selbst am Fränkischen fasziniert und wie Kirche und Dialekt zusammen passen.

Wie hat Martin Luther Sprache für sich eingesetzt?
Karl-Heinz Röhlin: Martin Luther wollte das  Evangelium für alle begreifbar machen. In seiner Bibelübersetzung, in seinen Predigten und Streitgesprächen ging es ihm um die verständliche Weitergabe der biblischen Botschaft. Zur Zeit Luthers konnten nur zirka zehn Prozent der Menschen lesen. Deshalb waren Predigten in deutscher Sprache besonders wichtig.

Welchen Einfluss hatte Luther auf die Sprache in der Religion und die deutsche Sprache?
Anfang des 16. Jahrhunderts gab es viele unterschiedliche Dialekte. Leute, die nur wenige Kilometer auseinander wohnten, konnten sich deshalb kaum verständigen. Luther lebte in Wittenberg, im zentral gelegenen Sachsen, und führte Elemente aus dem Niederdeutschen und dem Oberdeutschen zusammen. So bereitete er der einheitlichen deutschen Sprache den Weg.

Kennen Sie Beispiele von Wörtern, die Luther in unseren Sprachgebrauch eingebracht hat?
Die Redensart „Sein Licht nicht unter den Scheffel stellen“ oder „Kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen“ stammen von ihm. Auch hat er die Wörter „Herzenslust“ und „Feuerteufel“ in den Gebrauch gebracht.

Hatte Luther ein Erfolgsrezept?
Er hat sich bewusst an Nicht-Theologen gewandt. Sein „Kleiner Kathechismus“ ist ein religionspädagogisches Meisterwerk und mit seinen Liedern erreichte er die Herzen der Menschen. Natürlich kam ihm dabei die Erfindung des Buchdruckes entgegen. Dadurch konnten die sogenannten Flugschriften, kurze theologische Texte, weit verbreitet werden.

Wäre er 100 Jahre früher genauso erfolgreich gewesen?
Im Jahr 1405 wurde Jan Hus während des Konzils in Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt, weil er seine reformatorischen Ideen nicht widerrufen wollte. Anfang des 16. Jahrhunderts war die politische Situation für die Verbreitung von Luthers Thesen schon günstiger. Wegen der Bedrohung durch die Türken war der Kaiser auf die Fürsten und die Kurfürsten angewiesen. Einige Kurfürsten und auch die selbstbewussten Bürger der Reichsstädte sympathisierten mit Luthers Ideen. Mit Georg Spalatin, einem gebürtigen Franken aus Spalt, hatte Luther einen wichtigen Fürsprecher am Hof Friedrichs des Weisen.

Welcher Spruch Luthers passt noch heute?
Ein Zitat aus der Freiheitsschrift passt immer noch gut: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem Untertan (durch den Glauben). Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann Untertan (durch die Liebe).“ 
Das ist ein Kernsatz seiner Theologie und verdeutlicht die innere Freiheit und Souveränität, die wir durch einen lebendigen Glauben haben.

Welche Bedeutung hat Sprache in der Religion allgemein?
Die Sprache ist nur eine Ausdrucksform des Glaubens, neben Bildern, Gesten, Musik, Symbolen, Tanz, Gebeten und prophetischer Rede. Außerdem spielt die Sprache in der Predigt eine besondere Rolle.

Sie haben hin und wieder gerne Predigten auf Fränkisch gehalten. Sollte das Ihrer Meinung nach öfter getan werden?
Die Mundartpredigt ist nur eine Nische für besondere Anlässe. Weil aber Menschen unterschiedlicher Herkunft die Gottesdienste besuchen, wird sinnvollerweise auf Hochdeutsch gepredigt. Gottesdienste in Mundart sollten vorher angekündigt werden. Manche Leute werden dann nicht hingehen, andere hingegen fühlen sich vielleicht besonders angesprochen.

Was fasziniert Sie so am fränkischen Dialekt?
Dialekt war für mich schon immer verbunden mit Heimat und Familie. Hochdeutsch war quasi die erste Fremdsprache, die ich in der Schule lernen musste. Ich kann auf Fränkisch einfach direkter und emotionaler reden, eben so, „wie mir der Schnabel gwachsen is“. Das Fränkische hat für mich einen gewissen Charme und eine schöne Melodie.

Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, die Mundart zu erhalten?
Man sollte den Dialekt zwar nicht verherrlichen, aber ich halte ihn für einen wichtigen Farbtupfer unserer Kultur. Kinder, die mit Dialekt aufgewachsen sind, haben es laut Studien sogar leichter, eine neue Fremdsprache zu lernen. Sie wissen nämlich bereits, dass Wörter oft nicht in gleicher Weise geschrieben und gesprochen werden. Deshalb sollte man einem Kind die Mundart nicht austreiben. Man sollte es natürlich zum Hochdeutschen hinführen, aber der Dialekt sollte dabei nicht abgewertet, sondern wertgeschätzt werden.

Viele behaupten, dass der fränkische Dialekt aussterben wird.
Das denke ich nicht. Er wird sich wohl weiter abschleifen. Aber gerade in der globalisierten Welt ist die Rückbindung an die Region und lokale Tradition wichtig. Wenn ich in anderen Teilen Deutschlands unterwegs bin und jemanden auf Fränkisch reden höre, fühle ich mich ein bischen wie daheim. Für mich gehört die Mundart zur Lebens- und Sprachgeschichte eines Menschen dazu.

Wie passen denn Dialekt und Religion zusammen?
In Deutschland gibt es regionale Arbeitskreise, die sich dem Erhalt der Mundart in der Kirche verschrieben haben. In der Evangelischen Kirche in Bayern ist es der „Arbeitskreis Mundart in der Kirche“. Ziel des Arbeitskreises ist es, den Glauben theologisch korrekt und verständlich zu vermitteln. Leider zeigt die Universitätstheologie wenig Interesse an der Mundart in der Kirche. Dabei war es doch gerade Luthers Anliegen, dem Volk aufs Maul zu schauen.

Mit ihrem neuen Programm „Alles in Luther“ besuchen Karl-Heinz Röhlin und seine Frau Ruth am 5. Februar auch Hersbruck: Ab 19 Uhr bereiten die beiden die Lutherforschung kabarettistisch auf und geben sogar einen Luther-Rap zum besten. Der Kabarettabend findet im Nikolaus-Selnecker-Haus statt.

N-Land Marina Wildner
Marina Wildner