Raiba-Weihnachten

Comedian Martin Fromme kokettiert mit seiner Behinderung

Darf man darüber lachen?

Schwarzer Humor: Blinden Mitbürgern rät Comedian Martin Fromme zum Beispiel, doch bitte nicht immer alles schwarz zu sehen. | Foto: Geist2017/11/Feucht-Inklusion-Martin-Fromme.jpg

FEUCHT – Darf man darüber lachen? Vor diese Frage hat Comedian Martin Fromme sein Publikum am Freitagabend gestellt. Mit seinem Gastspiel in der Lernwirkstatt endete die landkreisweite Woche der Inklusion. Und den Reaktionen des Publikums nach zu urteilen, darf man definitiv über das Programm „Besser Arm ab als arm dran“ lachen. Und das ganz ohne schlechtes Gewissen.

Fromme thematisiert die befangene Atmosphäre seines Publikums von Beginn an. „Darf ich lachen? Muss ich lachen? Wenn ich nicht lache, bin ich dann behindertenfeindlich?“, fragt er zum Einstieg und fordert seine Gäste auf: „Kuckt ruhig hin, ich bin behindert. Ich. Bin.“ Er lässt eine Pause, atmet tief durch und beendet den Satz mit „Brillenträger“. Dass viele nun auf seinen linken Arm anstatt auf seine Brille geschaut hätten, das kenne er bereits.

„Ein ganz großes Missverständnis. Das hier ist keine Behinderung, das ist eine wertvolle Schnitzarbeit aus dem Erzgebirge. Zu Weihnachten stell ich da eine Kerze drunter und dann dreht sich das“, meint Fromme und schwingt seinen linken Arm in großen Kreisen durch die Luft.

Trocken und tiefschwarz

Der 55-Jährige geht von Beginn an nicht nur offen mit seiner Behinderung um, er macht sich gnadenlos darüber lustig und stachelt das Publikum an, mit ihm zu lachen. Er spricht über Ehrlichkeit, Inklusion und Lebensfreude und operiert stets mit seinem ganz eigenen Humor: trocken, geradeaus, zwischen schwarz und tiefschwarz. Oft werde er gefragt, ob Behinderte überhaupt Lebensfreude hätten. „Da muss ich ehrlich sagen: Nein, überhaupt nicht. Dabei sage ich den Blinden immer, sie sollen doch nicht immer alles so schwarz sehen . . .“

Contergan zum Auffrischen

Zwischen den Themenblöcken seines gut einstündigen Programms liest Fromme Ausschnitte aus seinem Buch, zeigt Videoschnipsel, die er mit versteckter Kamera für den MDR gedreht hat oder er tut so, als klaube er eine Tablette vom Rednertisch auf, schiebt sie sich in den Mund und spült sie mit großen Schlücken aus einem Wasserglas hinunter. „Das ist meine Contergan zum Auffrischen“, sagt er dann. Es gebe ja keine Erfahrungswerte, was alles passieren kann, wenn er sie nicht nehme.

„Vielleicht wächst mein Arm nach. Oder ich bekomme gleich einen Drei-Meter-Arm. Das möchte ich nicht, das ist ja meine Geschäftsgrundlage“, sagt er und reibt sich ob der gelungenen Pointe mit der rechten Hand genüsslich seine „Tentakeln“. So bezeichnet er selbst die drei Stummeln am Ende seines Oberarms. Diese seien auch verantwortlich für seinen großen Erfolg bei Frauen. „Die merken sofort: Das ist n Typ, der nicht so klammert.“

Latexanzüge für Kleinwüchsige?

Das Thema Sexualität schneidet Fromme gleich mehrfach an. Unter anderem wirft er dann fragen auf wie: Gibt es Latexanzüge für Kleinwüchsige oder müssen die Aldi- und Lidltüten zusammenstückeln? Gibt es beim Telefonsex ermäßigte Tarife für Stotternde? Und wie neidisch müssen alle Verheirateten auf die Behinderten sein, wenn die Grünen in der Regierung Sex auf Rezept durchsetzen sollten?

Wie er seinen Arm wirklich verloren habe, erklärt Fromme dann auch noch. Es war nicht beim Fingerhakeln. Und es war auch nicht sein Vater, der bei der Geburt absichtlich die Nabelschnur verfehlt hat, um das Geld für die Klavierstunden zu sparen. Stattdessen habe er ein katholisches Internat besucht und mit links geschrieben.

„Ich kann ja nicht beten“

„Dann hat man mich ans Bett gezurrt und ihn mir abgeschlagen. Als Mahnung für alle anderen.“ Immerhin habe er fortan ausschlafen können und musste nicht mehr zum Morgengebet antreten. „Weil ich kann ja nicht beten“, sagt er und blickt schulterzuckend von einem Arm zum anderen.

Zum Ende des Abends zeigt er noch einige Videos und Fotos, die er im Laufe der Jahre gedreht und gesammelt hat, und richtet einen Appell an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie solle sich doch bitte nicht gegen Arm im Alter einsetzen. „Ich hatte mich schon so darauf gefreut . . .“

Eine Auswahl seiner Videos zeigt Martin Fromme auf seiner Internetseite www.martin-fromme.de. Weitere Ausschnitte finden sich in der Mediathek des MDR unter www.mdr.de oder auf der Videoplattform Youtube.

N-Land Christian Geist
Christian Geist