Kabarettist Mathias Tretter in der Reichswaldhalle

Ein bisschen Bowie, ein bisschen Fischer

Besonders überzeugt Mathias Tretter im Zwiegespräch mit seinem fränkischen Pendant Ansgar. Gemeinsam lümmeln sie auf der Fensterbank, verfolgen das Geschehen auf der Straße und philosophieren: über Trump, Homophobie und vieles mehr. | Foto: Geist2018/02/Feucht-Mathias-Tretter-1.jpg

FEUCHT – Ohne Zweifel zählt Mathias Tretter zu den angesagtesten Künstlern, die das deutsche Kabarett aktuell zu bieten hat. Das zeigt nicht zuletzt die Auszeichnung mit dem Deutschen Kabarettpreis Mitte Januar in Nürnberg. Mit seiner Bühnenerfahrung ist Tretter inzwischen Vollprofi. Ob 3Sat-Festival auf dem Mainzer Lerchenberg oder Feuchter Reichswaldhalle: Der 45-Jährige lässt sich in keiner Sekunde anmerken, wie groß Bühne, Publikum und mediales Interesse sind. Pop heißt sein Programm, und David Bowie wie auch Helene Fischer kommen darin vor. Wenn auch nur am Rande.

Denn anders als bei diesem Titel zu vermuten, zieht nicht die Musik den roten Faden durch den Abend, sondern ein Besuch bei seinem Freund Ansgar. Der ist 46, Unterfranke, promovierter Philosoph und Hausmeister in Duisburg – gegenüber eines Spätis und damit an der Kluft der Gesellschaft, zwischen Proletariat auf der einen und Intellektuellen auf der anderen Seite. In dessen Wohnung jedenfalls treffen sich die beiden anlässlich des Christopher Street Days zum Windowing. Ausgestattet mit Doppelripp-Unterhemden, Daunenkissen und Dosenbier lümmeln sie auf der Fensterbank.

„Andere verblöden vor dem Bildschirm, wir vor der Realität.“ Dabei philosophieren sie über Trump, neue Medien, Homophobie, den Unsinn der Religion und Ansgars eigene populistische Partei: Pop. Oder wie Ansgar es ausdrückt: „Bob: Bardei ohne Bardei, Bolidik ohne Bardeiengedue. Des bassd berfekt.“ Und er holt noch weiter aus, spricht von Partizipation, polarisierendem Programm, progressivem Populismus und so weiter. Die Partei stehe rechts von der AfD – in der Finanzpolitik. Und links von den Grünen – in der Flüchtlingsfrage.

Rechter als AfD, linker als Grün

Tretter reichen ein Stehtisch und ein umgedrehter Stuhl, um sein Publikum dorthin mitzunehmen, wo er es haben will. Seine stärksten Momente hat er zweifelsfrei in den Dialogen mit seinem fränkischen Pendant Ansgar. Dann lehnt er auf der Stuhllehne, dreht den Kopf von links nach rechts, switcht von Hochdeutsch ins Fränkische und klemmt einen imaginären Joint zwischen Daumen und Zeigefinger, wann immer Ansgar an der Reihe ist.

Zwischendurch unterbricht Tretter den Dialog der beiden Intellektuellen, erhebt sich und erklärt seinem Publikum beispielsweise, dass Frau zu sein biologisch eine Auszeichnung, sozial hingegen ein Handicap sei. Und, dass jede Fruchtfliege an seinem Weinglas mehr von seiner Aufmerksamkeit erregt als jeder rechtspopulistische Hasspost auf seiner Facebookseite. Überhaupt sei er froh über die Kommentare der Hetzbürger: „Wer die Finger auf der Tastatur hat, der kann schon kein Flüchtlingsheim anzünden.“

Aus dem Gespräch über die Gründung von Ansgars Partei, der nicht weniger anstrebt als den Einzug ins Kanzleramt, zieht Tretter den Schluss, dass heute jeder alles kann, sogar US-Präsident werden. „Wir leben im Zeitalter des Amateurs. Donald Trump hatte nie ein politisches Amt. Und genau deshalb haben die Leute ihn gewählt – aus Hass auf die Profis. Was soll das?

