Sparkassenkabarett in Geru-Halle Hersbruck

Chris Boettcher testete die Lach-Grenzen des Publikums

An Grimassen sparte Chris Boettcher auch während seiner Lieder nicht. | Foto: M. Wildner2018/10/DSC_1579-2.jpg

HERSBRUCK – Die Geru-Halle war für einen Abend ein riesiger humoristischer Gemischtwarenladen: Zweieinhalb Stunden lang haute Comedian Chris Boettcher einen Schenkelklatscher nach dem anderen raus – und ließ dabei von Politikern über Sportgrößen, alternden Musikern, pubertierenden Jugendlichen und Mann-Frau-Beziehungen nichts und niemanden aus. Rasend schnell sprang er von einem Thema zum nächsten, was genau das Richtige für das Hersbrucker Publikum zu sein schien.

Eigentlich war es eher ein Konzert- statt ein Kabarettabend, denn Chris Boettcher kann nicht ohne Musik. Vielleicht liegt es an seinem eigentlichen Beruf als Radiomoderator, vielleicht daran, dass viele seiner Pointen einfach besser gesungen funktionieren – sein Keyboard in braun-weißer Fleckvieh-Optik brachte er jedenfalls unzählige Male zum Klingen. Und das war auch gut so, sorgte es nicht nur für reichlich Abwechslung und immer wieder begeistert mitklatschende Zuhörer, sondern ließ neben seinem humoristischen auch sein gesangliches Talent zum Vorschein kommen.

So stand er nie länger als fünf Minuten am Stück vor seinem Publikum und veräppelte Merkel, Erdogan und Co. Teilweise in Gedichtform, bevor er wieder auf dem Hocker Platz nahm und in die Tasten haute. Da hagelte es dann beispielsweise Wiesenhits für Staats- und Wirtschaftsbosse auf die Zuhörer herab – „Sexbomb“ wurde zu „Sex-Trump“ und der Diesel „Im Wagen vor mir“ stinkt mit neuer Software zwar noch genauso, kommt jetzt aber durch den TÜV.

Doch zwischendurch musste man sich selbst in Erinnerung rufen, unter welchem Motto der Abend eigentlich stand: „Freischwimmer“ heißt Boettchers Bühnenprogramm, das er nach einer halben Stunde das erste Mal thematisierte und Oli Kahn von „diesem ständigen Druck“ singen ließ. Vielleicht lässt sich das Motto aber auch so interpretieren, dass der Comedian gekonnt zwischen den Parodien hin und her „schwamm“: Ein Song über überlastete Mütter schallte durch die Halle, kurz darauf ein Lied über das „harte“ Zölibat, gefolgt von einer Ode an das für Jugendliche lebensnotwendige W-Lan. So etwas wie eine klare Linie suchte man zwar vergebens, aber wer braucht die schon, wenn man einfach nicht mehr aufhören kann zu lachen.

In Sekundenschnelle wechselte Boettcher zwischen den einzelnen Charakteren hin und her, bewies sich als grandioser Stimmenimitator und der Zuhörer erkannte sofort, wen er vor sich hatte. Die typische Merkel-Raute oder der verbissene Gesichtsausdruck eines Oli Kahn taten ihr übriges. So mussten vor allem Persönlichkeiten mit Wiedererkennungswert dran glauben. Auch Musiker ließ Boettcher nicht aus und verfrachtete kurzerhand Peter Maffei, Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer in eine Senioren-Rocker-WG, was das Publikum fast an seine Lach-Grenzen trieb.

Dass es so eine Grenze wirklich zu geben scheint, wurde nach eineinhalb Stunden Dauerkabarett tatsächlich so manchem bewusst – denn wenn die Stimmung am Höhepunkt angelangt ist, wird es oft schwierig, sie dort zu halten. So hätte das Programm durchaus auch eine halbe Stunde kürzer sein können, ohne an Qualität einzubüßen. Boettcher schaffte es trotzdem, sein Publikum bei Laune zu halten, auch, wenn manche Kalauer etwas tief unter die Gürtellinie rutschten.

Letztendlich wissen jetzt auch die Hersbrucker, was ein „Bockfotzngesicht“ ist, und dass die heutige Jugendsprache klingt wie Hubert Aiwanger auf Ecstasy. Als Abschluss durfte nach mehreren erklatschten Zugaben natürlich sein berühmtester Song „Zehn Meter geh‘“ nicht fehlen, bei dem sich die Geru-Halle schließlich komplett in eine Konzertlocation verwandelte.

N-Land Marina Wildner
Marina Wildner