Kabarett in der Feuchter Reichswaldhalle

Urviech mit Talent zum Philosophen

Einen Namen hätten sie längst verdient. Mittlerweile fühlen sie sich aber als eingespieltes Musiker-Team auch ohne Titel wohl (v.l.): Mathias Rösel, Joe Köstler, Thomas Schneele, Klaus Flemming und Dr. Michael Tschöpe. | Foto: Gisa Spandler2019/02/Feucht-Namenlose-Zeit-is1.jpg

FEUCHT – Ein Original, ein Urviech? Auf jeden Fall ein Franke mit Herz ist Thomas Schneele, der mit seinen namenlosen Musikern „die Namenlosen“ zur Kabarett-Premiere in die Reichswaldhalle lud. Dass er dort weniger Politisches und Kritisches zum Gegenstand seiner Betrachtungen machen würde, sondern eher das Menschlich-Allzumenschliche, stellte er schon eingangs fest. Und die Person, die im Mittelpunkt der Geschichten und Lieder steht, ist ein Mensch wie du und ich – mit auffällig vielen (Be)zügen des Feuchters Schneele, der zu seinen „Roststellen“ steht, ansonsten aber ein Plädoyer für ein bodenständiges und entschleunigtes Leben im Hier und Jetzt hält.

Richtig eng sehen die fünf Musiker das nicht mit dem Fränkischen, da mischt sich sowohl in den Dialekt als auch in den Musikstil immer wieder einmal ein bayerisches Element, aber wenn der Kabarettist-Humorist aufsteht und am Bühnenrand auf und ab wandernd seine Gedanken erläutert, die stets zum Thema des folgenden Liedes hinführen, dann bedient er sich ausschließlich des fränkischen Idioms, und das ausgesprochen eloquent, sofern man das von einem Franken sagen kann.

Das Schema ist schnell erkannt, Geschichtchen – Lied – Geschichtchen – Lied, und bewährt sich in der vollbesetzten Reichswaldhalle bestens. Denn die Themen sprechen die Feuchter an. Da geht es um die Nachteile und Vorzüge des Alters des Protagonisten („nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht alt“), das ziemlich genau dem Durchschnittsalter der Zuhörerschaft entsprechen dürfte, um Lebensweisheiten ganz allgemein, die Freuden des Großvaterwerdens konkret, sehr konkret, die Liebe in den verschiedensten Schattierungen, die fränkische Kulinarik, die großen Raum einnimmt und – unvermeidlich natürlich: den Club. Aber auch Zeitgeistströmungen hinterfragt der Kabarettist und gibt kleine Anekdoten zum Besten, die – erfunden oder nicht – immer auch ein Kernchen Nachdenkenswertes beinhalten.

Reif war die Zeit

Zunächst aber berichtet der Chef der Truppe, wie es zu dem neuen Format der fünf musikalischen Herren kam. „Zeit is“ lautet der Titel des Programms und Zeit wurde es für Schneele, etwas Neues zu machen, was schon lange in ihm gearbeitet hat und langsam bühnenreif zu werden drohte. Also hat er über ein Jahr lang Gedanken, Beobachtungen, Dialoge, Monologe und anderes gesammelt, seine kongenialen Musiker-Freunde Klaus Flemming (Kontrabass), Joe Köstler (Trompete), Mathias Rösel (Klarinette) und Dr. Michael Tschöpe (Gitarre, Banjo) gefragt, ob sie „mittun“ würden, und dann dem „Anklopfen“ in Hirn und Herz nachgegeben und sein neues Programm auf die Beine und die Bühne gestellt.

