Diskussionsabend: Glaube und Gewalt

Dschihad in friedlicher Runde

Kizmaz (li.) blättert im Koran, Amberg (re.) antwortet. Radikalisierung, Vielfalt und Ausgrenzung, Trennung von Kirche und Staat: Die Vorträge lieferten einigen Gesprächsstoff. | Foto: Hornung2018/01/Feucht-Religion-und-Gewalt2.jpg

FEUCHT – Angesichts grausamer Taten, die Menschen unter Berufung auf den Islam in jüngerer Zeit begangen haben, drängt sich vielen, auch in Feucht, die Frage nach religiös motivierter Gewalt auf. In friedlicher Atmosphäre haben sich Religionsvertreter und Bürger dem Thema Dschihad gestellt. Im Zentrum der Vorträge standen der so genannte Schwertvers im Koran und ein flammender Appell für Vielfalt.

Ende Juni vergangenen Jahres hatte ein Bündnis von Feuchter Vereinen, Parteien und Kirchengemeinden zu einem ersten interreligiösen Diskussionsabend geladen. Damals ist die Veranstaltung ziemlich aus dem Ruder gelaufen. Das Problem: In ihrer Ankündigung hatten die Gastgeber mit der Frage nach Terror und Gewalt im Namen des Islams geworben, diese dann allerdings ins Leere laufen lassen. „Warum töten Muslime Muslime, warum töten sie Ungläubige, warum sich selbst?“, lautete die Frage, die zumindest einen Zweck erfüllte: Sie hatte das Interesse zahlreicher Besucher geweckt.

Die Vorträge zweier Referenten behandelten das Leben des Propheten Mohammed und Strömungen des Islams in Deutschland. Die Frage nach dem Dschihad thematisierten sie nicht – sehr zum Unmut einiger Besucher. Diese Leerstelle wollen die Initiatoren dieses Mal füllen. „Gewalt im Namen Gottes“ lautet der Titel des Abends, an dem zwei Referenten sowohl eine muslimische als auch eine christliche Perspektive eröffnen.

Yavuz Kizmaz, Sekretär der Zentralmoschee in Nürnberg, beginnt seinen Vortrag mit jenem Koranvers, der im Zusammenhang mit Gewalt traurige Berühmtheit erlangt hat, dem so genannten Schwertvers, Sure 9 Vers 5: „Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet, und ergreift sie und belagert sie und lauert ihnen aus jedem Hinterhalt auf.“

Exegese von Texten

In Übereinstimmung mit vielen modernen Gelehrten sieht Kizmaz den Vers nicht zum Gebot des Kampfes gegen Andersgläubige. Man könne ihn nicht ohne seinen historischen Kontext lesen. Kizmaz erzählt die Geschichte von Mohammed, der im Alter von 40 Jahren zum Propheten und Begründer des Islams wurde. Er ging nach Mekka, wo die Polytheisten ihn aufnahmen und gewähren ließen. 622 sei es zur Hidschra gekommen, zur Auswanderung der Muslime von Mekka nach Medina. Um künftig nach Mekka pilgern zu können, hätten sie einen Vertrag mit den Polytheisten geschlossen, den diese nach wenigen Jahren brachen, als sie pilgernde Muslime angriffen. Es kam zum Krieg. „In diesem Kontext ist der Vers zu sehen,“ sagt Kizmaz.

Dr. Thomas Amberg zitiert einen Satz, den er schon oft gehört habe: „Der Terror des IS hat mit dem Islam ebenso wenig zu tun, wie die Kreuzzüge mit dem Christentum.“ Und wirft eine Frage in den Raum: „Ist das so?“ Nein, lautet seine Antwort. Denn Religion existiere nicht im luftleeren Raum.
Es gäbe nicht „den“ Islam, oder „das“ Christentum, genauso wenig gäbe es einen stets friedlichen Buddhismus, wie die jüngsten Verbrechen an den Rohingya zeigten.

Janusköpfig seien alle Religionen, die sowohl ein Friedens- als auch ein Gewaltpotential besäßen. Als Christen hätten sich sowohl die weißen Sklavenhalter als auch deren afroamerikanische Sklaven bezeichnet, Christen konnten glühende Hitleranhänger sein und Nazideutschland als Teil einer christlichen Ordnung betrachten oder, wie Dietrich Bonhoeffer, in den Widerstand gehen.

Pluralität zulassen

Deswegen sei es nicht hilfreich von einem „wahren Islam“ zu sprechen, der nichts mit Gewalt zu tun habe. Auch wenn dies gut gemeint sei, weil es im Sinne des Friedenspotentials der Religion geschehe. Religion basiere auf einem System von Normen, die Menschen auch von Texten ableiten. Sie sei aber nicht losgelöst von sozialen oder politischen Kontexten.

„Ich möchte sogar noch weiter gehen“, sagt Amberg, „Gewalt beginnt dort, wo Menschen ausgegrenzt werden, die anders sind.“ Und Normen, die ausgrenzen, gäbe es in jeder Religion. Zuletzt stellt er zwei Thesen in den Raum: „Verschiedenheit darf kein Grund zur Ausgrenzung sein, Gleichheit keine Voraussetzung für Gemeinschaft.“ Als Basis solch religiöser Vielfalt brauche es Säkularität.

Mit ihren Vorträgen lieferten die Referenten reichlich Gesprächsstoff. „Ich ziehe daraus Folgendes: Religion ist politisch“, sagte Inge Jabs. Wenn es darum gehe, Menschen zufriedenzustellen und den Nährboden für Konflikte zu beseitigen, müsse die Politik ins Spiel kommen.

Ich bin der Weg und die Wahrheit“, zitierte Hannes Schönfelder aus der Bibel. „Wie gehe ich mit einem solchen Satz um?“ Man müsse den Glauben als ein Geschenk sehen, erwiderte Amberg. „Der Weg, der hier gemeint ist, ist mein Weg. Es geht nicht darum, anderen meine Wahrheit um die Ohren zu hauen.“ An Kizmaz richtete Schönfelder die Frage nach dem Verhältnis zwischen Sunniten und Schiiten und auch dieser bediente sich der Metapher des Weges: „Wir sind Wanderer auf einem Weg.“ Jeder gehe seinen eigenen.

Zwei weitere Redner äußerten ihren Eindruck, dass die Moscheen sich nicht genug im Kampf gegen Radikalisierung junger Muslime engagierten. Kizmaz nannte daraufhin zahlreiche Aktivitäten seiner Moschee. Amberg ergänzte, dass Radikalisierung seinem Eindruck nach nicht in Moscheen stattfinde und diese allein den Kampf dagegen nicht bewältigen könnten.

Eine Besucherin zeigte sich verärgert darüber, dass die Gesellschaft es nicht einmal in nicht-religiösen Kontexten schaffe Vielfalt zu akzeptieren: „Wie gehen wir mit Behinderten um, wie mit Homosexuellen?“ Applaus. Ein Teilnehmer der Veranstaltung gab zu Bedenken, dass Gewalt in der Natur des Menschen liege und dass jeder, bevor er Religiöser werde, zunächst einmal Mensch sei.

Kirche und Staat trennen

„Ich bin aus der Kirche ausgetreten, weil meiner Meinung nach jede Religion ausgrenzt“, sagte eine Frau. „Deutschland sollte endlich den Schritt gehen und Staat und Kirche trennen.“ Sie plädierte für einen gemeinsamen Ethikunterricht, anstatt Kinder im Religionsunterricht nach Glaubensrichtungen aufzuteilen.

Zum Ende der Veranstaltung bedankte sich Hannes Schönfelder im Namen der Veranstalter für die ruhige Atmosphäre. Eingeladen hatten SPD, Grüne, die Kirchengemeinde St. Jakob, die Pfarrei Herz Jesu und der Deutsch-Türkische Kulturverein.

N-Land Julia Hornung
Julia Hornung