Nach Anschlag auf Aleviten

Demo für friedliches Miteinander in Röthenbach

Mehr als 300 Menschen demonstrierten in Röthenbach für ein friedliches Miteinander. | Foto: Krieger2017/09/Demo-Aleviten-Rothenbach-ik.png

RÖTHENBACH — Am alevitischen Kulturzentrum in Röthenbach sind drei Fensterscheiben eingeschlagen worden. Weil die Tat womöglich politisch motiviert war, ermittelt jetzt das Staatsschutz-Kommissariat. Mehr als 300 Menschen haben am Sonntag vor dem Röthenbacher Rathaus friedlich für Offenheit und Toleranz sowie gegen Gewalt gegen Minderheiten demonstriert.

Ereignet hat sich die Tat bereits am Sonntag, 10. September. Gegen 22 Uhr bemerkte ein Fußgänger, der mit seinem Hund Gassi ging, dass ein Unbekannter drei Scheiben des Kulturzentrums des Röthenbacher Vereins in der Grabenstraße einschlug. Der Täter trug dunkle Kleidung, er soll schlank und etwa 1,75 Meter groß und vermutlich männlich sein. Als der Zeuge ihn bemerkte, flüchtete der Täter zu Fuß in Richtung Viktor-Rabs-Straße.

Laut Polizei entstand ein Schaden von etwa 1000 Euro. Die Beamten glauben nicht, dass es sich um einen versuchten Einbruch handelt, da ein Einbrecher nur eine Scheibe einschlagen müsste, um in ein Gebäude zu gelangen. Die Sachbeschädigung ereignete sich etwa eine halbe Stunde, nachdem die Mitglieder des Kulturvereins das Gebäude verlassen hatten. Baris Kartal, der Vorsitzende des Vereins, glaubt nicht an einen Zufall. „Der oder die haben abgewartet, bis wir weg sind“, sagt der 39-Jährige.

„Ermittelt wird in alle Richtungen“, so ein Sprecher der Polizei. Explizit nicht ausgeschlossen wird ein politischer Hintergrund. Deshalb hat das Staatsschutz-Kommissariat in Schwabach die Sachbearbeitung übernommen.

Insgesamt drei Scheiben gingen zu Bruch. Schaden: rund 1000 Euro. | Foto: Privat2017/09/Aleviten-Rothenbach-Scheiben-eingeschlagen-Foto-Privat-3.jpeg

 

Kartal möchte keine Vermutungen über die Täter anstellen. Aber er hält auch eine Mutprobe eines Halbstarken für unwahrscheinlich. Vor drei Monaten gab es einen ähnlichen Vorfall bei einem alevitischen Kulturverein in Bamberg. Ein alevitisches Zentrum wurde unter anderem mit dem Symbol der rechtsex­tremen türkischen „Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP)“ beschmiert. Kartal hält einen Zusammenhang mit dem Vorfall in Röthenbach für möglich. „So weit darf es nicht kommen, dass man andere Parteien, Vereine oder Glaubensrichtungen nicht akzeptiert. Wir müssen ein Zeichen für Toleranz und friedliches Miteinander setzen“, sagt Kartal. Im vergangenen Jahr gab es weitere ähnlich gelagerte Vorfälle in Deutschland.

Seit Januar ist er Vorsitzender des rund 100 Mitglieder starken Vereins und versucht nach eigenen Angaben seitdem viel zu bewegen und auf die Menschen in Röthenbach offen zuzugehen. „Es gibt Gruppen, die es nicht sehen wollen, dass Vereine lebendig werden“, glaubt er. Es gefiele manchen in der Stadt nicht, dass die Aleviten beispielsweise gute Kontakte zum Vereinskartell unterhielten.