Als Gegenmaßnahme schlägt Tretter vor, Trumpwähler vor einer Operation in einen Raum zu führen, wo fünf mögliche Operateure sie empfangen. Zur Wahl stehen drei Humanmediziner im ersten Semester, ein Veterinär und eine Innenarchitektin. „Und während der OP wachen sie dann auf und sehen vor sich: einen blutigen Anfänger.“

„Lieben uns wie Schwuchteln“

Tretter gelingt in Pop das Spiel zwischen Albernheit und politischem Scharfsinn. Er fordert sein Publikum, läuft aber nie Gefahr, sich über seine Zuhörer zu erheben. Vielmehr zieht er es mit sich, um von oben auf die Amateure zu blicken und ihr Handeln zu sezieren.

Neben Populisten und deren Parolen nimmt Tretter auch die Political Correctness auseinander. „Ich habe einen französischen Freund, der nennt mich grundsätzlich nur Pickelhaube. Und ich sag zu ihm Froschfresser. Und wir lieben uns wie Schwuchteln“, meint Tretter und holt aus. Binnen 30 Sekunden feuert er Begriffe wie Asylantenheim, Fidschi-Essen, Ölaugen, Negermusik, Popo-Schlumpf, Ossi-Trulla, Bimbo, Theken-Bitch, Mullahgrill und Kanakenschnitte ins Publikum, um von einer durchzechten Nacht zu erzählen. Sein Fazit: „Wenn wir alle so reden, gibt’s bald keine Beleidigungen mehr.“ Je politisch unkorrekter, desto weniger Schimpfwörter.

Helene Fischer adelt er übrigens als singenden Eintopf in Hotpants. Eintopf deshalb, weil sie bei Konzerten Songs von Disney bis Rock‘n‘Roll unter ihre Schlager mischt. Wie Populisten Politiker simulieren, so simuliere Helene Fischer einen Popstar. Ganz anders als David Bowie. Dass der im gleichen Jahr starb, in dem Trump gewählt wurde, interpretiert Tretter als klares Zeichen, „dass sich die Evolution zurückdreht“.

Seitenhieb auf Bayern-SPD

Am Ende ist so ein Abend mit Mathias Tretter ganz anders als ein Konzert mit Bowie oder Fischer. Wer Musiker nur von MP3, CD oder Platte kennt, wird live meist enttäuscht oder vom Erlebnis begeistert. Bei Kabarettisten ist das anders, bei Tretter ganz besonders.

Vom ersten Öffnen des Vorhangs bis zur letzten Verbeugung performt Tretter sein Programm. Da sitzt jede Kunstpause, jedes Zucken des geschminkten Mundwinkels, jedes Husten des paffenden Ansgars. Sein Publikum bekommt 100 Prozent Pop, 100 Prozent Tretter – egal ob in Feucht, Nürnberg oder in der Glotze.

Der gebürtige Würzburger spielt seine Rolle mit der Hingabe eines David Bowie und der Professionalität einer Helene Fischer. Er überrascht Tretter-Kenner zwar nicht, enttäuscht sein Publikum jedoch zu keiner Sekunde, auch nicht an diesem Freitag in der Reichswaldhalle.

Die SPD, die zu dem Abend geladen hatte, trifft Tretter nur einmal, dafür aber tief. Als Ansgar ihn bittet, bei der Gründungsversammlung seiner Partei zu moderieren, sagt Tretter zunächst ab. Er trete nicht für Parteien auf. „Aber für SPD hast du doch schon ein paar Mal gespielt“, hält Ansgar seinem Freund entgegen. Und Tretter antwortet: „Ja, aber in Bayern. Da gilt die SPD nicht als Partei. Das war Benefiz. Ich spiele ja auch für andere Behindertenverbände.“ Der Saal feiert ihn auch dafür.

Wer den Auftritt am Freitag in der Reichswaldhalle verpasst hat oder das Programm von Mathias Tretter noch einmal erleben möchte, findet eine 45-minütige Kurzversion im Internet unter www.3sat.de/mediathek.

N-Land Christian Geist
Christian Geist