Horst Lößl aus Engelthal

Ein Kleinwildjäger auf der Pirsch

Typische Haltung: Horst Lößl jagt Flattertiere mit der Kamera. | Foto: U. Scharrer2017/09/8326951.jpg

ENGELTHAL – Der Engelthaler Horst Lößl ist ein Passionierter. Die flatterhaften Objekte seiner Begeisterung sind Falter. Um ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, legt er sich auch mal längs ins Gras. Er ist aber kein Jäger mit Schmetterlingsnetz und durchbohrten Prachtexemplaren in der Vitrine: Seine Beute sind außergewöhnliche Fotografien, die ganz im Merian’schen Sinne die Lebenszyklen seiner Motive vom Ei über die Raupe bis zum Falter abbilden.

Der Garten von Horst Lößl und seiner Frau Lydia Hahn-Lößl ist eine sanft gebändigte Wildnis, in der Insekten summen und brummen und die angrenzende Zivilisation sich nur durch die über das kleine Paradies hinwegzischenden Flugzeuge bemerkbar macht.

Horst Lößl, grafischer Designer, fliegt nicht gern, schon gar nicht über die Köpfe anderer Menschen hinweg, so wie es seine Fotomotive, die Falter, eigentlich häufiger tun. Doch seine Abneigung gegen Flugreisen hat natürlich mit Umweltschutzgründen zu tun und die wiederum ganz ursächlich mit der Art und Weise, wie er Falter ablichtet: In der Regel blickt ihnen der Betrachter der meisterhaften Fotografien direkt in die Augen, die schillernden Facetten.

So entsteht das Gefühl, der Schmetterling sei eine Persönlichkeit, der direkte Blick stellt Kontakt her. Wer solchermaßen eine Verbindung aufgebaut hat, wird sich vielleicht eher dem Schutz der zarten Wesen verpflichtet fühlen, die dort verschwinden, wo das ökologische Gleichgewicht aus der Balance gerät.

Auch der Zyklus des kurzen Falterlebens zeigt die Kostbarkeit und wunderbare Anpassung der Insekten an ihre Lebensumstände an. Das meist kaum rapssamengroße Ei aus Chinin ist ein perfekt geformtes Wunderwerk, in das die winzige Raupe eingerollt ist. Das Ei übersteht – teils durch eine Art integriertes Frostschutzmittel – ein bis zwei Winter. Die winzige Raupe schlüpft, platzt in ihrer „Fressphase“ bis zu sechsmal aus ihrer Haut, verpuppt sich und schlüpft endlich als mehr oder weniger fantastisch gezeichneter Falter für eine manchmal nur Tage währende fruchtbare Phase, der kurz nach Begattung oder Eiablage stirbt – oder sich seines Lebens für bis zu zwölf Monate erfreut.

Horst Lößl kann sich über diesem Schöpfungswunder in echte Begeisterung hineinreden – noch überzeugender sind seine Bilder. Da ist eine grüne Raupe mit grell pinkfarbenen Warzen, aus denen Haare sprießen. Sie beißt mit Gusto in ein Blatt. Ein Falter mit Ganzkörperbehaarung klammert sich an einen Vergissmeinnicht-Stängel. Eine unscheinbare Raupe mit großem „Geweih“ überwintert, von hauchfeinen Eiskristallen besetzt, an einem Zweiglein, das bereits eine Knospe trägt.

Angesprochen auf die unendliche Geduld, die für die Pirsch auf diese kleinen Gaukler nötig ist, winkt Lößl ab. „Wenn man sich für etwas begeistert, macht einem das nichts aus“, beteuert er und freut sich besonders, dass seine Frau Lydia ihn mit Interesse auf den Fototouren begleitet. Dass er sich einen bestimmten Ast auf der Houbirg merkt, weil er dort ein Falter-Ei ausgemacht hat und diesen Ast Wochen später geschlagene 45 Minuten absucht, bis er die nur wenige Millimeter große, geschlüpfte Raupe entdeckt, erwähnt er in einem Nebensatz.

Ein Jahr lang kehrt er immer wieder ins Molsberger Tal zurück, weil er dort „vermutlich“ einen bestimmten Schmetterling im Vorbeiflug gesehen hat. Heute gibt es von diesem Falter ein Porträt an einer Ähre im milden Gegenlicht. „Glück“, winkt Horst Lößl ab. Dass das Glück dem Fleißigen gehört, trifft auf ihn sicher in besonderem Maße zu.

Und er muss nicht einmal in die verhassten Flugzeuge steigen, um seine geflügelten Schönheiten zu finden. Überall in der Heimat kennt er seine „Jagdgründe“, wo bestimmte Klimaverhältnisse und Pflanzen Schmetterlinge anziehen. Trockenrasenflächen, das Fichtelgebirge oder ein aufgelassener Steinbruch bei Solnhofen bieten ganz spezielle Lebensräume für besondere Falter.

Interessiert haben ihn die geflügelten Tiere schon immer und in seinen Schulzeugnissen wird der junge Horst durchgängig als „verträumt“ bezeichnet. Junge Menschen so für die Natur und sein Metier, die Schmetterlinge, zu begeistern, wäre Horst Lößl ein großes Anliegen, Kindern die Liebe zur Natur einzuimpfen ist in seinen Augen eine der vornehmsten Aufgaben der Erzieher.

Das Durchblättern eines Fotokalenders, der von Horst Lößl ästhetisch gestaltet wurde und in dem er den vielfach bedrohten Faltern mahnende Worte zwischen die Kauwerkzeuge legt, sollte zumindest die Erwachsenen überzeugen — zusammen mit den wunderschönen Fotos.

N-Land Ute Scharrer
Ute Scharrer