Krankenkasse will in Weiher bauen

22 Meter für die AOK

Das idyllisch gelegene AOK-Bildungszentrum im Hersbrucker Ortsteil Weiher soll durch einen Neubau ersetzt werden. Dazu müssten etliche alte Eichen „weichen“. | Foto: J. Ruppert2017/08/8292898.jpeg

HERSBRUCK – Ist ein sechsstöckiges Haus optisch vertretbar oder ein hoher Klotz? Über diese Frage gab es im Bauausschuss des Hersbrucker Stadtrates eine lange Debatte und das aus einem konkreten Grund: Die AOK Bayern möchte im Ortsteil Weiher ein neues Berufsbildungszentrum errichten und danach ihr jetziges Gebäude abreißen. Die Zustimmung fiel mit 5:4 denkbar knapp aus. Die Hersbrucker Grünen beantragten zusammen mit der CSU-Fraktion im Nachhinein, dass der Gesamtstadtrat die Entscheidung über den Neubau treffen soll. Er würde damit die Entscheidung des Bauausschusses noch einmal überprüfen.

Laut einer Pressemitteilung der AOK Bayern hat sich die Bausubstanz des betagten Berufsbildungszentrums rapide verschlechtert. Eine Sanierung mit Komplettentkernung ist „erheblich unwirtschaftlicher“ als ein Neubau, haben die Experten der Gesundheitskasse ausgerechnet. Deshalb möchte die AOK gleich neben dem bestehenden Haus mit Spatenstich 2018 einen Ersatz hinstellen.

Das Grundstück der Krankenkasse in Weiher ist 27 000 Quadratmeter groß. Die noch freie Fläche neben dem Bestand reicht für einen neuen Bildungscampus aus. Allerdings müssten etliche alte Eichen auf dem parkähnlichen Hut-anger gefällt werden. Geplant sind ein Foyer mit Versorgungsbereich wie Küche und Speisesaal, Büros und Seminarräume und Gästezimmer mit fast 200 Betten.

Ursprünglich wollte die AOK acht oberirdische Geschosse statt bislang vier verwirklichen. Bürgermeister Robert Ilg und Stadtbaumeister Lothar Grimm lehnten das in Vorgesprächen als „deutlich zu hoch“ bereits ab und erreichten einen Kompromiss mit sechs Geschossen. Dies bedeutet eine Höhe von rund 22 Metern. Grimm veranschaulichte die Zahl: „Die beiden Hochhäuser in der Altensittenbacher Ringstraße sind etwa 24 Meter hoch.“

Das Bildungszentrum steht aber im Gegensatz zu den Hochhäusern nicht frei. „Es ist vielmehr eingegrünt von bis zu 20 Meter großen Bäumen“, sagte der Stadtbaumeister. Die Ansicht von der Straße sei zudem laut Plan geschickt gelöst: Zwei vorgelagerte Geschosse drücken die Höhe des dahinter liegenden Bettentrakts. Weitere Auflockerungen sind durch unterschiedliche Materialien, Rücksprünge und Glas zu schaffen.
Ilg wies darauf hin, dass die AOK Bayern früher noch andere Standorte für die Ausbildung hatte. Dieser Unternehmensbereich wurde in Hersbruck zusammengefasst. So nebenbei hat die „Gesundheitskasse“ die Stadt weit über ihre Grenzen hinaus bekannt gemacht. Beim Gitarrenfestival ist die AOK ein wichtiger Partner.

Teil bleibt erhalten
Rein vom Planungsrecht her darf in dem Park gebaut werden, informierte Sabine Maul von der Verwaltung. Es sind nur wenige Befreiungen nötig. Ein Teil des jetzigen Bildungszentrums bleibt erhalten: Das gebogene Gebäude im Süden mit den großen Schulungssälen soll an die neuen Liegenschaften angegliedert werden.
In der Diskussion des Bauausschusses kristallisierten sich schnell zwei Lager heraus. Norbert Thiel möchte die AOK in Hersbruck halten. Doch der Bettentrakt mit den sechs Stockwerken ist ihm wegen der Fernwirkung einfach zu hoch. Ihm wäre eine Erweiterung des Gebäudes in die Fläche lieber. Auch Norbert Dünkel warb für eine abgestufte Bauform. Weiher sei eines der schönsten Baugebiete in Hersbruck. Der kleinmaßstäbliche Charakter dort solle bewahrt werden.

Ebenso lehnte Dr. Ulrike Eyrich die geplante Höhe ab. Sie schlug zudem ein Parkdeck vor, um das benötigte Areal für Stellflächen zu verringern. Darüber hinaus wäre es ihr lieber, wenn die AOK erst den Altbau abreißt und am gleichen Platz den Neubau hochzieht. Die Schule müsste während dieser Phase in andere Liegenschaften des bayernweit tätigen Unternehmens ausweichen.
Das hatte Ilg schon mit AOK-Vertretern besprochen. Hersbruck besitzt aber nicht genügend Hotelbetten und Unterrichtsräume. Eine zeitweise Verlagerung in andere Orte übersteigt hingegen das Budget, das die Krankenkasse für das Projekt vorgesehen hat. Irmgard Raum zählt zu den Befürwortern des Vorhabens, wenn auch mit der Einschränkung „im Großen und Ganzen“. Bei der Höhe schloss sie sich Lothar Grimms Ansicht mit der Eingrünung an und sagte, dass ein Bauen in die Breite als Nachteil mehr Flächenversiegelung bedeutet. Wenig begeistert war Raum von der vorgestellten Parkplatzvariante.

„Die AOK leistet Hersbruck tolle Dienste“, sagte Iris Plattmeier unter Hinweis auf die Unterstützung beim Gitarrenfestival. Sie begrüßte zudem die Planungen als Bekenntnis zum jetzigen Standort – schließlich hätte die Krankenkasse auch entscheiden können, dass das Bildungszentrum wegzieht. Auch Iris Plattmeier vertrat die Meinung, dass der Baumbestand als Sichtschutz ausreicht.
In der Abstimmung erteilten Iris Plattmeier und Gerhard Kratzer von der SPD, Irmgard Raum und Volker Hegel (FRB) und Robert Ilg dem Projekt das städtische Einvernehmen. Norbert Dünkel, Norbert Thiel, Holger Herrmann (CSU) und Ulrike Eyrich (Grüne) votierten vergebens mit „Nein“. Die Verwaltung erhielt den Auftrag, mit der AOK über die Parkplätze und Ersatzpflanzungen zu verhandeln.

N-Land Jürgen Ruppert
Jürgen Ruppert