Chef von Midgard Tattoo

Bei Tätowierer Michael Miedniak

Michael Miedniak ist Tätowierer mit Leib und Seele. Bekannt ist er vor allem für seine keltischen Motive. Und für alle, die noch kein Tattoo haben: „Ja, es tut weh!“ Darauf zumindest weist ein kleines Schild an der Ladentheke von „Midgard Tattoo“ die eintretende Kundschaft schon einmal hin. | Foto: privat2017/09/8364286.jpg

HERSBRUCK – Tattoos sind in aller Munde, besser gesagt, auf aller Haut. Kaum einer, der heute keines hat. Doch wie sind diejenigen drauf, die andere tätowieren? Sind das knallharte Jungs? Zwielichtige Gestalten? Oder doch nur spießbürgerliche Geschäftsleute mit einem ungewöhnlichen Beruf? Die HZ besuchte Michael Miedniak von „Midgard Tattoo“ in der Amberger Straße, der seit 17 Jahren im Geschäft ist.

Im Schaufenster von „Midgard Tattoo“ gleich neben dem Alten Friedhof grüßt ein großer Totenkopfschädel den Vorübergehenden. Wie passend. Wer sich in den Laden wagt, betritt einen sauberen, aufgeräumten Raum ohne viel Schnickschnack. Zahlreiche Pokale und Urkunden zeugen davon, dass hier jemand sein Handwerk versteht. Ein gelbes Schild an der Theke beantwortet gleich die Frage, die wohl jedem Neuling, der in ein Tattoostudio kommt, unter den Nägeln brennt: „Ja, es tut weh!“ Das wäre also schon einmal geklärt.

Seit 17 Jahren geht seine Arbeit den Menschen unter die Haut — im wahrsten Sinne des Wortes. Als „freischaffender Künstler“, so eigentlich seine korrekte Berufsbezeichnung, verschönert er die Körper seine Kunden mit Tattoos: eine Blumenranke samt Schmetterling aufs Handgelenk, ein Wolfskopf auf den Oberarm, eine kunterbunte Comicszene auf die Wade. Die Wünsche der Kunden sind so vielfältig wie die Menschen, die hier in den Laden kommen.

Tattoos unter dem Anzug
Da wäre beispielsweise der Bankangestellte, der sich bei „Midgard“ schon viele Tattoos hat machen lassen, von denen aber kein einziges mehr zu sehen ist, wenn er im Anzug steckt. Des Berufs wegen. Seriosität geht eben vor. Noch. Denn eines Tages will er sich auch auf dem Handrücken tätowieren lassen. Das lässt sich dann nicht mehr kaschieren.

Jeden Tattoowunsch aber erfüllt Miedniak nicht, auch wenn der Kunde König ist. „Ich verkaufe mich nicht“, sagt er klipp und klar. Einen Schüler, der mit Erlaubnis seiner Mutter den Namen seiner Lieblingsband auf dem Unterarm haben wollte, schickte er wieder nach Hause. „Auf die Frage, was er später mal beruflich machen will, wusste der nicht mal eine Antwort. Der Junge war noch nicht so weit“, erklärt er. Auftrag abgelehnt.

Und noch etwas gibt es bei Miedniak nicht: chinesische und arabische Schriftzeichen. „Die kann ich nicht lesen und wer weiß, was die Zeichen dann in einer bestimmten Kombination bedeuten?“, erklärt er. Am Ende habe jemand dann nicht „Glaube, Liebe, Hoffnung“ auf chinesisch auf dem Rücken stehen, sondern irgendeine Schimpftirade, scherzt er.

Miedniak hat Humor, ordentlich gewürzt mit einer Portion Sarkasmus — und er hat Charme. Wie er galant mit Kunden umgeht, hat er in seinem früheren Beruf gelernt. Eigentlich ist der gebürtige Schnaittacher nämlich Friseur. Dann aber hat ein Tätowierer ein Tattoo auf seinem Oberarm versemmelt. „Da dachte ich mir, das kann ich besser“, sagt er und lacht verschmitzt. Und er konnte es besser.

