Retrospektive von Kurt Kolbe in der Laufer Burg

Flucht, Wurzeln, Weite

Die großformatigen Werke Kurt Kolbes, die Dokumente eines schöpferischen Lebens in den Vitrinen und der Touchscreen mit den „Kunst am Bau“- Arbeiten in der Laufer Kaiserburg stießen auf großes Interesse. | Foto: Scharrer2018/10/Kurt-Kolbe-Ausstellungsraum-Kaiserburg.jpg

LAUF — „Aus Tschechien geflohen, in Lauf zu Hause und integriert, strahlte er in die Metropolregion aus!“, so fasste Stadtarchivarin Ina Schönwald die Vita des 2016 verstorbenen Künstlers Kurt Kolbe zusammen. Diesen Tenor eines anfangs durch den Weltkrieg geprägten Lebens griffen fast alle Festredner im wunderbar renovierten Teil des Laufer Wenzelschlosses auf, wo bis Ende Januar die erste Retrospektive mit Arbeiten zu sehen ist.

Die Familie des im öffentlichen Raum von Nürnberg und Umgebung sehr präsenten Künstlers bemühte sich gemeinsam mit Politik und Geldgebern jahrelang um eine Ausstellung der „persönlicheren Werke“ Kurt Kolbes und freute sich mit vielen Gästen über eine gelungene und facettenreiche Werkschau.

Kurt Kolbe war kein Maler der schnellen Ergebnisse. Teils jahrelang überarbeitete er seine Gemälde immer wieder aufs Neue, verriet sein Sohn Sebastian Kolbe: „Fertig war er nie!“. Geht man an den im Schloss ausgestellten Bildern entlang, erschließt sich das recht schnell. Fühlbar schwere und in haptischen Spachtelstrichen aufgebrachte Farbe formt die Gemälde ebenso sehr wie die teils vorher, teils nachträglich angebrachten Zeichenstriche sie prägen und lebendig machen.

Kolbes Gemälde verdanken seiner grundsoliden Ausbildung zum handwerklichen Maler bei der Maler- undLackiererinnung in Nürnberg ebenso viel wie seiner großen Verehrung der Malerei der „klassischen Moderne“. Auch seine vielen Reisen, explizit unternommen, um Kunst- und Kultur-Orte aufzusuchen und sie sich mit Skizzenblock und Reisefarbkasten anzueignen, wurden zu Orten der Inspiration, wie sich Sebastian Kolbe im sehr gelungenen Katalog zur Ausstellung erinnert.

Ein wichtiger Mentor war auch Kolbes Lehrer an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, Otto Michael Schmidt. Der lehrte ihn in der Klasse für Wandmalerei die damals schon exotische Techniken der Freskomalerei und des Mosaiks. Sie ermöglichten viele der großformatigen Werke Kolbes im öffentlichen Raum und in den vielen neu entsehenden Sakralbauten im Großraum. Die Werkschau in Lauf zeigt aber eher, wo Kolbe herkam, als wo er sich hin entwickelte. Die gezeigten Bilder sind eher eine Innenschau, eine Aufzählung geliebter Orte oder ein wuchtiges Statement der Künstler-Modell-Beziehung.

Wo er herkam, das war aber eben auch Freiheitsau im Sudetenland. Die Fäden, die sich zwischen Lauf und Tschechien, zwischen der Akademie der Bildenden Künste und ihrer Außenstelle im Laufer Schloss und zwischen dem Exil-Tschechen Kolbe und seinem öffentlichkeitswirksamen Schaffen in Lauf, Nürnberg und Umgebung spannen, machen diese Ausstellung als allererste überhaupt in den Räumen der Burg besonders passend.

Wie verwurzelt der ehemalige Flüchtling in seiner neuen Heimat war, zeigten die zahlreich und in Festtagsuniform erschienenen Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr Oedenberg, wo Kolbe lebte und sich engagierte. Auch der Laufer Künstlerkreis, deren Sprecher Kolbe jahrelang war, hatte sich in voller Stärke eingefunden und berichtete wehmütig von abenteuerlichen Fahrten im mit Bildern vollgeladenen Kleinbus in die französische Partnerstadt Brive-la-Gaillarde.

Wehmut über den Verlust des Menschen und Malers Kurt Kolbe wurde im Lauf der gelungenen Feier zu schönen Erinnerungen: Christoph Grassl und Peter Schwarzer von der Laufer Musikschule kredenzten auf ihren Klarinetten vom Maler geliebte Mozart-Kompositionen, Bürgermeister Benedikt Bisping rief sich in Erinnerung, wie Kolbe ihn, den frisch gekürten Bürgermeister, ermahnt hatte: „Herr Bisping, vergessen Sie nicht: Kunst braucht Räume!“. Landrat Armin Kroder blickte auf die blühende Kulturszene der Region, die Geschichte Kurt Kolbes und erinnerte daran, dass auch Albrecht Dürer das Kind von Einwanderern gewesen sei.

Ina Schönwald, die als Leiterin des Stadtarchivs den Werken Kolbes nun Heimat in Form einer Dauerleihgabe geben wird, hatte mit der Schwester des Malers, Hedi Seebode, die Knochenarbeit an der entstehenden Ausstellung geleistet. Einzelheiten über den Künstler recherchierte sie aus Notizzetteln und anderen Lebenszeugnissen. Sie wies auch auf den innovativen Bildschirm im Ausstellungsraum hin, auf dem man durch Fingerklicks die Werke im öffentlichen Raum besichtigen kann. Ihr Dank galt neben anderen auch Honorarkonsul Hans-Peter Schmidt, der sich immer für die Entwicklung im Laufer Schloss eingesetzt habe.

Das bewegendste Werk Kurt Kolbes ist vielleicht das in erdigen Farben gehaltene „Werden und Vergehen“. Menschliche Figuren stürzen übereinander, bergen den Kopf in Händen oder krümmen sich am Boden. Ob dieses Motiv den frühen schrecklichen Erfahrungen der Kriegsjahre geschuldet ist, oder wie Ina Schönwald im Katalog erörtert, das Leid und die Orientierungslosigkeit der Kreatur innerhalb der zunehmenden Konsumgesellschaft den Maler beschäftigte: das Gemälde wird zum eindringlichen Sinnbild für ähnliche Entwicklungen heute – ein roter Faden in Werk. Ausstellung und Eröffnungsfeier. Sehenswert!

Ergänzt wird die Ausstellung, die noch bis 27. Januar zu sehen ist, durch einen Ausstellungskatalog sowie durch das in enger Zusammenarbeit mit dem Industriemuseum Lauf entstandene museumspädagogische Angebot für Gruppen „Wer löst das Geheimnis der Bilder?“, welches unter der Telefonnummer 09123/9903-14 gebucht werden kann.

N-Land Ute Scharrer
Ute Scharrer