Erinnerung an Reichspogromnacht

Gemeinsam gegen Ausgrenzung und Gewalt

Das Plakat zur Protestaktion „Pogrom 80“, die in Forth, Schnaittach, Hüttenbach und Ottensoos stattfindet.2018/11/pogrom-80-Banner-Huttenbach1.jpg

FORTH/SCHNAITTACH/HÜTTENBACH/OTTENSOOS — Vier Gemeinden im PZ-Gebiet erinnern am morgigen Freitag, 9. November, mit einer gemeinsamen Aktion an die Reichs­pogromnacht vor 80 Jahren. In Forth, Schnaittach, Hüttenbach und Ottensoos wird in Form eines Doku-Theaters an Einzelschicksale ehemaliger jüdischer Mitbürger erinnert.

2018 jährt sich die Pogromnacht zum 80. Mal. Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gilt als Kriegserklärung gegen alle Deutschen jüdischen Glaubens. Die Nationalsozialisten nutzten das Attentat des Juden Herschel Grynszpan auf den deutschen Botschafter Ernst vom Rath in Paris als Vorwand, um in einer konzertierten Aktion Anschläge gegen Juden und jüdische Einrichtungen durchzuführen.

Was die Nazis als „Reichskristallnacht“ abtaten – als wäre nur ein wenig Glas zu Bruch gegangen –, hatte in Wahrheit ein verheerendes Ausmaß. Während der Ausschreitungen und in ihrer unmittelbaren Folge starben weit mehr als 1300 Menschen. Mindestens 1400 Synagogen und Gebets­häuser und damit über die Hälfte aller jüdischen Gotteshäuser in Deutschland und Österreich wurden stark beschädigt oder ganz zerstört. Am 10. November 1938 wurden mehr als 30. 000 jüdische Männer in Konzentrationslager verschleppt, die tausende von ihnen nicht überlebten. In der Nacht vom 9. November begann der Holocaust.

Gemeinsame Aktion

Auch die Synagoge in Hüttenbach brannte nieder. Das Forther Gotteshaus wurde beschädigt und wenige Jahre später abgerissen. Die Synagogen in Schnaittach und Ottensoos dagegen existieren noch heute. Diese vier Gemeinden, die über Jahrhunderte eine Rabbinatsgemeinschaft, eine Medinah, bildeten, wollen nun auch gemeinsam der vertriebenen und ermordeten Juden ihrer Heimatdörfer gedenken. Dazu greifen sei in einem „Wandeltheater“, das von der Eckentalerin Martina Switalski inszeniert (hier geht’s zum Kurzinterview mit der Organisatorin) wird, Einzelschicksale jüdischer Mitbürger heraus.

Den Auftakt macht der Eckentaler Ortsteil Forth. Dort treffen sich Interessierte um 16 Uhr vor dem evangelischen Gemeindehaus in der Hauptstraße 47. In dem Anspiel geht es um das Schicksal der beiden alten Damen Rosa und Pauline Schnaittacher, die man aus ihrem Haus vertrieb, bevor dieses geplündert wurde.

Von Forth aus fährt ein Shuttlebus zu den weiteren Veranstaltungsorten. Autos können in Forth abgestellt werden.

Nächste Station ist Schnaittach. Dort sind die Bürger um 17 Uhr eingeladen, zum Kolbmannshof in der Nürnberger Straße 34 zu kommen. Nachgestellt wird das Schicksal von Emma Ullmann, die am 12. November 1938 in Gestapo-Haft getötet wurde. Bis zu ihrer Deportation lebte sie im benachbarten Anwesen Nummer 32. Der Theaterverein Edelweiß, in dem die Jüdin damals aktives Mitglied war, stellt die Szene dar.

In Hüttenbach beginnt die Veranstaltung um 18 Uhr am Platz der ehemaligen Synagoge (Haunacher Straße 47). Im Mittelpunkt stehen die Aufzeichnung von Hugo Burkhard. Der Hüttenbacher überlebte sieben Jahre Haft in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald. Die Chorgemeinschaft Simmelsdorf-Hüttenbach umrahmt das Gedenken musikalisch. Bürgermeister Perry Gumann spricht ein Grußwort und die beiden christlichen Geistlichen ein Gebet. Während der Veranstaltung ist die Straße gesperrt, die Feuerwehr regelt den Verkehr.

Den Abschluss bildet ein „Musik-Gespräch“ von 19 bis etwa 20 Uhr in der ehemaligen Synagoge in Ottensoos (Dorfplatz 5). Hier steht die Diffamierung des protestatischen Pfarrers Wilhelm Dietzfelbinger im Fokus, der sich gegen die Hetze stellte. Er unterhielt eine Freundschaft mit der jüdischen Familie Sommerich, die neben dem Pfarrhaus wohnte. Dafür wurde er als „Judenknecht“ verleumdet. Trotzdem besuchte der Pfarrer die Hochzeitsfeier seiner jüdischen Nachbarin, um ein Zeichen zu setzen.

Die vier Teile des Stücks werden von fünf der sieben Todsünden begleitet: Wollust, Zorn, Habgier, Hochmut und Neid. In dem Stück, das in Ottensoos zur Aufführung kommt, wirkt auch ein Urenkel des wehrhaften Pfarrers mit: Anton Dietzfelbinger. Er formuliert Fragen an die Todsünden. Nachgestellt werden historisch verbriefte Szenen damaliger Entehrung und Vernichtung und damit Mechanismen der Ausgrenzung und des Antisemitismus, die auch heute noch Gültigkeit haben.

Unterstützt wird das einmalige Projekt der ehemaligen „Medinah OSchFaH“ durch die Musik von „Sheynhoven“.

Wer alle vier Aktionen besuchen möchte, kann den Bustransfer in Anspruch nehmen. Weitere Fragen und Anmeldung zur Tour-Bus werden per Mail an artistakultur@gmx.de entgegengenommen.

N-Land Pegnitz-Zeitung
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