Heute hat „Michl“, wie ihn die meisten nennen, einen großen Kundenstamm. Und einen zweiten Laden, im Altmühltal. Vier Monate Wartezeit auf einen Termin sind bei ihm keine Seltenheit. Dabei waren die Anfänge weiß Gott kein Zuckerschlecken. „Die ersten zwei Jahre waren knüppelhart“, erinnert er sich. Doch er hat es geschafft. „Ich hab‘ alles selbst aufgebaut — aus dem Nichts“, sagt er stolz. Seine beiden Läden laufen. Doch die Konkurrenz ist da. „Man muss seine Leistung bringen und zeigen, was man kann“, sagt er.

Geschichten seines Lebens
Michl macht viele „Cover-ups“, er überarbeitet also alte, verunstaltete oder ungeliebte Tattoos mit neuen Motiven. Ob er selbst eines seiner Tattoos am liebsten wieder los werden würde? Die Antwort kommt prompt: „Nein.“ Jede einzelne seiner Tätowierungen erzähle eine Geschichte aus seinem Leben. Sein erstes Körperbild zum Beispiel, das er sich mit 16 Jahren heimlich hat stechen lassen, ein Pegasus. Oder sein jüngstes — ein Segelschiff auf dem linken Handgelenk. Es steht für seine Liebe zum Meer. Passend dazu auf dem rechten Handgelenk ein Anker mit den Initialen C und P. „Meine Töchter Corinna und Pauline. Die Familie ist der Ankerplatz schlechthin“, betont Miedniak.

Für den 48-Jährigen mehr als nur bloße Worte. Sein Körper spricht Bände: Das Ankertattoo mit den Initialen seiner Töchter. Auf seiner Wade die Worte „Pauline“ und „Papa“, dazwischen ein Herz. Dieses Tattoo hat ihm seine achtjährige Tochter höchstpersönlich gemacht. „Ich hatte ihr versprochen, sobald sie die Maschine halten kann, darf sie mir ein Tattoo verpassen, egal was“, sagt er. Die Liebeserklärung seiner Kleinen trägt er mit Stolz und Dankbarkeit.

Seine Familie aber soll noch mehr Spuren auf seinem Körper hinterlassen: Auf seinem Rücken will er sich einen Totenkopf stechen lassen, mit einer Träne und einer Banderole, auf der „Mama und Papa“ steht. Eine Erinnerung an seine verstorbenen Eltern. Und auch die 13-jährige Hündin Chica, die er über den Tierschutz aus Fuerteventura bekommen hat, wird nach ihrem Tod ein Plätzchen auf seiner Haut bekommen: Ihr Porträt soll dann seinen Oberschenkel zieren.

Wer so viele Tattoos hat wie Miedniak, der zieht auch heute noch die Blicke auf sich. Und nicht immer im positiven Sinne. Wenn er zum Beispiel mit seiner Lebensgefährtin im Altmühltal unterwegs ist, wo er seinen zweiten Laden betreibt, werde er von vielen Leuten nicht einmal gegrüßt, erzählt er. Es gebe eben immer noch viele Vorurteile. „Ich grüß‘ trotzdem“, sagt er. Ein Funke Sarkasmus blitzt in seinen Augen auf. „Das hab‘ ich von meinen Eltern so gelernt.“

Mamas Glück
Was die eigentlich dazu gesagt haben, dass der Sohn den Friseurberuf hinschmiss und unter die Tätowierer gegangen ist? „Nichts“, sagt Miedniak. Sein Vater ist schon 1997 gestorben und habe es nicht mehr miterlebt. „Und meine Mama war glücklich, wenn wir Kinder glücklich waren.“

Und Michl ist glücklich. „Ich genieße mein Leben.“ Tochter Corinna ist mittlerweile bei ihm im Geschäft tätig und lernt das Tätowierhandwerk von ihm. In der Szene bekannt ist Miedniak vor allem für seine keltischen Tattoos. „Ich hab‘ mich viel mit nordischer Mythologie beschäftigt“, erzählt er. Auch der Name seines Geschäfts — „Midgard“ — hat germanische Wurzeln. Das Wort steht für Welt. Und in der lebt Michael Miedniak seit 17 Jahren mit „Midgard Tattoo“ seinen Traum.

N-Land Katja Bub
Katja Bub