BayernSPD-Generalsekretär Grötsch, Landtagskandidatin Gardill

Zwei Ringer auf dem Roten Sofa

In der linken Sofaecke SPD-Generalsekretär Uli Grötsch, Fragen stellte Lisa Huber. In der rechten Sofaecke SPD-Landtagskandidatin Kerstin Gardill. | Foto: Hornung2018/03/Rotes-Sofa.jpg

FEUCHT – Zum achten Mal findet das Rote Sofa der Feuchter SPD in der Reichswaldhalle statt: Vier Runden Fragen, je eine Runde private und eine politische, an zwei Persönlichkeiten. In der linken Sofaecke: BayernSPD-Generalsekretär Uli Grötsch. In der rechten Sofaecke: Landtagskandidatin Kerstin Gardill. Es geht um Vorbilder und Familie, ihre ersten politischen Schritte, #SPDerneuern und den FC Bundestag.

Auch an diesem Abend ist Uli Grötsch auf dem Sprung. Nimmt zwischen München und Berlin eine Stunde Platz in Feucht, auf dem Roten Sofa der SPD in der Reichswaldhalle, um Fragen zu beantworten und zu erzählen. Wo in seinem Leben als hauptamtlicher Politiker noch Platz ist für Familie („zwischen 23 und 2 Uhr am Küchentisch“), von seiner Zeit im FC Bundestag oder wie er dazu kam, Generalsekretär zu werden („Ich werde den Moment nie vergessen, als Natascha Kohnen mich anrief.“) Neben ihm auf dem Diwan: Kerstin Gardill. Zur Landtagswahl im Herbst tritt die Altdorferin für die SPD im Stimmkreis Nürnberg-Ost an. Gegen Söder. Gardill gegen Goliath? Das würde die Altdorferin sicher verneinen. Angesprochen auf den Gegner antwortet sie, fast routiniert: „Ich kandidiere nicht gegen den künftigen Ministerpräsidenten, sondern für die SPD.

Weil Grötsch aber auf dem Sprung ist – tags drauf wird er dabei sein, wenn seine Genossen in Berlin die neuen SPD-Minister des künftigen Kabinetts verkünden – heißt es an diesem Abend trotz Frauentag: Gentlemen first.

Einen Tag verbringt er Zuhause, maximal zwei. Den Rest der Woche pendelt Uli Grötsch zwischen München und Berlin. Als Generalsekretär der BayernSPD führt er in München die Geschäfte seiner Partei, als Abgeordneter des Bundestags vertritt er in Berlin die Interessen der Bürger seines oberpfälzischen Wahlkreises Weiden, Neustadt-Waldnaab und Tirschenreuth. Grötsch wohnt in Waidhaus, wo er als 19-Jähriger den Jusos beitrat. Zur Politik kam er „wie die Jungfrau zum Kinde“, durch einen Freund. Vorher habe er sich nicht wirklich dafür interessiert, nie Nachrichten geschaut, keine Zeitung gelesen. Je mehr er sich eingelassen hat, desto mehr habe ihn Politik fasziniert, als „weites Feld, in dem eines mit dem anderen zusammen hängt“.

Ein Zusammenhang besteht auch zwischen seinem Wirken als Juso-Jungspund in Waidhaus und als SPD-Vertreter in Berlin. Als Anfang der 90er viele Menschen aus Rumänien und Bulgarien zum Arbeiten über die Grenze kamen und die Stimmung in seinem Heimatort zu kippen drohte, organisierten Grötsch und seine Juso-Genossen „Aktionswochen gegen Ausländerfeindlichkeit“. Als Mitglied des NSU Untersuchungsausschusses hat er zur Aufklärung rechtsterroristischer Strukturen beigetragen.

Grötsch hat im FC Bundestag gespielt, der fraktionsübergreifenden Hobbymannschaft der Parlamentarier. Lisa Huber, Jungsozialistin im Vorstand der SPD Feucht und als Kanutrainerin ebenfalls sportlich aktiv, wollte von ihm wissen, was ihm der Sport im FC bedeute. „Das ist mein Ausgleich. Im Bundestag sitzt man viel.“ Den FC habe er allerdings verlassen, als die ersten AfD-Mitglieder eintraten. Mit AfDlern will er nicht in einer Mannschaft spielen.

Seit 2013 ist Grötsch im Bundestag, seit Mai letzten Jahres Generalsekretär der BayernSPD. Die letzten Monate habe er zwar als extrem turbulente Zeiten erlebt. Als Jamaika scheiterte, habe die SPD begonnen zu ringen. „Ich bin aber ein Mensch, der Ringen gut findet.

Kohnen wusste Rat

Mit sich gerungen hat auch Kerstin Gardill, als es um die Frage ging, ob sie für den Landtag kandidiert. Die Altdorferin ist alleinerziehende Mutter zweier Kinder. „Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht, ob ich meinen Hut in den Ring werfe. Ich habe Natascha Kohnen gefragt, die vor zehn Jahren in den Landtag gekommen ist, als ihre Kinder ungefähr so alt waren wie meine: Geht das überhaupt?“ Kohnens Antwort: Es geht. Wenn man auch mal ein Wochenende Zuhause bleibt und was mit den Kindern macht.

Als Alleinerziehende könne sie aber all ihre Aufgaben nur Dank der Unterstützung ihres familiären Umfelds stemmen. „Wenn der Kontext stimmt, geht das“, sagt sie. „Alleine würde ich das, gerade in der Ferienzeit, nicht schaffen.“ Neben bezahlbarem Wohnraum und einem klaren Einwanderungsgesetz nennt sie auch kostenlose Betreuung als politisches Ziel. „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf darf nicht nur für Menschen mit Geld möglich sein.

SPD erneuern: Was muss denn passieren, dass wir uns erneuern?“, wollte ihr Gesprächspartner Ernst Klier wissen. „Wir brauchen mehr Mut zur Zuspitzung. Wir verlieren uns schnell in Details, das ist für viele Menschen, die viel beschäftigt sind und sich nicht den ganzen Tag mit politischen Themen beschäftigen, oft schwierig nachzuvollziehen. Was uns ein bisschen fehlt, sind die großen Überschriften.“ Ihre Vorschläge für Slogans: Wir sind die Partei, die soziale Ungleichheit bekämpft, die sich für eine neue Entspannungspolitik zum Beispiel gen Russland einsetzt, die den Nord-Süd-Dialog neu ins Leben ruft, den auch Willy Brandt forciert hat. „Die Leute müssen wissen, wofür wir stehen.“

Willy Brandt, den kennt sie gut. Über ihn hat die Historikerin ihre Magisterarbeit an der Berliner Humboldt Universität geschrieben. Als sie in der Hauptstadt studierte sei die Bundesregierung gerade nach Berlin gezogen und sie habe den Nürnberger SPD-Abgeordneten Horst Schmidbauer per Email nach einem Praktikumsplatz gefragt. So ist sie im Bundestag und in der Partei gelandet. Schmidbauer nennt sie ihren politischen Ziehvater. Heute arbeitet sie für die Nürnberger Bundestagsabgeordnete Gabriela Heinrich.

Auch Gardill hat ihren sportlichen Ausgleich. Sie geht joggen. „Wenn ich eine Runde im Wald laufe, kriege ich den Kopf frei.

N-Land Julia Hornung
Julia Hornung