Innenminister stellt Pilotprojekt mit Sichtschutzwänden vor

Rote Karte für die Gaffer

Bieten Abschirmung gegen Gaffer an Unfallstellen – die neuen Sichtschutzwände. Hier auf einem eigens dafür konzipierten Hänger. | Foto: Spieß2017/08/fischbach-herrmann-schutzwaende2.jpg

FISCHBACH – Bayerns Innen- und Verkehrsminister Joachim Herrmann startete gestern ein Pilotprojekt mit neu entwickelten Sichtschutzwänden gegen Gaffer an Unfallstellen. Es soll bei schweren Verkehrsunfällen auf Autobahnen zum Einsatz kommen. Einen ersten Eindruck vom neuen System konnte man beim Probeaufbau in der Autobahnmeisterei Nürnberg-Fischbach gewinnen.

Da je nach Unfallort und -geschehen Rettungseinsätze oft mehrere Stunden dauern, sollen die neuen Sichtschutzmaßnahmen nicht nur für mehr Verkehrssicherheit sorgen, sondern auch die Würde der Unfallopfer schützen. Herrmann: „Schaulustige werden immer mehr zum Problem. Denn die Gaffer behindern die Rettungsarbeiten und schaffen durch ihre hemmungslose Neugier zusätzliche, völlig unnötige Unfallgefahren. Gerade auf Autobahnen kommt es dann häufig zu Folgeunfällen, weil selbst auf der Gegenfahrspur Schaulustige lauern. Aber auch der Opferschutz verlangt nach wirksamen Maßnahmen.“

Dies hatte unter anderem der schwere Busunfall Anfang Juli auf der A9 im Landkreis Hof mit vielen Toten gezeigt. Aber auch das tragische Geschehen kürzlich in Coburg: Dort war erst kürzlich ein 20-jähriger Feuerwehrmann gestorben – und ein Unbeteiligter wollte das Geschehen am Unfallort filmen. Den sensationsgierigen Gaffern will Bayerns Innen- und Verkehrsminister Joachim Herrmann nun im wahrsten Sinne einen Riegel vorschieben. Er stellte an der Autobahnmeisterei Nürnberg-Fischbach dazu ein Pilotprojekt mit speziellen Sichtschutzwänden mit einer Länge von bis zu 100 Metern für schwere Verkehrsunfälle auf Autobahnen vor, das die Autobahnmeistereien Herrieden und Münchberg seit August testen.

System aus den Niederlanden

Das System der mobilen Sichtschutzwände kommt aus den Niederlanden, in Deutschland wurde es zum ersten Mal 2015 im Bundesland Nordrhein-Westfalen verwirklicht. Im Unterschied zu NRW reicht bei der bayerischen Version ein Transporter als Zugfahrzeug für den Hänger mit den Wänden, dadurch wird das Befahren der Rettungsgasse wesentlich erleichtert. Denn das Problem Rettungsgasse ist immer noch gegeben, trotz intensiver Berichterstattung in den Medien, deren Wirkung Herrmann als bereits registrierbare Verbesserung einschätzte.

Die eigens von der Autobahndirektion Nordbayern und einer mittelfränkischen Firma entwickelten Stellwände sollten hinsichtlich Transport, Aufbau und Stabilität zweckmäßig sein – blickdicht, aber nicht winddicht. Sie bestehen aus Meshgewebe, sind leichter als die in NRW, 2,25 Meter breit und 2 Meter hoch und können von einem einzelnen Mitarbeiter der Autobahnmeisterei aufgebaut werden, die im Bedarfsfall durch den THW verstärkt wird. Es ist geplant, das neue System nur bei größeren Unfällen auf Autobahnen einzusetzen und auch da nur, wenn eine Sperrung von drei oder mehr Stunden zu erwarten ist, denn je nach Lage des Unfallorts muss man mit bis zu 90 Minuten für Transport und Aufbau rechnen.

Modellversuch bis 2018

Die Kosten von rund 40 000 Euro pro Anhängereinheit „sind gut investiert“, so Hermann, „wenn dadurch Behinderungen der Rettungskräfte durch hemmungslose Sensationsgier vermieden werden können“. Der Modellversuch soll spätestens 2018 beendet sein. Wenn es sich bewährt, könnte es laut dem Minister gut sein, dass das neue System auch bundesweit zum Einsatz kommt.

N-Land Erich W. Spieß
Erich W. Spieß