Vierte Etappe am Eurovelo Nr. 6

Radtour von der Quelle bis zur Mündung der Donau

Über diesen grasigen Damm vor Stara Palanka führte der Radweg Ralph Rinck. | Foto: privat2018/08/Donau-2416-Damm-vor-Stara-Palanka-25-06-2018.jpg

BELGRAD/HENFENFELD – Die Donau ist einer der ganz wenigen Flüsse, bei denen der Nullstein nicht an der Quelle im Schwarzwald, sondern an der Mündung steht. Und genau diesen will Ralph Rinck aus Henfenfeld sehen. Bei seiner „Ralph-rolls-east-tour“ hat er seit Sommer 2015 die 2888 Flusskilometer etappenweise unters Fahrrad genommen. Diesmal war die Strecke zwischen Belgrad in Serbien und Ruse in Bulgarien dran – Teil vier der Radtour auf dem Eurovelo Nr. 6.

Nach fast 3000 Kilometern kennt er den Donauradweg nur zu gut. Diesmal haben er und – teilweise – sein Begleiter Hans Hengster aus Nürnberg rund 1000 Kilometer auf diesem absolviert; der Fluss mäanderte auf 650 Kilometern neben ihnen her. Wer nun eine schön asphaltierte, gut beschilderte und reichlich befahrene Straße vor sich sieht, der irrt. Rinck und Hengster hoppelten über Schotter und Graspisten, teilten sich Bundesstraßen mit Lastern und waren so gut wie alleine unterwegs: „In den zwei Wochen haben wir vielleicht drei andere Fernradler getroffen“, erzählt Rinck.

Doch diese Einsamkeit, die noch zunahm, als Hengster sich kurz nach der bulgarischen Grenze wieder Richtung Heimat verabschiedete, störte den Henfenfelder nicht: „Ich kann schon auch alleine mit mir umgehen.“ Zumal ihm die Umgebung total viel gab: „Die Natur ist gigantisch, da redet man eh wenig vor lauter Schauen.“ Dennoch brauchte er etwas, um sich in Bulgarien an die Solotouren zu gewöhnen.

„Das war ein richtiger Schock.“ Der Grund: Ihn erwartete eine „Tristesse“, kaum Leben in den Orten, in denen Übernachtungs- und Einkaufsmöglichkeiten oft fehlten. Auch Straßenschilder und Wegweiser waren – im Vergleich zum „top ausgeschilderten Serbien“ – eher Mangelware, beschreibt er seine Lage. Hier war die lange Vorbereitung mit Lesen von Büchern, Fahrplänen und dem Internet Rinck eine große Hilfe.

Im Gegensatz zu den Serben, die Rinck als redselig, kontaktfreudig und unheimlich gastfreundlich empfand, seien die Bulgaren „träge und wie die Franken“. Sie seien, so hat er erfahren, oft enteignet worden und daher herrsche wohl die Einstellung vor, warum soll man sich anstrengen, wenn einem das eh wieder weggenommen wird.

Eines macht Rinck aber klar: „Ich hatte nie das Gefühl, als Touri übers Ohr gehauen worden zu sein, oder bin komischen Gestalten begegnet.“ Sobald er – egal ob in Bulgarien oder Serbien – mit den Menschen über Fußball und Wegbeschreibung ins Gespräch gekommen war, waren alle höflich, halfen gerne und gaben ihre persönliche Situation preis.

Kultur & Küche
Denn genau das war es – neben der Natur –, was Rinck auch auf Etappe vier entdecken wollte: Kultur, Traditionen, Küche – schlicht das Leben im unbekannten Osteuropa. Und dabei fragte er sich, ob man den ganzen Luxus im Westen wirklich braucht … „Die Verhältnisse sind ärmer, aber ich hatte nie den Eindruck, dass es den Menschen schlecht geht.“

So malerisch sah die Donau bisweilen aus. | Foto: privat2018/08/Donau-2380-Dunavski-Plicak-Guest-House-24-06-2018.jpg

 

Vor allem in Serbien waren die beiden Donauradler von der „nicht aufgesetzten“ Gastfreundschaft überwältigt: Da gab es mal einen schnell aufgebrühten Kaffee übern Gartenzaun hinweg, dort eine spontane Weinprobe bei einem kleinen Winzer, der laut Rinck partout kein Geld für Wein und Zeit nehmen wollte.

Freude über Wind
Überhaupt fühlten sich die beiden in Serbien – auch dank der abwechslungsreichen Küche – „sehr wohl.“ Und das, obwohl der Start nicht optimal war: Hengster und Rinck waren nach Belgrad geflogen – anstatt wie vorher mit dem Zug zu fahren. Beim Auspacken der Räder erblickten sie verbogene Teile, abgerissene Kabel und defekte Schläuche. „Für unsere in die Jahre gekommenen Drahtesel war der erste Flug nicht ganz gesund“, scherzt Rinck. Doch diese Schäden verzögerten das Radeln nicht und auch beim Wetter hatten die beiden im Großen und Ganzen Glück. „Am Ende war es so heiß, dass ich mich beim bergauf Fahren über Gegenwind gefreut habe“, berichtet Rinck.

Besonders begeistert hat den Henfenfelder neben dem „Eisernen Tor“, einem Durchbruch der Donau in den Bergen, Belgrad. Bei einer Stadtführung erfuhren er und Hengster, dass die serbische Hauptstadt auf Grund ihrer strategischen Lage oft überrannt, 44 Mal zerstört worden und Schauplatz für 114 Kriege war. „Jede Kultur hat dabei ihre Spuren hinterlassen, was die Mischung ziemlich einmalig macht.“

Mulmiges Gefühl
Und gefährlich war es nie für die beiden Pedalritter? „Etwas mulmig war es mir bei den Tunneln schon“, gibt Rinck zu. Denn die 21 Tunnel beim „Eisernen Tor“ gelten als lebensgefährlich, weil sie unbeleuchtet, sprich „echt duster“, und einfach aus dem Stein geschlagen sind und dort ganz normaler Verkehr rollt. Aber mit Licht am Rad, Stirnlampe und besonderer Vorsicht meisterten die Franken die zwischen 70 und 370 Meter langen Abschnitte. „Nach einer Stunde feierten wir unser Überleben mit einem Kaffee“, sagt Rinck lachend.

Nach dieser vierten Etappe liegen noch 495 Flusskilometer vor dem Henfenfelder. Auf einmal will er diese aber nicht herunterreißen – „auch wenn das nicht viel klingt“. Er will bei den nächsten beiden Touren Abstecher nach Moldawien und in die Ukraine machen und sich vor allem Zeit für das Donaudelta und den alten Leuchtturm von Sulina nehmen. Dort ist Flusskilometer null.

N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch