Projekt „Albtrauf Hersbrucker Alb“

Wildnis kontra Eingriff

Das Projektgebiet durchzieht die gesamte Hersbrucker Schweiz, wie an den pink umrandeten Flächen zu sehen ist. | Foto: privat2017/09/8336151.jpeg

HERSBRUCKER SCHWEIZ – Blickt man auf die Hersbrucker Schweiz, sieht man viel Natur. Beim zweiten Hinsehen verstecken sich darin Siedlungen, Landwirtschaft und Wälder als genutzte Systeme – Dinge, die der Mensch geprägt hat. Und genau in diesem Spannungsfeld zwischen Naturschutz, Forstwirtschaft und menschlichem Eingreifen bewegt sich das neue Projekt des Naturschutzzentrums Wengleinpark „Albtrauf Hersbrucker Alb – naturnahe Wälder“.

Das neue Baby des Wengleinparks wird vom bayerischen Naturschutzfonds aus Erträgen der Glücksspirale mit 348.500 Euro – bei einer Projektsumme von 410.000 Euro – gefördert und läuft bis 2019. Es ist eines von neun Leuchtturmprojekten in Bayern, mit dem der Wengleinpark ein Gesamtkonzept verfolgt, wie Karl Heinlein erklärt: „Die Projekte – das ist jetzt das dritte – bauen aufeinander auf und vernetzen sich.“ So werden die vorhandenen Biotope nun um schutzwürdige Wälder erweitert.

Park nicht das Ziel
Kann das einmal in einen Nationalpark münden? „Nein, das geht erstens nur auf öffentlichem Grund, also Staatswald, und ist hier wegen der Strukturen nicht möglich“, sagt Heinlein. Sein und das Ziel des Wengleinparks ist vielmehr Naturschutz unter dem Motto „sowohl als auch“, eine Nutzung der Natur ist nicht ausgeschlossen. Denn auch eine komplette Wildnis lehnt Heinlein ab: „Der Mittelweg ist nötig.“

Um diesen geht es auch beim neuen Projekt, dem Albtrauf, einer von 30 Hotspot-Regionen der biologischen Vielfalt in Deutschland. Ziel ist es, die hiesigen, typischen Waldgesellschaften zu erhalten, die Standortvielfalt zu sichern und gar zu verbessern, wie Heinlein darstellt. Und wie soll das gehen? In erster Linie über Beratung der privaten und kommunalen Waldbesitzer in Sachen naturnahe Bewirtschaftung, über Kartierungen, Dauerbeobachtung von Flächen ohne Nutzung und Ankauf von Gebieten (etwa 50 Hektar vor allem an Sonderstandorten) durch den Bund Naturschutz. Für Letzteres sind 140 000 Euro vorgesehen.

Seilbahn im Wald
Aber wie reagiert ein Waldbesitzer, wenn man ihm sagt, er solle seinen Grund nicht mehr nutzen? „Die Bereitschaft von diesen ist schon da“, meint Heinlein. Zumal er und Andreas Hemp von der Uni Bayreuth feststellen: „Die Projektwälder werden eh wenig bearbeitet, da sie zu steil, zu feucht oder zu trocken sind.“ Und viele haben die Grundstücke vererbt bekommen, sind keine Landwirte mehr oder nicht auf den Ertrag angewiesen. „Urbane Waldbesitzer“ nennt man das in der Fachsprache.

Eine naturschutzgerechte Nutzung ist außerdem möglich – zum Beispiel eine Ernte mit der Kleinseilbahn des Vereins, für deren Optimierung rund 10 000 Euro im Kostenplan vorgesehen sind. Um das dem Eigentümer näher zu bringen, wurde der Waldnaturschutzberater und Förster Burkhard Reuter für die Dauer der Projektlaufzeit beim Wengleinpark angestellt. Seine halbe Stelle wird von Bernd Reitenspieß, der für Öffentlichkeitsarbeit und Bildung zuständig ist, ergänzt.

Hauptfrage beim Albtrauf wird wohl der Eingriff des Menschen in die Natur sein: Als Beispiel zieht Heinlein den Hohenstädter Fels heran. Hier entstand der Wald durch eigene Entwicklung, die so genannte „natürliche Sukzession“. Wäre jetzt nun die Nutzung der „wertvollen Bestände“ dort und die Möglichkeit, dadurch die Biodiversität zu verbessern, eine Verschlechterung für das Gebiet?

Reuter ist der Meinung, dass „waldbauliche Maßnahmen das Artenspektrum steigern“ können. Er denkt dabei an gezieltes Pflanzen von Mischbaum- und Ulmenarten, Feldahorn, Elsbeere, Eibe, Weißtanne, Wildobst und Mehlbeere in der Verjüngungsphase des Waldes und die Wiederbelebung der in Wirtschaftswäldern fehlenden Plenter- und Zerfallsphase: „Hier bietet Totholz viel Lebensraum.“

Menschliche Intervention scheint Reuter auch nötig, wenn nitrophile oder invasive Pflanzen wie Himbeere oder Japan-Knöterich überhandnehmen oder Blätter und Bäume beispielsweise das Wachstum des Purpur-Knabenkrauts verhindern.
Er fragt daher, ob ein Nutzungsverzicht beim Erhalt der Biodiversität hilft. Das wird das Projekt vielleicht am Ende beantworten können, denn es ist dank Dauerbeobachtung von Wald-Wildnis und naturschutzgerechter Bearbeitung breit gefächert. Möglicherweise wird es der Mittelweg werden, den sich Heinlein wünscht: „Lasst der Natur mehr Spielraum.“

Zum Thema: Das Albtrauf-Projekt
Das ausgewählte Gebiet umfasst rund 4600 Hektar, verteilt auf die Gemeindegebiete von Pommelsbrunn, Vorra, Kirchensittenbach, Happurg, Offenhausen und Hersbruck, darunter Buchen-, Edelholz-, Quell- und Auenwälder in Landschaftsschutz-, FFH- und Naturschutzgebieten. Schwerpunkte sind die Bereiche um Algersdorf (Stichwort Märzenbecherwald), Düsselbach, Hohenstädter Fels, Houbirg, Zankelstein, Kainsbacher und Molsberger Tal (Kalktuffquellen).

Das Besondere am Albtrauf, dessen Wälder von Lage, Mikroklima und Geologie beeinflusst und geformt sind, wie Hemp weiß, sind die Blockschutthalden, Ornatentonterrassen und Kalktuffquellen, die „verzahnte Vegetationsgesellschaften“ aufweisen. Grundlage ist eine intensive Zusammenarbeit der Initiatoren, Gemeinden, Waldbesitzer, Jäger, Kirchen, der Forstbetriebsgemeinschaft, Maschinenring, Naturschutzbehörden und der Forstverwaltung in einem projektbegleitenden Arbeitskreis. Heinlein betont, dass es sich beim Albtrauf um ein Projekt von „BayernNetzNatur“ handelt, dessen oberstes Prinzip das freiwillige Mitwirken ist: „Es gibt keine von oben verordnete Unter-Schutznahme!“

N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch