Raiba-Weihnachten

Abschiedsinterview mit Grünen Gemeinderat Hermann Hagel

„Ich habe nie versucht, etwas für mich rauszuholen“

Hermann Hagel geht. Seinen Platz im Marktgemeinderat nimmt ab September Pia Hoffmann-Heinze ein. | Foto: Geist2017/08/Feucht-Hagel-Hoffmann-Heinze_online.jpg

FEUCHT – Nach knapp 22 Jahren zieht sich Hermann Hagel aus dem Feuchter Marktgemeinderat zurück. Im Doppel-Interview mit seiner Nachfolgerin spricht er unter anderem über zermürbende erste Jahre, sein Verhältnis zum Bürgermeister sowie Sinn und Unsinn des Kärwa-Frühschoppens. Außerdem erklärt der 64-Jährige, wie er als großer Kritiker heute guten Gewissens auf der Nordumgehung unterwegs sein kann.

Fahren Sie eigentlich einen Diesel?

Hermann Hagel: Ja, ein Wohnmobil und einen PKW. Beim letzten Autokauf waren mir die Batterien der Elektroautos noch zu schwach. In zwei Jahren wollte ich dann eigentlich wechseln. Wenn unser Dieselauto dann aber nichts mehr wert ist, muss ich mir überlegen, ob ich mir das leisten kann.

Pia Hoffmann-Heinze: Wir haben auch ein kleines Wohnmobil, einen älteren Diesel. Dazu fahre ich einen Hybrid und bin begeistert, wie sparsam er ist.

 

„Was bleibt, ist die Verunsicherung“

 

Wie beurteilen Sie die Ergebnisse des sogenannten Diesel-Gipfels?

Hagel: Das ist doch überhaupt kein Gipfel, das ist ein reines Abkommen mit der Industrie. Es ist nichts geklärt. Was bleibt, ist die Verunsicherung.

 

Könnte das zum ersehnten Wahlkampfthema der Grünen avancieren?

Hagel: Nein, das glaube ich nicht. Die Grünen wollen ja schon seit zig Jahren weg von Verbrennungsmotoren. Daran hat sich nichts geändert. Insofern ist das kein Thema, das die Grünen besonders weiterbringen würde. Es ist niemand zufrieden mit dem, was bei der Veranstaltung rausgekommen ist – außer Herr Dobrindt.

 

In Zeiten, in denen eine CDU-Kanzlerin die Energiewende beschließt, stellen sich manche Bürger die Frage: Braucht es die Grünen überhaupt noch?

Hoffmann-Heinze: Ich bin schon der Meinung, dass die Grünen das Thema Energiewende aus dem Boden geholt und zu dem gemacht haben, was es letztlich geworden ist. Da steckt jahrelange Arbeit dahinter.

 

„Es gibt zu viele Sägen in Feucht“

 

Und in Feucht?

Hoffmann-Heinze: Wie viele tausend Bäume haben wir vorletztes Jahr gerettet? 5000? Ich denke schon, dass wir dringend gebraucht werden. Es gibt zu viele Sägen in Feucht.

Hagel: Bundesweit kann ich wenig zu den Grünen sagen. Ich denke, man braucht die Partei, aber ich bin selbst kein Mitglied und nie gewesen. In Feucht braucht es die Grünen allemal, denn es gibt eine ganze Reihe von Vorstößen und Anregungen, die von uns kommen. Und die Möglichkeit, etwas durchzusetzen, wird langsam besser.

 

Sie waren fast 22 Jahre in der Opposition. Macht das nicht mürbe?

Hagel: Es macht am Anfang mehr mürbe als am Schluss, denn man entwickelt natürlich Strategien, damit umzugehen. Der Anfang ist heftig und ich wünsche dir, Pia, dass es dir anders ergeht. Wobei ihr heute zu dritt seid und die Voraussetzungen ganz andere sind. Wenn man alleine drinsitzt und mit Argumenten konfrontiert wird, mit denen man nicht rechnet, dann macht das natürlich mürbe. Und wenn man dann noch permanent in Abstimmungen verliert, wird‘s auch nicht fröhlicher. Als Rita Bogner und ich dann zu zweit im Gemeinderat gearbeitet haben, war vieles leichter und wir konnten uns hervorragend ergänzen und abstimmen. Manches habe ich später natürlich auch mit einer Portion Humor und Sarkasmus gesehen.

 

„Gejammer ist kaum zu ertragen“

 

Wie sind Sie denn damals aufgenommen worden im Gemeinderat?

Hagel: Ganz miserabel. Egal, was wir gesagt haben, es war immer schlecht und wurde grundsätzlich abgelehnt. Obwohl die Parteien zwei, drei Jahre später die gleichen Anträge gestellt und dann verabschiedet haben. Weil sie dann erst kapiert haben, was das ist. Die Blockheizkraftwerke in Feucht waren so eine Idee der Grünen. Inzwischen sind sie nicht mehr wegzudenken. Auch die Regenwassersatzung, nach der Firmen anders zahlen müssen, wenn sie Flächen versiegeln, war eine Idee der Grünen. Sie wurde schwer bekämpft und abgelehnt, aber sie ist natürlich sinnvoll und heute von allen Seiten akzeptiert. Und da gibt es noch eine Reihe weiterer Beispiele.

 

Ärgern Sie sich, wenn sich andere Parteien Ihre Arbeit zu eigen machen, oder freuen Sie sich, weil es der Sache dient?

Hagel: Ich hasse es, wenn einer dauernd sagt: Wir waren früher dran! Das dient der Sache überhaupt nicht. Und das machen die beiden großen Parteien leider dauernd. Dieses Gejammer ist manchmal kaum zu ertragen. Wenn etwas gut ist und funktioniert, dann freu‘ ich mich, wenn es kommt.

 

„Wir haben nie private Interessen vertreten“

 

Hat sich das Klima im Marktgemeinderat inzwischen verändert?

Hagel: Die Akzeptanz ist heute viel größer. Es gab in allen Parteien ein paar Hardliner, die auch Meinungsführer waren, aber die sind zum Teil inzwischen im Ruhestand. Früher hat es immer geheißen, die Grünen sind eine reine Nein-Sager-Partei. Das hat sich schwer geändert! Sie haben gelernt, dass wir kein Wurmfortsatz einer anderen Partei sind, sondern eigenständig, greifbar und ehrlich. Mal stimmen wir mit der CSU, mal mit der SPD, mal völlig dagegen. Ganz so, wie wir es für richtig halten. Und wir haben nie private Interessen vertreten oder in den Vordergrund gestellt. Wenn es um irgendetwas ging, wovon ich selbst betroffen war, dann war ich lieber leise und habe gar nichts gesagt. Ich habe nie versucht, irgendetwas für mich zu erreichen oder rauszuholen. Das habe ich bei etlichen Kollegen leider anders erlebt.

 

Nutzen Sie heute eigentlich die Nordumgehung?

Hagel: Ja, die konnte ich ja nicht verhindern.

 

„Wir hätten diese Straße nicht gebraucht“

 

Also ist nichts dran an dem Gerücht, dass Sie vor dem Bau angekündigt haben, die fertige Straße nicht nutzen zu wollen?

Hagel: Nein, nein, das stimmt nicht. Ich bin kurz darauf schon dort gefahren. Das ist ja der schnellste Weg zur Schule gewesen. Wenn die Straße einmal da ist, wäre es blödsinnig, außenrum zu fahren und Zeit und Sprit zu vergeuden. Aber wir hätten die Straße nicht gebraucht. Der Meinung bin ich nach wie vor.

 

Wären Sie nicht Marktgemeinderat sondern Bürgermeister gewesen: Wie sähe Feucht heute aus?

Hagel: Wir hätten in Feucht ganz sicher weniger Teer und Beton. Wir hätten Parkside nicht in der jetzigen Form, also nicht so dicht bebaut. Wir hätten über ein Gewerbegebiet an der Muna nicht einmal nachgedacht. Wir hätten schneller Radwege und Radwegeverbindungen, zum Beispiel nach Winkelhaid, gehabt. Es wären schon ein paar Sachen anders gelaufen, aber im Detail kann man das nicht sagen.

 

Welche Fehler hätte ein Bürgermeister Hermann Hagel wohl gemacht?

Hagel: Ach, ganz viele sicherlich. Man muss in dem Job damit leben, dass man Fehler macht.

 

„Mit Oberth verbindet mich keine Freundschaft“

 

Insofern bringen Sie Verständnis auf, wenn Konrad Rupprecht aus Ihrer Sicht einen Fehler begeht?

Hagel: Ja, absolut. Ich habe mit ihm ja kein Problem. Wir verstehen uns sogar recht gut. Wir waren gemeinsam im Aufsichtsrat der EWAG und haben uns gut abgesprochen und unterstützt. Und ich habe ihn vor zwei Jahren bei meiner Hochzeit als Standesbeamten beantragt. Das mache ich ja nicht, wenn ich ihn nicht mag.

 

Zum Abschied haben Sie vom Bürgermeister die Oberth-Medaille bekommen. Wie wichtig ist Ihnen so eine Auszeichnung?

Hagel: Gar nicht wichtig (schmunzelt). Mit Oberth verbindet mich keine große Freundschaft, nachdem er den Nazis näher gestanden hat als der Demokratie. Unabhängig davon sind Medaillen nicht so mein Ding. Ich nehm‘s halt mit, aber gebraucht hätt ich‘s nicht.

 

„Nervensäge, das kann man so stehen lassen“

 

Einer Ihrer letzten Termine war der alljährliche Kärwa-Frühschoppen. Haben Sie Ihre Rechnung wieder selbst bezahlt?

Hagel: Ja selbstverständlich. Das mach ich schon seit 15 oder 20 Jahren so. Ich beklage jedes Mal, dass allein für diesen Frühschoppen mehrere Tausend Euro ausgegeben werden. Da kommen zu 90 Prozent Leute, die nicht wenig Geld haben: Bürgermeister, Landräte, Bankenvertreter und so weiter. Das zahlt alles der Steuerzahler. Dass die Angestellten der Verwaltung an diesem Tag etwas umsonst bekommen, ist für mich absolut in Ordnung. Aber ich habe jedes Jahr dafür bezahlt, dass ich hingehe. Und heuer war es das erste Mal, dass im Haushalt schon meine Spende von 20 Euro eingebucht war. Leider hat meine Initiative noch keine Nachahmer gefunden.

 

Frau Hoffmann-Heinze, wollen Sie die Tradition fortführen?

Hoffmann-Heinze: Ich tu mir schon hart mit dem Frühschoppen an sich, denn ich bin Vegetarier. Ich habe zwar kein Problem, wenn jemand neben mir Fleisch isst, aber was bekomme ich? Dieses Jahr war ich zwar schon eingeladen, habe aber noch abgesagt.

Hagel: Man trifft dort Leute, die man sonst nicht trifft, kommt ins Gespräch und kann Dinge formlos ansprechen. Das geht sonst nicht so einfach. Deswegen bin ich hin, nicht wegen den Bratwürsten.

 

Es lohnt also ein Besuch beim Frühschoppen. Was können Sie Ihrer Nachfolgerin sonst noch mit auf den Weg geben?

Hagel: Es ist ja nicht so, dass nun ein völliger Neubeginn ansteht. Wir arbeiten schon seit Jahren an unserer Politik und den Positionen, die wir vertreten. Neu ist nur, dass du dann im Gemeinderat sitzt, dich äußerst und die Hand hebst. Das wird nicht groß anders sein. Du weißt und kannst das alles und bist auch eine hartnäckige…

Hoffmann-Heinze: Nervensäge.

Hagel: Nein, nein, hartnäckig. Jemand, der nicht aufgibt, wenn ein anderer was dagegen sagt.

Hoffmann-Heinze: Nervensäge, das kann man so stehen lassen. Dann denken die anderen gleich: Nicht noch so eine (lacht)…

 

Haben Sie den Eindruck, Sie übernehmen ein bestelltes Feld?

Hoffmann-Heinze: Sie können sich gar nicht vorstellen, wie groß dieser Schuh ist, in den ich da schlüpfen muss. Den fülle ich mit Sicherheit nicht aus. Das Feld ist zwar bestellt, aber die Furchen, die schon gezogen wurden, muss ich erstmal alle finden. Und ich muss natürlich auch meine eigenen Gedanken einbringen. Ich bin selber Großmutter von zwei Enkeln und möchte, dass die auch noch Enkel in Feucht haben wollen und können.

 

Sie hatten einen Bioladen in Feucht und sind mit einem Stand auf Märkten präsent. Wird sich das Thema Ernährung dann auch in Ihrer Politik wiederfinden?

Hoffmann-Heinze: Ja, beim Thema Schulverpflegung zum Beispiel. Denn ich habe festgestellt, dass eine vollwertige Mahlzeit in der Schule nicht das gleiche ist, wie das, was ich darunter verstehe. Für mich hat sie mit frischem Gemüse zu tun, mit Vollkornprodukten und nicht jeden Tag mit Fleisch.

 

Veggie-Day? „So was tun wir uns nicht an“

 

Im Bundestagswahlkampf 2013 machten die Grünen mit dem Veggie-Day Schlagzeilen. Wäre das auf lokaler Ebene denkbar?

Hoffmann-Heinze: Ich lass mich doch nicht köpfen. So was tun wir uns nicht an! Jeder Mensch hat das Recht auf freie Entscheidung, aber ein vollwertiges Essen sollte tatsächlich ein gesundes vollwertiges Essen sein und kein durchgekochtes Gemüse mit durchgekochtem Schweinefleisch.

Hagel: Zum Thema Mensa habe ich am Tag vor meiner letzten Sitzung noch einen Antrag gestellt, der im September hoffentlich behandelt wird. Es ist zwar alles viel besser geworden mit der Versorgung durch das Walburgisheim, aber es ist nicht optimal. Da gehört eine Subventionierung des Mittagessens dazu, da gehört auch dazu, dass es weniger Schweinefleisch gibt. Wenn 20 Prozent der Schüler das nicht essen, ist es einfach dämlich, das Fleischgericht jeden Tag mit Schweinefleisch zuzubereiten.

 

„Manches ist mit viel Humor abgelaufen“

 

Welche Ziele haben Sie sich sonst vorgenommen?

Hoffmann-Heinze: Als Kommune, die von Wald umgeben ist, kann sich Feucht nicht beliebig weit ausdehnen. Ich bin dafür, den Wald zu erhalten und nicht für Versiegelung zu holzen. Wir brauchen ihn als Sauerstoffspender, dafür werde ich zu 100 Prozent einstehen. Ich spreche mich nicht grundsätzlich gegen das Bauen aus, aber ich plädiere für vernünftiges Bauen mit vernünftigem Zweck.

 

Und Sie, Herr Hagel, was haben Sie für Ihren Ruhestand geplant?

Hagel: Nichts. Ich habe nur einen Plan und der heißt: keine festen Termine. Denn ich weiß nicht, wie viele hundert Abende ich in den vergangenen 22 Jahren allein im Gemeinderat verbracht habe. Und ich hatte ja noch andere Posten inne. Die Arbeit im Gemeinderat war natürlich nicht nur anstrengend und lästig, sondern hat vieles verständlicher gemacht und manches ist mit viel Humor abgelaufen. Aber jetzt will ich erst mal raus. Zunächst im Herbst nach Lappland. Von Tromsø aus soll man die Polarlichter sehen können. Und wenn sie nicht gleich kommen, dann bleiben wir am Campingplatz und warten einfach mal ab.

N-Land Christian Geist
Christian Geist