Holz und Horn mit Zähnen

Kamm-Macher Groetsch in Enzendorf

Robert Groetsch arbeitet am Herzstück der Werkstatt. | Foto: S. Fuchs2017/09/8350042.jpg

ENZENDORF – Fast unbemerkt von Kunden und Öffentlichkeit fand heuer bei den Kamm-Machern in Enzendorf ein echter Generationenwechsel statt. Die Kinder von Martin Groetsch, Melanie und Robert, übernahmen nahezu nahtlos und setzten damit die seit 1848 bestehende Familien-Tradition des Kamm-Machens aus Holz und Horn in der vierten Generation erfolgreich fort.

„Unser Urgroßvater“, erzählt Melanie Groetsch, Mutter von zwei 17 und 19 Jahre alten Töchtern, „hat als Kammmacher-Meister die Firma 1848 in Burgthann gegründet“. Schon damals entstanden aus Bein, Schildpatt, Horn und Holz in Handarbeit edle und langlebige Kämme. Großvater Martin Groetsch übernahm die Firma von seinem Vater; er war der letzte Kammmacher-Meister Deutschlands. Anfangs der 70er baute er eine alte Mühle am Pegnitzwehr in Enzendorf zu seiner Werkstatt um.

Sein Sohn Martin übernahm als gelernter Werkzeugmacher Ende der 80er den Betrieb und stellte in alter Tradition weiter echte Holzkämme her. Heute sei dieses Handwerk leider kein anerkannter Lehrberuf mehr, bedauert Melanie Groetsch, denn neben dem Knowhow seien Geschick und viel Wissen über die zu bearbeitenden Materialen wichtig.

Gen für Kämme
Nachdem sich der mittlerweile 75-jährige Martin Groetsch heuer langsam aus „seiner Werkstatt“ zurückgezogen und zur Ruhe gesetzt hat, übernahmen der 43-jährige Robert, gelernter Dachdecker, und die 45-jährige Melanie, ausgebildete pharmazeutisch-technische Assistentin, die Firma. Sie haben das Handwerk quasi von Kindesbeinen an von Vater und Großvater abgeschaut und viel Insider-Wissen erworben. Vielleicht war ihnen sogar so etwas wie ein „Kammmacher-Gen“ in die Wiege gelegt worden. War es zunächst das Erlernen der einzelnen Handgriffe, das Sägen, Schleifen und Nacharbeiten, das Mithelfen bei den einzelnen, oft filigranen Arbeitsgängen, so umfasst die Tätigkeit heute Qualitätskontrolle, Vertrieb und – ganz wichtig – den Kontakt zu den Kunden aus aller Welt.

„Wir beliefern Endkunden genauso wie den Großhandel. So gehen monatlich Kämme aus dem Pegnitztal nach Frankreich, England und sogar in die USA.“ Auch Friseure stehen auf der Kundenliste und wer sich für ein langlebiges Erzeugnis aus Holz oder Horn interessiert, der kann sich etwa in Bioläden in Hersbruck oder Lauf versorgen.
Für ihre Produkte verwenden die beiden Enzendorfer vor allem heimische Edelhölzer, etwa Elsbeere, Speierling oder auch Kirsche, neuerdings kommt Olivenholz dazu.

Einige Baumarten haben sie beziehungsweise ihr Vater auf dem weitläufigen Anwesen selbst angepflanzt. Aber reichlich Holz, zehn Jahre und länger abgelagert, ist im eigenen Bestand genug vorhanden, darunter noch etliche Stücke vom Opa. Das reiche wohl, wie Martin Groetsch vor längerem betonte, noch für seine Enkelkinder. Nadelholz sucht man dagegen vergebens, denn es ist in der Verarbeitung zu faserig und zu harzig. Hinzu kommt Horn von Rindern aus Indien, das in Plattenform (aufgesägt, erhitzt und geplättet) geliefert wird. Diese „Connection“ mit einem indischen Lieferanten stammt noch aus Großvaters Zeiten.

Aber wie kommen die Zähne in das Holz? Durch das Herzstück im Produktionsablauf, eine bald 120 Jahre alte Kammmacher-Maschine aus England – ein echtes, aber voll funktionsfähiges Museumsstück. Es soll, so weiß man aus Erzählungen, noch aus den Zeiten der ersten Industrialisierung stammen. „Sie funktioniert immer noch einwandfrei und das ohne Unterbrechung“, sagen die beiden stolz. Daneben gibt es eine Bandsäge, an der freihändig und ohne Schablone der Griff herausgesägt wird, rotierende Polierscheiben und Spezialscheiben, etwa zum Säubern der Zwischenräume. Schließlich wandert der Kamm nach vielen Arbeitsschritten ganz ohne industrielle Fertigung in Richtung Verpackung und Versand.

Ob Griff-, Locken-, Herren-, Damen-, Bart- oder Friseurkämme, „eine Oberflächenbehandlung, 
etwa mit Ölen oder Wachs, gibt 
es bei uns nicht“, betont Melanie
Groetsch. Die feinporige Holzstruktur kann so das Haarfett aufnehmen und wird auch bei Verwendung im nassen Haar nicht rau. „Unsere Produkte sind frei von statischer Aufladung.“

Und auffallend ist da noch, dass jeder verpackte Kamm den Aufkleber „CO2-neutral produziert“ trägt. Denn dank einer Turbine, die mit der Kraft des Pegnitzwassers betrieben wird, erzeugen die Kamm-Macher seit Jahrzehnten mehr Strom, als sie selbst für Werkstatt und Familie benötigen.

www.kammacher.de

N-Land Siegfried Fuchs
Siegfried Fuchs