Dörte Hansen bei den Laufer Literaturtagen

Eine Heimatliebe ganz ohne Klischees

Das Autogramm von Dörte Hansen war sehr gefragt. | Foto: Krieger2018/11/dorte-hansen-literaturtage-lauf-krieger.jpg

LAUF ­— Auftakt für die Lesungen der 23. Laufer Literaturtage: Autorin Dörte Hansen bescherte den knapp 500 Zuhörern in der fast ausverkauften Bertleinaula einen literarischen Abend, der Seele und Geist wärmte.

„Heimat ist das, was allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“, schrieb der Philosoph Ernst Bloch. Über Jahrzehnte hatte der Heimatroman in Deutschland keine positive Rezeption. Als Blut- und Bodenliteratur von den Nationalsozialisten missbraucht, in den 1950er Jahren als heile Welt in Groschenromane gepresst, in den 1970er und 1980er Jahren von den Antiheimatliteraten kritisch gegen den Strich gebürstet: Heimat und ihre literarische Aufarbeitung waren nie unbeschwert. Ein Thema, bei dem man sich die Finger verbrennen konnte. Weshalb nicht nur Autoren, sondern auch Verlage lange lieber davon abließen.

Seit einigen Jahren ändert sich das. Nicht nur Zeitschriften wie „Landlust“ und oder „Land und Leute“ schossen erfolgreich aus dem Boden, auch das Comeback des Heimatromans ist augenscheinlich. Wobei sich Autoren wie Dörte Hansen nicht mit der bloßen Dekoration von Heimat zufrieden geben. Lieferte Juli Zeh mit dem grandiosen „Unterleuten“ eine sezierende und politische Analyse der ostdeutschen Provinz nach der Wende, so ist Dörte Hansen der Gegenentwurf gelungen: Ein lebendiges und persönliches Bild von Provinz, eine zärtliche und dennoch psychologisch sehr genaue Beschreibung von Heimat, empathisch, aber dennoch frei von Klischees. Ihr erster Roman „Altes Land“ hat sich mittlerweile 500 000 Mal verkauft, ihr zweiter, „Mittagsstunde“, erschienen im Oktober, startet gerade durch. Den stellte Hansen in Lauf vor.

Eine Geschichte, tief in der Provinz angesiedelt, genauer im fiktiven nordfriesischen Dorf Brinkebüll. Hansen kennt die Gegend sehr genau, wuchs selbst in einem kleinen Ort in Nordfriesland auf und lebt seit Jahren in Husum, von wo aus es nur ein Steinwurf ins Geest ist.

Die Zuhörer in Lauf verfolgen die Entwicklung von Brinkebüll von den 1960er Jahren bis ins Heute anhand ausgewählter Kapitel. Nichts ist hier mehr, wie es einmal war. Die bäuerliche Welt verschwindet, die „Flurbereinigung“ hat sie begradigt. Einige haben das nicht verkraftet, andere die Chance ergriffen. Eine Geschichte von Verlust und Vergehen, in der es wenig Zugewinn gibt, denn mit den schmutzigen Wegen und schiefen Straßen ist auch ein Stück Identität gegangen, das sich die Bewohner nicht wiederholen können, auch wenn jetzt in den Küchen der Häuser überall die Kaffeevollautomaten stehen.

Noch größer ist der Gegensatz, der sich beim Aufeinandertreffen der stoischen und eigenwilligen Dorfmenschen mit den Provinz verrückten Städtern ergibt, die Ursprünglichkeit suchen, doch an der Oberfläche hängen bleiben. Für sie bleibt das Dorf bloße Heimatkulisse.

Diesen Gegensatz beschreibt Dörte Hansen unter anderem am Beispiel von Ingwer Feddersen, der einst Brinkebüll verließ und studierte. Er hat es längst aufgegeben, den Stadtfreunden in Kiel von Brinkebüll zu erzählen, seit er sich damit bei einem gemeinsamen Besuch mit Mitbewohnerin Ranghild in der alten Heimat lächerlich machte. Als seine Großeltern Pflege brauchen, kehrt er allein zurück, froh die seit Jahren vor sich hin dümpelnde WG verlassen zu können. Durch seine Augen rollte die Autorin die Geschichte auf.

Schlager führen durchs Buch

Schön: Die einzelnen Kapitel des Romans sind mit Schlagertiteln überschrieben. Sie waren, so erzählt Dörte Hansen, einst in der Musikbox des Gasthauses Dorfkrug in Brinkebüll zu hören. „Ich schau den weißen Wolken nach“ „Schuld war nur der Bossa Nova“ oder „Junge, komm bald wieder“ – wo das Ungesagte stets wichtiger war, als das Gesagte, boten die heilen Zeilen den Dörflern über viele Jahre Lebenshilfe in jeder Lebenslage.

#Der kleinen Welt von Brinkebüll und allen Brinkebülls dieser Welt setzt Dörte Hansen mit „Mittagsstunde“ ein liebevolles Denkmal. Das Publikum in Lauf ist entzückt, die Signierschlange nach der Lesung ist lang. Das liegt nicht nur am Thema, sondern auch am Wohlfühlspannungsbogen, den die Autorin bei der Lesung schafft, etwa wenn sie zwischendrin Plattdeutsch mit einflicht oder von Begegnungen mit den Menschen im Geest erzählt.

Die Welt ist wie sie ist. Folglich dürfen auch die Menschen in „Mittagsstunde“ so sein, wie sie sind, auch die verrückte Marrett mit ihren Holzpantoffeln, die zu den Liedern aus der Musikbox im leeren Saal des Dorfkrugs tanzt. Für sie wie für Ingwer Feddersen, Lehrer Steensen und alle anderen gilt, was die Eagles schon in „Hotel California“ besangen: „You can checkout any time, but you can’t leave“.

N-Land Isabel Krieger
Isabel Krieger