Fastenmonat Ramadan: Ein Selbstversuch

Mein heißer Tag

Ramadan: In der Altdorfer Moschee darf ich dem Mittagsgebet beiwohnen. | Foto: Hornung2017/06/06-Ramadan-Gebet.jpg

2.50 Uhr, Nürnberg: Zeit fürs Frühstück

Draußen ist es noch stockfinster. Mein Wecker klingelt. Kurz verfluche ich unseren Redaktionsleiter für seine Idee. Und mich dafür, dass ich zugesagt habe: Selbstversuch Ramadan, einen Tag lang werde ich selbst fasten, um der islamischen Tradition näherzukommen.

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Etwa eine halbe Stunde habe ich Zeit für mein Frühstück: Bananen! „Wichtig“, hat Musa Yilmaz gesagt, „denn die machen satt.“ In einem Telefonat am Vortag gab mir der Vorsitzende des türkisch-islamischen Kulturvereins Altdorf wertvolle Tipps, um gut durch den Tag zu kommen: „Wir stehen nachts auf und frühstücken bis 3.35 Uhr. Dann schlafen wir nochmal. Morgen soll der heißeste Tag des Monats werden. Der Verzicht auf Essen wird kein allzu großes Problem sein. Aber, dass du nichts trinken darfst, wird sich bemerkbar machen. Bleib am besten drinnen, in kühlen Räumen.“

Noch weht eine angenehm kühle Brise durch die offene Balkontür. Auf dem Küchentisch stehen Bananen, Brot, Erdbeeren, Gurken, ein gekochtes Ei, Käse, Wasser und Tee: Sieht lecker aus. Aber hungrig bin ich noch nicht. Erstmal Fotos machen: Auf der Facebook-Seite des Boten berichte ich live: „Selbstversuch #Ramadan…“ Während ich meinen heißen Tee schlürfe und ein sachter Schimmer über die Dächer dämmert erwachen die Vögel: Wow! Wann habe ich diesen Gesang das letzte Mal gehört? Fast fünf zeigen die roten Uhrzahlen am Herd, als ich mich endlich losreiße. Zurück ins Bett!

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7 Uhr, Nürnberg: Kaaaffffeeeeee!

Kaffee? Nix da! Heute wird gefastet. Dass Kaffee mir fehlen würde, war klar. Angenehmer Nebeneffekt: Ich muss mir keine Gedanken machen, ob und was zu essen ich mit in die Arbeit nehme. Der erste Fastentag ist der härteste, denn der Körper muss sich an die neue Situation gewöhnen. Noch aber bleibt die Rebellion meines Körpers aus.

In der Redaktion greife ich wie automatisch zur Wasserflasche, die dort auf meinem Schreibtisch steht, merke es aber zum Glück noch rechtzeitig. War ja klar, dass mein Selbstversuch auf den zweitlängsten Tag des Jahres mit Rekordtemperaturen von 35 Grad fällt. Nichts zu trinken, fällt jetzt schon schwer. Aber immerhin haben wir eine Klimaanlage.

12 Uhr, Feucht, Sirin Döner Kebab: „Ich geb dir fünf Stunden.“

Ich kann mir jetzt auch was Erfrischenderes vorstellen als einen Döner. Aber besser als nix!“, sagt mein Kollege Christian Geist und beißt in die dicke Teigtasche. Gemein! Ob ich auch was bestellen möchte, fragt Adnan Can. „Nein. Ich faste heute“, erzähle ich. „Denkt ihr, ich schaff das?“, frage ich ihn und seinen Kollegen. „Ich glaube nein“, sagt Adnan. „Noch zehn Stunden? Nein. Ich geb‘ dir noch fünf!“ Die beiden fasten nicht. „Geht nicht hier im 50 Grad heißen Laden. Ich muss normal arbeiten“, sagt Adnan. „Im Koran steht auch, dass es schlecht ist, seinen Körper kaputt zu machen.“ Sein Kollege nickt. „Ein Freund hat gefastet und trotzdem Fußball gespielt. Der ist dann umgekippt und musste ins Krankenhaus“, erzählt er. Geht das, dass man das Fasten einfach sein lässt? Ich werde den Imam fragen!

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13 Uhr, Altdorf: Moschee Selçuklu Camii

Musa Yilmaz vom islamischen Kulturverein begrüßt mich auf dem Parkplatz neben dem schönen Sandsteinhaus an der Rascher Straße, in dem sich die Moschee befindet. Er bietet mir sogleich das „Du“ an. Auf einem Schild an der Hauswand steht, dass es die Moschee bereits seit 1984 gibt. Die meisten Muslime, die hier her kommen, sind Türken. Auch Imam Gökhan Korkmaz kommt aus der Türkei, vor neun Monaten ist er nach Altdorf gekommen. Er begrüßt mich an der Tür. Beide, Musa und der Imam, sind jünger, als ich sie mir vorgestellt habe. Der Imam trägt Brille, einen kurzen Bart und lächelt unentwegt. Weil er noch nicht so gut deutsch spricht, übersetzt Musa.
Nach einem Rundgang darf ich dem Mittagsgebet beiwohnen. Sieben Männer nehmen teil. Obwohl es mittlerweile drückend heiß draußen ist, weht ein leichter Wind durch die vielen Fenster. „Allahu Akbar“, sagen die Männer, während ihrer vier Niederwerfungen, „Gott ist groß“. Eine Niederwerfung, genannt Rekat, geht so: In mehreren Schritten aus dem Stand vorbeugen, niederknien, den Kopf auf dem Boden absetzen, wieder in die Hocke und nach oben kommen.