Erzähler, Humorist, Nachdenker und bekennender Franke: Thomas Schneele | Foto: Gisa Spandler2019/02/Feucht-Namenlose-Zeit-is2.jpg

„Vorne wär’s wichtig, hinten is wurscht“

Dabei hat er ein Format geschaffen, das in Inhalt und Ausdruck tatsächlich noch nicht allzu oft zu erleben ist. Die Themen, die er aufbereitet, sind ziemlich bunt, und es ist typisch für Schneele, dass er – enorm schlagfertig wie er ist – seine Pointen immer wieder auch spontan einbaut, was beim Publikum mindestens so gut ankommt wie die durchdachten, manchmal philosophisch angehauchten Ansagen. So fordert er die Besetzer der ersten Reihen, die man von der Bühne aus sehen kann, zu einem die Künstler motivierenden Strahlen auf. „Vorne wär’s wichtig, hinten is wurscht, da sieht man’s eh nicht“. Und zum Running Gag wird die Unterteilung in Geschichten, bei denen er aufsteht, und jene, bei denen er sitzen bleiben und die Quetschn auf den Knien behalten kann.

Eine, bei der er unbedingt aufstehen muss, ist die, in der er darüber sinniert, welcher Art die Körperertüchtigung sein soll, derer er sich künftig bedient, denn „ich mou was dou“, das ist ihm klar, wenn die eingangs zitierten Roststellen keine tiefen Dellen werden sollen. Da geht es dann um Fitnesstraining, Aerobic, Funktionswirbelsäulengymnastik, Pilates, Yoga oder Faszien, natürlich um dann die Brücke von Bauch, Beine, Po zu Brust, Keule, Lende beim fränkischen Rinderbraten zu schlagen. Nicht auf dem Stuhl hält es ihn auch, als er von seinen TV-Erlebnissen inklusive einschlägiger Werbespots der Privatsender bei einem Krankenhausaufenthalt berichtet oder seine ebenso verzweifelten wie vergeblichen Versuche, eine Spülmaschine zu reparieren, thematisiert.

Philosophisch-abgeklärt

Ins Philosophisch-Abgeklärte driftet seine Überlegung zur Vergesslichkeit: Die geistige Festplatte vergleicht er mit einem riesigen Saal voller Regale und Schubladen, in denen die Erinnerungen gebunkert und eben – altersbedingt – manchmal nicht mehr auffindbar sind. Hier, so resümiert der 61-Jährige, sei es nicht ausschließlich bedenklich, wenn die Vergesslichkeit um sich greift, sondern tatsächlich manchmal eine Gnade, wenn man sich an gewisse Dinge gar nicht mehr erinnern kann.

Vollends zum Lebenskünstler mutiert er gegen Ende seines Programms, als er das Thema Beschaulichkeit und Genügsamkeit in Verbindung mit der fränkischen Mentalität und Befindlichkeit umreißt. Wer die fränkische Landschaft verinnerlicht hat oder auf einem Plastikstuhl in der „Pengertz“ auf Entschleunigung hofft, der braucht „ka dritte Startbahn“ meint er und wird so dann doch ganz am Rande ein kleines bisschen politisch.

Doch was wäre dieses so schlaue und unterhaltsame Programm ohne die Musik? Und was wären die selbst komponierten Themensongs und die traditionellen Volkslieder übers Bärbela und das Kunnerla – teils mit adaptierten Texten – ohne fabelhafte Musikanten, die einerseits ihre Instrumente virtuos beherrschen, andererseits keinen Zweifel daran lassen, dass sie in der echten Volksmusik zu Hause sind? Die vier Kollegen sind ein Glücksfall und das musikalische Repertoire sehr klug ausgewählt, um die Aussagen entsprechend zu umrahmen.

Eine glückliche Entscheidung war es, nicht krampfhaft am hergebrachten Musikstil festzuhalten, sondern auch mal mit der traditionellen Besetzung einen Swing, Klezmer oder Musical-Song einzuflicken. So erkennt der Besucher „Mackie Messer“, das textlich dem fränkischen Karpfen gewidmet ist, oder „The lion sleeps tonight“, das ebenso an die Thematik angepasst wird wie „Bei mir bist du scheen“, das zusätzlich selbst gedichtete Strophen erhält.

Rundes Konzept

Ein in jeder Hinsicht unterhaltsames, rundes Konzept wurde hier dem Publikum vorgestellt, und Bürgermeister Konrad Rupprecht sprach ganz vielen aus der Seele, als er in seinem Schlusswort nicht nur nach einer Zugabe, sondern auch nach der Fortsetzung dieses humorvoll-nachdenklichen Kabarett-Programms verlangte.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler