Mit Werner Sörgel auf der Houbirg

Zentrum der Kelten

Werner Sörgel am „Perlenacker“ auf der Houbirg. | Foto: M. Scholz2017/09/Houbirg6.jpg

HAPPURG – Heute ist es still dort oben auf der alten „Götterburg“, dem hohen Berg oder „der Schanz“, wie die alten Happurger sagen. Die Houbirg war vor 2500 bis 3000 Jahren ein pulsierendes Zentrum, eine frühe Keltenhochburg. Der Goldkegel von Ezelsdorf oder auch das Bronzeschwert von Oberkrumbach stammen aus ihrem 40-Kilometer-Einzugsbereich. Kreisheimatpfleger Werner Sörgel kennt das bedeutende Bodendenkmal im Landkreis am besten. Mit ihm wanderte die HZ durch die fast komplett bewaldete prähistorische Festung.

Der Wind rauscht in den Bäumen, Vögel zwitschern, in der Ferne tuckert ein Traktor — und ist da nicht Pferdegetrappel am Eingangstor, hämmert dort nicht ein Schmied, murmeln da nicht Stimmen wie auf einem Dorfplatz? Auf dem Gelände der alten Keltenstadt oberhalb Happurgs kann einem schon einmal die Fantasie durchgehen, das bestätigt auch Werner Sörgel, während er von seinen Funden auf der Houbirg, von Glasperlen, Bronzefibeln oder seltener Keramik erzählt.

Aber eigentlich ist der 72-jährige Hartmannshofer ganz bodenständig unterwegs seit 1971. Damals entdeckte er auf einem Ameisenhaufen an einem Ackerrand in der Flur „Kühruh“ auf der Houbirg seine ersten von inzwischen sehr zahlreichen Tonscherben. „Das ist vorgeschichtlich“, sagte er damals sofort zu seiner Frau. Auf seinen Reisen, zum Beispiel in die Türkei, hatte er bereits sehr viele antike Keramiken gesehen. Experten bestätigten ihn.

„Das Bodendenkmal“
Schon bald engagierte ihn das Landesamt für Denkmalschutz als ehrenamtlichen Archäologen vor Ort. Sörgel bekam neben seinem Beruf als Zimmerer wissenschaftliche Schulungen. Er lernte, wie er systematisch Fundorte erfassen kann. „Wenn man weiß, was man da findet, dann ist das wie ein Virus“, schwärmt er. Jedes Wochenende und oft am Feierabend liefen er und Jochen Göbel von der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg mit ihren Frauen Äcker ab — „nach dem Pflügen, wenn es abgeregnet hat“ – und fanden Relikte aus teils sehr alter Zeit — von der Altsteinzeit über die Keltenära bis ins Frühmittelalter. Vieles davon ist heute im Urzeitbahnhof in Hartmannshof zu sehen.

Seine Worte sprudeln, wenn er oberhalb Happurgs, auf dem Weg kurz vor dem Westwall davon erzählt. Die Houbirg ist aus seiner Sicht „das Bodendenkmal schlechthin“, auch weit über die Metropolregion hinaus. Der mächtige, viereinhalb Kilometer lange Wall, der 90 Hektar Fläche umfasst und der in der frühen Keltenzeit geschätzte 2000 Einwohner beschützte — das ergibt die größte Höhensiedlung dieser Zeit in Süddeutschland. Ein Zentrum von erheblicher Bedeutung.

Warum, abgesehen von einer Stichgrabung im Ost-Wall 1982, bisher keine Archäologen das Keltenzentrum richtig erforschten, dafür hat Sörgel die eine oder andere Erklärung parat, wirklich verstehen kann er es aber nicht. Der Boden müsste nur so strotzen vor Funden. Die Hinweise darauf stammen großteils von ihm. Über 30 Jahre lief er die damals noch bewirtschafteten Äcker ab und hat während des Spaziergangs auf seiner früheren Archäo-Tour eine Menge zu erzählen.

