Ingo Schulze bei den Laufer Literaturtagen

Ein Glückspilz auf dem Weg von Ost nach West

Ingo Schulze trug in der Laufer Bertleinaula Passagen seines neuen Romans „Peter Holtz“ vor. Das Buch ist im Fischer-Verlag erschienen. | Foto: Dorn2018/11/literaturtage-lauf-Ingo-Schulze-in-der-Bertleinaula7.jpg

LAUF — Ingo Schulze, geboren 1962 in Dresden, hat 1995 sein erstes Buch veröffentlicht. Seitdem hat er neben Essays und Erzählungen auch einige Romane geschrieben, in denen oft die Zeit um die Wende eine Rolle spielt. Auch der Roman, den er bei seiner Lesung im Rahmen der Laufer Literaturtage vorgestellt hat, dreht sich um dieses Thema: „Peter Holtz – Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“.

Die Aula der Bertleinschule ist sehr gut gefüllt an diesem reinen Lese-Abend, der mit einem kurzen Tusch beginnt. Der Autor strukturiert kurz den Roman und liest dann aus dem ersten Kapitel, in dem der junge Peter als Waise aus einem Kinderheim vorgestellt wird, stramm sozialistisch erzogen und ebenso handelnd. Die Realitäten der DDR, nebenbei sehr genau geschildert, werden durch dieses naiv-ideologische Verhalten ausgezeichnet karikiert.

Das Publikum verfällt öfter in leises Lachen, in ein In-sich-hinein-Schmunzeln ob der skurrilen Komik des Textes, den Schulze pointiert und ausdrucksstark vorträgt. Notwendigerweise wird die Zuhörerschar immer wieder aus diesem Zustand des Amüsements herausgeholt, wenn Schulze etliche Jahre überspringen muss, um den Werdegang eines zwölf Jahre alten Jungen hin zum 36-jährigen Erwachsenen nachzuzeichnen. Das schadet aber der Atmosphäre kaum; sobald Schulze wieder zu lesen beginnt, nimmt das Publikum schnell wieder Anteil, findet sich in die vorgetragene Sequenz und zeigt sich erheitert von den amüsanten Passagen.

In weiteren Kapiteln entsteht das Bild eines Glückspilzes, dessen Massel bei allem, was er anfasst, beinahe grenzenlos ist. Ein bisschen scheint die griechische Sage von König Midas auf, in dessen Händen alles zu Gold wird. Mehr als das aber zeigt die Lesung den naiven, unbedarften Charakter eines Menschen, der erst den Kommunismus und später den Kapitalismus mit den jeweiligen Parolen und Mechanismen wortwörtlich versteht, beiden so einen Spiegel vorhält und sie, gleichsam ohne es zu wollen, gnadenlos ausnutzt – in seinem Verständnis immer zum Wohle der Allgemeinheit. Dieser Werdegang, diese Auseinandersetzung mit der weiter gefassten Periode um die Wendezeit wird so unaufgeregt und eingängig geschildert, so leicht verständlich, dass es den Zuhörern mühelos gelingt, sich mit Peter Holtz zu identifizieren – das umso mehr als das Buch, in der Ich-Form geschrieben, stets die Sicht des Romanhelden wiedergibt.

Ende in der Anstalt

Nur der letzte Coup, bei dem Peter Holtz aus Geldverbrennung – jedenfalls wie er es wahrnimmt – einen künstlerischen Akt macht, gelingt ihm letztlich nicht. Er wird verhaftet und nach weiteren Versuchen stets erneut verhaftet, bis er schließlich in einer geschlossenen Anstalt landet. Dort träumt er sich in ein sozialistisches Idealbild hinein, in dem er endlich einen Weg zu seiner großen Liebe findet, die von Hartz IV lebt und Geld nur als Hindernis für ein partnerschaftliches Zusammenleben sieht.

Die Lesung umreißt trefflich ein humorvolles, hintergründiges Buch. Das Publikum dankt Ingo Schulze mit einem kräftigen Applaus und nutzt eine anschließende Fragerunde, um mit dem Autor zu diskutieren. Auch die Gelegenheit, das Buch vor Ort zu erwerben und vom Autor signieren zu lassen, wird rege wahrgenommen.

N-Land Reinhard Dorn
Reinhard Dorn