Journalist Ulrich Chaussy in Lauf

Dutschkes Leben unter der Lupe

Rudi Dutschke kennt man als Ikone der 68er-Bewegung. Der Journalist Ulrich Chaussy hat in seiner Biografie auch Kindheit, Jugend und die letzten Jahre Dutschkes beleuchtet. | Foto: Kirchmayer2018/11/Ulrich-Chaussy-Rudi-Dutschke-Lesung-vhs-Lauf-Stadtbucherei.jpg

LAUF — Von der behüteten Kindheit Rudi Dutschkes in Brandenburg bis zum tragischen Tod in der Badewanne: Ulrich Chaussy stellte in Lauf nicht nur seine Biografie der 68er-Ikone vor. Der Münchner Journalist gab auch viele Einblicke in seine Jahrzehnte dauernde Recherche.

Vielleicht war Chaussy in der Laufer Stadtbücherei ein bisschen neidisch auf die Wirkung von Rudi Dutschke im Deutschland der 1960er Jahre. Dem jungen Mann gelang es vor rund 50 Jahren scheinbar mühelos, die studentischen Massen für große Proteste in Westberlin zu mobilisieren. Chaussys Lesung über den Studentenführer im Rahmen einer VHS-Reihe wollte in Lauf jedoch nur acht Besucher hören.

Wer kam, wurde allerdings nicht enttäuscht. Über Jahrzehnte hat sich Chaussy mit dem Leben von Dutschke befasst. Der Münchner hat sich mit dessen Kindheit im brandenburgischen Luckenwalde und der Schulzeit in der DDR und in West-Berlin beschäftigt. Er hat Gerichtsakten über dessen Attentäter gewälzt, Dutschkes Jahre im selbst gewählten Exil nach dem Mordversuch 1968 unter die Lupe genommen und mit der Witwe des 1979 an den Spätfolgen eines Attentats verstorbenen Studentenführers gesprochen.

Chaussys Biografie beginnt mit einem Wendepunkt in Dutschkes Leben. So populär der Studentenführer bei vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen war, so verhasst war er bei anderen. Allen voran die Springer-Presse machte Stimmung gegen die Bewegung und ihren „Rädelsführer“, aber nicht nur sie. Die rechtsextreme National-Zeitung titelte im März 1968 „Stoppt Dutschke jetzt, sonst gibt es Bürgerkrieg“ und zeigte Bilder der Studenten­ikone.

20 Tage später fuhr ein junger Mann mit dem Zug von München nach West-Berlin. Josef Bachmann kam aus der rechtsextremen Szene, er hatte jene Titelseite der National-Zeitung und zwei Pistolen dabei. In Berlin fragte er sich nach Dutschke durch. Auf dem Kurfürstendamm traf er den Studenten, schoss ihm einmal in die Schulter und zweimal in den Kopf.

Tod in der Badewanne

Dutschke überlebte nach einer Not­operation. Eine Kugel hatte sein Sprachzentrum beschädigt, er musste Sprechen, Lesen und Schreiben neu lernen. Mit seiner Frau verließ er die Bundesrepublik. Elf Jahre nach dem Attentat, 1979, starb er. Als Spätfolge der Kopfverletzungen hatte er in der Badewanne einen epileptischen Anfall und ertrank.

Chaussy hat Dutschke ein Jahr zuvor noch in München getroffen. Er interviewte ihn für den Bayerischen Rundfunk und erlebte einen „offenen Menschen, der lernen wollte“.

1983 erschien Chaussys erste Biografie, „Die drei Leben des Rudi Dutschke“. Warum eine zweite? „Das Interesse an der Figur hat mich nicht losgelassen“, erklärt er. Viele Akten über Dutschkes Schul- und Studentenzeit waren Anfang der 1980er unter Verschluß, ob bei der Stasi oder dem Bundesnachrichtendienst. Nun konnte Chaussy sie sichten und das Bild Dutschkes verfeinern.

Der Journalist lieferte den handverlesenen Zuhörern in Lauf in knapp zwei Stunden episodische Einblicke in das gesamte Leben Rudi Dutschkes. Mehr noch: Er zeigte immer wieder seine Arbeitsweise, ließ in den Vortrag Schnipsel von Reden oder Interviews Dutschkes mit einfließen. Als „großes Puzzle“ beschrieb der 66-Jährige seine Arbeit und ließ die Zuhörer spüren, wie fasziniert er von dieser prägenden Figur der Bundesrepublik ist.

Kein Wunder. Als Dutschke sich auf dem Höhepunkt seiner Berühmtheit befand und Tausende Berliner Studenten für Demonstrationen unter anderem gegen den Vietnamkrieg um sich scharte, war Chaussy ein Teenager. Er schilderte in Lauf, wie beeindruckt er damals von dem zwölf Jahre älteren Studenten war. Diese Faszination für die historische Figur merkt man dem 66-Jährigen noch bis heute an. Man wünscht Chaussy, dass er mit seinem spannenden Sujet anderswo auf mehr Interesse stößt.

N-Land Andreas Kirchmayer
Andreas Kirchmayer