Dann kann ich mit dem Imam sprechen. Während ich dem Singsang der fremden Worte lausche und den ausholenden Gesten zusehe, bin ich gespannt auf Musas Übersetzungen. „Das Fasten ist Pflicht, weil es im Koran steht“, erfahre ich. Im Fasten fühlen Muslime sich Gott besonders nahe. Außerdem gut daran: Ruhiger werden, entbehren, teilen und Dinge schätzen lernen. „Das Entbehren verbindet uns mit Gott. Wir wissen, dass er uns gegeben hat, worauf wir verzichten und lernen es wieder neu zu schätzen.“

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Als die beiden auf den Mundgeruch zu sprechen kommen, den man am frühen Nachmittag bekommt, lächele ich innerlich und fühle mich ihnen irgendwie verbunden. Ich weiß genau, wovon sie sprechen. Aber na gut, wenn Gott das wirklich für den schönsten Geruch hält, wie die beiden sagen.

Nicht jeder muss fasten. Kranke, Schwangere, aber auch körperlich schwer arbeitende Menschen sind ausgenommen, können stattdessen Almosen geben und so ihren Mitmenschen helfen. Das Fasten aber müssen sie zu einem späteren Zeitpunkt nachholen.

Was die beiden gerade am meisten vermissen? Der Imam einen Liter kaltes Wasser oder eine Badewanne voller Eiswürfel. Musa freut sich schon auf Sauerbraten mit Kloß, wenn der Ramadan vorüber ist. Und – was mich noch beschäftigt hat: Kaugummi kauen ist ein bisschen wie Schummeln. Wenn man allerdings aus Versehen mal was trinkt oder isst, ist das Fasten damit nicht gebrochen.

17 Uhr, Feucht: Konzentration ade!

Eigentlich habe ich noch einen Berg Arbeit: Ein Interview müsste transkribiert, einige Artikel müssten online gestellt und meine Ramadan-Notizen geordnet werden. Aber: Nichts geht mehr! Ich beschließe, der Redaktion für heute den Rücken zuzukehren. Mittlerweile habe ich ziemlichen Durst. Meine Kehle ist trocken, die Zunde klebt am Gaumen und ich spüre einen leichten Schwindel. Meinen Haustürschlüssel vergesse ich im Redaktionsauto und stapfe langsam, zu langsam, Richtung Bahnhof. Der Zug fährt mir vor der Nase weg. 20 Minuten warten! Ich verkrümele mich in den Schatten. An anderen Tagen hätte ich mich wahnsinnig aufgeregt. Heute warte ich mit stoischer Gelassenheit: Bloß keine Energie verbrauchen. Zuhause – zum Glück öffnet mein Freund Michi die Tür – lege ich mich erstmal in ein dunkles Zimmer.

21.35 Uhr, Nürnberg: Fastenbrechen

Mit Anna und Obada sitze ich auf dem Balkon. Obada, der aus Syrien stammt und jetzt in Fürth wohnt, fastet auch. Selten habe ich das Aroma von Gewürzen und köchelndem Gemüse so intensiv wahrgenommen wie jetzt. Zwischen uns steht eine dampfende Tajine, ein typisch marokkanisches Gericht mit dicker Sauce, in die wir unser Fladenbrot tunken. Zuvor gab es Datteln und ein großes Glas Wasser. Obada zündet sich eine Zigarette an. „Das vermisse ich am meisten“, sagt er. „Das und Wasser.“

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Im Gegensatz zu mir, scheint Obada voller Energie. Wie hält er das nur aus? „Es wird leichter“, sagt er. „Immerhin war es dein erstes Mal.“ Während ich in der letzten Stunde lethargisch auf der kleinen Couch hing, unterhielten Anna und er sich über arabische Süßigkeiten: Marok-Brot oder Araqsus, einen dunkles Lakritzgetränk. Dieses Wochenende im Anschluss an den Fastenmonat beginnt das Ramadanfest, Fest des Fastenbrechens, Id al-Fitr oder Seker Bayrami, Zuckerfest, wie es die Türken nennen. Dann werden all diese Leckereien in zahlreichen Haushalten serviert. Ich beschließe, dass es bei mir bereits morgen wieder was Süßes und vor allem Kaffee gibt – den ich dann ganz besonders schätzen werde!

N-Land Julia Hornung
Julia Hornung