Provokante Frage zog viele Teilnehmer an

Islam kontra radikaler Islamismus

Ditib-Vorsitzender Erhan Cinar (Foto) und Islamexperte Rainer Oechslen stellten sich den Fragen der Feuchter. | Foto: Hornung2017/06/Feucht-Islam2.jpg

FEUCHT – „Warum töten Muslime im Namen Allahs?“ Die Frage zieht. Sie zieht eine ganze Menge Menschen an, interessierte Rentner, gläubige Christen und Muslime, Koranskeptiker und sogar AfD-Sympathisanten.  Antworten sollen ihnen zwei Herren liefern: Erhan Cinar, Vorsitzender des Ditib Landesverbandes Nordbayern, und Pfarrer Dr. Rainer Oechslen, Islambeauftragter der evangelisch-lutherischen Landeskirche in Bayern. Nicht alle haben am Ende des Abends das Gefühl, Antworten bekommen zu haben. Was die Veranstaltung vor allem zeigte: Es besteht viel Gesprächsbedarf.

Durch die geöffneten Fenster dringt laue Abendluft. An der Seite des Saals ein Samowar mit heißem Tee, daneben kühle Getränke. Stimmengemurmel, Händeschütteln, erwartungsvolle Gesichter, skeptische und neugierige Blicke. Die letzten stehen Schlange, um in den Saal zu kommen. Das Interesse an der Veranstaltung zum Islam ist groß, derart groß, dass die geplanten Sitzgelegenheiten nicht ausreichen und die Helfer kurzerhand weitere Stühle aufstellen.

Als jeder einen Platz gefunden hat, spricht Erhan Cinar, Sohn türkischer Gastarbeiter, geboren in Fürth, Greuther-Fan, sein Akzent unverkennbar fränkisch. Cinar gibt eine Einführung: „Wer war Mohammed?“ projiziert der Beamer an die Wand. Muhammad Ibn Abdullah, der den Beinamen Al-Amin, der Vertrauenswürdige, trug, wurde mit der ersten Offenbarung Gottes in Mekka Anfang des 7. Jahrhunderts n. Chr. zum Propheten berufen, erfahren die Zuhörer. In Medina, wohin er kurz darauf umsiedelte und die erste Moschee errichtete, verhalf der Prophet der neuen Religion zur Blüte.

Auch die fünf Säulen des Islam erläutert Cinar: Das Glaubensbekenntnis (Schahada), das rituelle Gebet (Salah), das Fasten im Ramadan (Saum), die Armensteuer (Zekat) und die Pilgerreise nach Mekka (Hadsch). Als Quellen nennt er den Koran und die Sunna. Die Sunna, das sind die Worte des Propheten Mohammed, die Sunniten zur Auslegung des Koran heranziehen.
Fragen des Publikums an Cinar betreffen zunächst die Ausübung dieser Pflichten, besonders die Abgabe der Armensteuer. Als jemand nach dem Grund für die Demoabsage der Ditib in Köln fragt, blocken die Veranstalter ab. Hannes Schönfelder von der SPD Feucht, der die Veranstaltung moderiert schaltet sich ein: „Das soll heute nicht Thema sein.“

2017/06/Feucht-Islam1.jpg

Rainer Oechslen2017/06/Feucht-Islam3.jpg

 

Rainer Oechslen spricht als Experte für interreligiösen Dialog über verschiedene Strömungen des Islam und seine Strukturen in Deutschland. Nach dem Tod Mohammeds sei dessen Nachfolge ungeklärt gewesen. Über die Frage, wer folgen sollte, hätten sich zwei Parteien zerstritten: Sunniten und Schiiten. Der größte Teil der Muslime in Deutschland gehöre dem sunnitischen Islam an, der sich in Verbänden wie der Ditib organisiere – vorwiegend nach landsmannschaftlichen und politischen Gesichtspunkten.

„Man kann damit Amok laufen“

Noch relativ harmlose Fragen an Oechslen beziehen sich auf die Gülen-Bewegung und die von Wolfgang Schäuble initiierte Deutsche Islam Konferenz. Dann steht eine Frau auf: „Ich muss nun doch meine Verwunderung äußern,“ sagt sie, „dass hier zwei Stunden über den Islam gesprochen wurde, nicht aber über das Problem, das wir mit dem Islam haben, dass nämlich Menschen im Namen Allahs töten. Meine Frage geht an den ersten Redner: Wie stehen Sie dazu, dass Tötungsbefehle im Koran stehen?“ Die Schwachstelle der Veranstaltung ist entlarvt. In ihrer Ankündigung hatten die Organisatoren selbst geworben: „Der Islam – rätselhaft, friedfertig, aggressiv? Warum töten Muslime Muslime, warum Ungläubige, warum sich selbst?“

Erhan Cinar hält den dunkelblau gebundenen Koran in die Höhe, den er mitgebracht hat: „Wenn man dieses Buch hernimmt als Gesetzesbuch mit einer Reihe von Verpflichtungen, dann kann man damit Amok laufen. Man kann vieles missverstehen. Aber wir glauben: Die Sunna kann ohne Koran, der Koran aber nicht ohne Sunna als Quelle bestehen.“

Ein weiterer Zuhörer steht auf. Die Frage, ob der Islam eine friedliche Religion sei, könne er beantworten, mit „Nein.“ Der Islam sei gefährlich. Er spricht sehr laut. Die Atmosphäre im Saal kippt: Gespannte Stille schlägt um in Gereiztheit und Anspannung. Gemurmel und Geraschel, Menschen richten sich auf, sehen sich um und einander an.

Rainer Oechslen grift zum Mikrophon. Selbstverständlich gebe es im Islam, wie in anderen Religionen auch, gewalttätige Gruppen und ein Problem mit Radikalen, erwidert er. Aber wenn ein Attentat im Namen ihrer Religion passiere, sei das für Muslime ein tiefer Schmerz und eine Demütigung.
Jetzt spricht auch Oechslen, der zuvor im Plauderton von Mohammed und seinen Nachfahren wie von alten Bekannten erzählte, lauter. „Machen Sie nicht den Fehler, Muslime dafür anzuklagen, was im Namen ihrer Religion geschieht. Wir dürfen die Spaltung nicht vorantreiben.“

Ein Mann aus dem Publikum wendet sich an den Pfarrer: „Ich bin aufgrund des Zeitungsartikels gekommen und wollte mir, mit allem Respekt, den Koran erläutern lassen und nicht ihr Weltbild.“ Ein anderer Herr versucht eine Frau zu stoppen, die immer wieder zwischenruft, indem er auf Gewalt in anderen Religionen verweist. „Denken Sie an die Kreuzzüge.“ Sofort ruft die Frau: „Aber es geht um heute.“ Erhan Cinar warnt davor, eine Religion unter Generalverdacht zu stellen.

Diskussion wird fortgesetzt

Als die dritte Stunde fast voll ist, setzt Hannes Schönfelder der Diskussion ein Ende: „Aber ich sehe die Notwendigkeit, im Gespräch zu bleiben.“ Noch vor Ort beschließen die Veranstalter, dass diesem Auftakt der Beschäftigung mit dem Islam, weitere Treffen folgen sollen.

Der Initiative der SPD Feucht hatten sich als Veranstalter die Grünen, der Deutsch-Türkische Kulturverein Feucht, die evangelische Kirchengemeinde St. Jakob und die katholische Pfarrgemeinde Herz Jesu angeschlossen.
Die CSU Feucht wollte nicht als Veranstalter auftreten, einige ihrer Mitglieder aber besuchten die Runde als Gäste.

N-Land Julia Hornung
Julia Hornung