Am Tor der Houbirg
Am Startpunkt sagt Sörgel: „Wo sich die beiden Wege teilen, müsste das Tor gewesen sein.“ Der Laie erkennt nichts mehr vom früheren Zangentor hier. Der Weg gabelt sich in 50 Metern, links ein paar Bäume, rechts ein länglicher Hügel, ebenfalls unter Bäumen. Sörgel deutet nach vorne: Reiter passierten diese Stelle nur durch lange hohle Gassen von rechts oder von links. Für Feinde gab es fast kein Durchkommen. Der längliche von Waldboden bedeckte Steinhaufen rechts ist der Rest einer der Gassen, links hat der Happurger Steinbruch zu sehr genagt.

Weiter hinten rechts kommt ein freies Feld mit Obstbäumen. „Das ist der Haupttoracker“, erklärt Sörgel und deutet mit seinen Walking-Stöcken auf die Wiese. Hier stand ein keltisches Haus, sagt er, auf vier mal sechs Metern sei der Boden entsprechend verfärbt gewesen. Archäologen haben hier oben nie gegraben, aber hier fanden sich Reste aus Abfallgruben und schwarze Erde einer früheren Feuerstelle. Beides zusammen verrät den Gebäudestandort. Üblich waren Holzhäuser, vermutlich mit Strohdach.

Der Pflug bewegte die Hinterlassenschaften der Bewohner im Boden zwar, aber gewöhnlich nur begrenzt. Er verteilte sie nicht auf dem ganzen Gelände. So klaubte der Kreisheimatpfleger in acht Metern Umkreis Tonscherben und Bronzefibeln aus der Krume, eindeutig frühkeltisch. Auch im nahen Karwinkel und in der Kühruh standen Häuser in „aufgelockerten Siedlungen“, schlussfolgert der Hobbyforscher. Viele Handwerker habe es hier zwischen dem Haupttor und der gegenüberliegenden Wallseite mit dem hinteren Bocksberg gegeben. In der Kühruh zum Beispiel fanden Sörgel und Göbel an einer Stelle Bronzeschlacke, die unschwer als Rest einer Gießerei der frühen Urnenfelderzeit (zirka 1100 v. Chr.) zu erkennen war.

„Scherben in der Wurzel“
Nach dem Haupttoracker liegen rechts frische Baumscheiben, der Boden ist mit Fichtenstreu bedeckt. Sörgel fokussiert sofort mit geschultem Auge auf den Hang, auf kleine Kalksteine, die aus der dunklen Erde spitzen. „Ja, dort würde ich nachsehen“, bestätigt er. Seit kein Bauer mehr auf der Houbirg sein Land bestellt und die Forschung sich wenig interessiert, bleiben nur „Baumwürfe“ für neue Erkenntnisse. Das sind bei Sturm entwurzelte Bäume, die aus der Tiefe Vorgeschichte ans Licht bringen.

Links vom Weg öffnet sich eine weitere, große Lichtung. Das ist ein früherer Acker, heute Wiese: „Der Fundort schlechthin“, sagt Sörgel. „Sehen Sie“, sagt er, „dort in dem flachen Hügel lag zentnerweiße Eisenschlacke im Boden.“ In der Frühlátenezeit (550 v. Chr.) haben Kelten dort das Metall verhüttet. Vier solche Stellen sind auf der Houbirg nachgewiesen. Das ist aber nicht alles: Das Areal nennt Sörgel auch „Perlenacker“. Denn dort fand er über die Jahre zehn bunte Schichtaugenperlen, wie sie noch vereinzelt in der Türkei oder in Jordanien getragen werden. „Bis heute sollen sie den bösen Blick abwehren“, weiß Sörgel. Kurz reißt der Vorhang der Jahrtausende auf.

Es muss keine keltische Glasmanufaktur auf der Houbirg gegeben haben. Nichts weist bisher darauf hin. Aber es gibt im gesamten Einzugsgebiet der Keltenfestung Funde, die den Wohlstand der damaligen Landbewohner belegen. Zum Beispiel fanden sich wertvolle Bronzefibeln im Henfenfelder oder Altensittenbacher Gräberfeld. Sörgel geht davon aus, dass die Houbirg in der ausklingenden Bronzezeit ein wichtiges Handelszentrum war mit vielen kleineren Siedlungen und bewirtschafteten Feldern im Umland.

Und wie war es später? „Das wissen wir nicht“, sagt er. Die wissenschaftliche Grabung von 1982 bewies immerhin, dass es mindestens zwei verschiedene größere Besiedelungsepochen hier oben gab, unterbrochen von vielleicht 100 Jahren Verfall und Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit. Warum die Festung etwa 800 bis 1000 v. Chr. und noch einmal 380 v. Chr. aufgegeben wurde, ist nicht bekannt. „Es könnte auch fluchtartig gewesen sein“, mutmaßt Sörgel. Aber völlig unbewohnt war sie bis ins frühe Mittelalter wohl nie.

Vor dem mächtigen Ost-Wall, den Sörgel hunderte Male gesehen hat, ist er merklich beeindruckt: „Schauen Sie nur“, ruft er aus. „An der Außenseite ist er bis zu 13 Meter hoch.“ Aus dieser Zeit gebe es wenig Vergleichbares. Vorausgesetzt, die heutige Höhe ist wirklich keltisch. Denn der Name „Schanz“ aus dem Volksmund ist eigentlich mittelalterlich. Es könnte auch sein, dass die Wand im 10. Jahrhundert, während der Ungarn-Einfälle, aus Furcht vor Angriffen aufgestockt wurde. Niemand weiß das wirklich.

Der Wall ist massig. Auf seinem Rücken geht es über Wurzeln in Richtung des hinteren Blocksberg. Sörgel rätselt darüber, wie die Mauer zur Keltenzeit ausgesehen haben mag. Holzpalisaden seien sicher darauf gesetzt gewesen. Aber was bedeutet der kleine, deutlich erkennbare Vor-Wall? Der Kreisheimatpfleger wüsste gerne mehr und hadert deshalb damit, dass die 1982er Grabung nicht tief genug reichte. Befinden sich noch Pfahlreste im Boden?

Der in den Wall eingebaute hintere Blocksberg-Gipfel, eine kleine Dolomitfelsgruppe, ist schon zu sehen, als Sörgel von Grabungen der Naturhistorischen Gesellschaft vor gut 100 Jahren erzählt. An der Wall-Innenseite habe sie Hüttenfundamente entdeckt und vollständige Knochen einer Rinderhälfte. Für ihn ist klar: Irgendwo müssen die Bauhütten für das Mammutprojekt Wall ja gestanden haben.

Religiöses Zentrum?
Die fast komplett bewaldete Houbirg war damals blank. So bot der hintere Blocksberg einen fantastischen Ausblick. Heute schaut man hier überall auf Bäume. Sörgel kommt aber noch auf ein anderes Thema: „Am höchsten Punkt einer Siedlung war in der damaligen Zeit häufig das religiöse Zentrum — wenn die Houbirg damals so bedeutend war, dann war das hier.“ Konkrete Funde, zum Beispiel Tonscherben wie bei einem Opferplatz, fehlen bisher. Erst recht ein Goldhut wie der von Ezelsdorf.

„Er wird aber mit der Houbirg in Verbindung gebracht“, ist er überzeugt. Immerhin befand er sich in deren Einzugsgebiet und Kult-Gegenstände seien in Unruhezeiten immer außerhalb der Zentren versteckt worden. Wieder hebt sich der Vorhang der Geschichte kurz.

Beim Abstieg vom hinteren Bocksberg heftet sich Sörgels Blick fest auf den Boden. „Ich kann gar nicht anders“, erklärt er, „meine Frau sagt auch immer, dass ich von der Landschaft gar nichts mitbekomme.“ Dafür aber umso mehr von der Bedeutung des Ortes, an dem er sich gerade befindet.

N-Land Michael Scholz
Michael Scholz