Bei Abriss eines Feuchter Hauses entdeckt

Waggons im Wohnhaus

Noch Anfang der Woche blickten die Nachbarn auf ein Einfamilienhaus. Dann folgte die große Überraschung. | Foto: Engel2018/10/Feucht-Waggons-Wohnhaus-Baustelle-1.jpg

FEUCHT – Zwei rund 100 Jahre alte Zugwaggons hat ein Abrissunternehmen am Feuchter Heideweg freigelegt. Weil der Eigentümer offenbar nichts mit ihnen anzufangen wusste, barg der Unternehmer die Waggons und rettete sie vor dem Verschrotten. Die beiden Wägen waren komplett eingemauert und zunächst weder von innen noch von außen zu erkennen.

Noch Anfang der Woche steht am südlichen Ende des Heidewegs ein schlichtes Einfamilienhaus: vier Wände, Giebel, Jägerzaun. Dann beginnen die Abrissarbeiten. „Um 9 Uhr am Montag haben wir die erste Wand eingerissen, um 10 Uhr hab ich gedacht: Ja Wahnsinn!“, erzählt Abbruchmeister Jürgen Perras und schüttelt mit Blick auf die Baustelle noch immer staunend den Kopf. Am späten Mittwochnachmittag verfolgen zahlreiche Nachbarn und Passanten das Geschehen auf der Baustelle.

Von weitem sichtbar ragt der Arm eines Kranes in den Himmel. Vom höchsten Punkt spannen sich vier Seile nach unten. Ein Bagger lupft das Heck des Kolosses. Dann schwebt der erste der zehn Tonnen schweren Waggons vom Grundstück über den Jägerzaun auf die Ladefläche eines Anhängers.

„Das ist wie ein Lotto-Gewinn“

„Mein Motto ist immer: Erhalten vor Zerstörung“, sagt Perras. Als der Abbruchmeister aus Kemnathen (Oberpfalz) den Auftrag angenommen hatte, wusste er bereits, dass zwei Waggons in das Haus verbaut sein sollen. Nur hatte er sich das Szenario weit weniger spektakulär vorgestellt. Er hatte eher eine Unterkonstruktion erwartet, eine Art Bodenplatte, auf der später ein Haus errichtet wurde. Im Keller aber blickte er mit seinem Team nicht etwa auf das Dach der Waggons, sondern auf eine Stahlkonstruktion: der Unterboden.

Mit den Rundbogen-Decken im Erdgeschoss setzte sich das Puzzle zusammen. Nun galt es, die Waggons aus dem Stein und Mörtel des Wohnhauses zu schälen. „Dass wir zwei komplett erhaltene Waggons vorfinden, damit hatten wir wirklich nicht gerechnet“, meint Perras, der in 22 Jahren noch keinen annähernd ähnlichen Fall erlebt hat. „Das ist wie ein Lotto-Gewinn, das gibt es nur einmal im Leben.“

Einschusslöcher, Granatsplitter, Reichsadler und Hakenkreuz zeugen von der Zeit, in der die Waggons zuletzt über Gleise ratterten | Foto: Geist2018/10/Feucht-Waggons-Wohnhaus-Baustelle-10.jpg

Der Eigentümer des Grundstücks hatte offenbar keine Verwendung für die Abteile. Wäre es nach ihm gegangen, hätten Perras‘ Männer die Wägen in Stücke geflext und entsorgt. Der Unternehmer aber legte ein paar Tausend Euro drauf, orderte Kran und Transporter und schuf den nötigen Platz auf seinem Grundstück. Dort will er die Waggons aus den Baujahren 1901 und 1922 restaurieren. Der eine soll künftig ein Büro beherbergen, der andere einen Wellnessbereich. Schon in sechs bis neun Monaten soll alles fertig sein.

Baubeginn nach dem Krieg

Am späten Mittwochnachmittag manövrierte er den ersten Waggon aus dem Wohngebiet, Donnerstagmittag folgte der zweite. Perras spricht von einer „wohldurchdachten Aktion“, alles habe reibungslos funktioniert. Nun ist der Weg frei für ein neues Einfamilienhaus. Seit 1947 hatten die Waggons auf dem Grundstück am Heideweg gestanden, erläutert Bauleiter Armin Bleicher.

Der Großvater des heutigen Eigentümers habe für die Bahn gearbeitet und die Wägen organisiert. Mutmaßlich hievte sie damals ein Kran an Ort und Stelle. Ob von den nahen Gleisen herüber oder von der Straße, vermag Bleicher nicht zu sagen. Zur Geschichte einiges beitragen könnte freilich der Eigentümer des Grundstücks. Der habe selbst mehrere Jahre hier gelebt. Bis Redaktionsschluss war er leider nicht zu erreichen.

Perras meint immerhin zu wissen, warum die Bauherren überhaupt Waggons einmauerten anstatt einfach ein Haus zu bauen. Laut Zeitzeugen hätte der Bauherr damals keine Genehmigung für ein Haus erhalten, sondern nur für das Abstellen von Wägen, die man theoretisch wieder entfernen könnte. „Gut, dass er sich darauf eingelassen hat“, sagt Perras, der heute seinen 47. Geburtstag feiert. Ein besseres Geschenk habe er sich nicht wünschen können.

Weitere Bilder gibt es in einer Bildergalerie bei n-land.de unter https://n-land.de/fotos/284797

N-Land Christian Geist
Christian Geist