Die religiöse Minderheit der Aleviten in der Türkei ist seit dem Erstarken von Ministerpräsident Erdogan noch stärker als früher im Visier extremer religiöser Kräfte. Ihnen ist die liberale Haltung der Religionsgemeinschaft und ihr Widerstand gegen die Politik Erdogans ein Dorn im Auge. So haben Aleviten, die in Deutschland leben, mittlerweile unter anderem Probleme, Angehörige in der Türkei beisetzen zu lassen. Die Religionsgemeinschaft bekennt sich nicht zum Islam, sondern vertritt humanistische Werte. Im April vergangenen Jahres hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte geurteilt, dass die Türkei die Religionsfreiheit der schätzungsweise 20 Millionen Aleviten im Land verletzt. Die Türkei erkennt das Alevitentum nicht als eigenständige Religion an.
„Der Mensch steht im Mittelpunkt“, so Kartal über seine Religionsgemeinschaft. Es ginge um Toleranz und das Akzeptieren anderer.

Am Sonntag fand vor dem Röthenbacher Rathaus eine Kundgebung gegen Gewalt, Hass und Ausgrenzung statt. Dazu aufgerufen hatte der alevitische Kulturverein Röthenbach. Aleviten aus ganz Bayern kamen.

Wie ernst  die Röthenbacher Tat innerhalb der alevitischen Gemeinde in Bayern, der rund 3000 Menschen angehören, genommen wird, zeigte die Präsenz von mehr als 300 Teilnehmern, die aus allen Teilen des Freistaates zu der Kundgebung in Röthenbach angereist waren. Landes- und Bundesvertretung waren mit Sprechern vertreten und mahnten Toleranz gegenüber ihrer Minderheit, aber auch grundsätzlich an. „Wir sind offen für alle Menschen“, betonte Baris Kartal, Vorsitzender des Röthenbacher Vereins, „das stört vielleicht manche“. Er hatte die Demo organisiert. „Wir wollen damit ein Zeichen setzen.“

Von der Stadt Röthenbach war Bürgermeister Klaus Hacker dabei. Das Stadtoberhaupt machte unmissverständlich deutlich, dass die Stadt nicht nur hinter dem alevitischen Kulturverein stehe, sondern Aktivitäten jeglicher Art, die das Miteinander in Röthenbach gefährdeten, nicht akzeptieren werde. „Für Verachtung und Respektlosigkeit gibt es null Toleranz“, sagte Hacker.

Ernst zeigte sich auch Dagmar Haala, Vorsitzende des Röthenbacher Vereinskartells. Der Vorfall mache die Vereinigung tief betroffen, sagte Haala. Der alevitische Kulturverein ist seit 25 Jahren Mitglied im Vereinskartell, es seien Freundschaften entstanden, die Aleviten engagierten sich im kulturellen Leben der Stadt. Deshalb sei es klar, dass man sich zu ihnen bekenne, „wir machen keinen Unterschied zu anderen Vereinen“.

Für die Landesvertretung der Aleviten in Bayern sprachen unter anderem der Vorsitzende der alevitischen Gemeinde in Nürnberg, Cengiz Sahin, und Bülent Urgur von der Alevitischen Gemeinde Deutschland, der seine Rede auf türkisch hielt. Zur Erklärung hieß es, diese würde für den Fernsehsender Yol der Aleviten aufgezeichnet: sie dürfen in der Türkei offiziell nicht senden, weshalb sie sich bei ihren Landsleuten über das Internet zu Wort melden.

Deniz Sahbaz, Sprecher der Jugendvertretung der Aleviten, hatte zuvor betont, der Dachverband der Aleviten in Bayern habe bereits Anzeige erstattet. Die Landesvertretung sei über die Tat in Röthenbach „zutiefst empört“. Zur Aufklärung werde man alle möglichen rechtlichen Schritte einleiten. Die Aleviten seien gegen jegliche Art von Gewalt. „Solche Anschläge haben nur ein Motiv. Sie wollen eine Atmosphäre der Angst erschaffen und die Spaltungen in der Gesellschaft vertiefen.“

Isabel Krieger/ Andreas Kirchmayer

N-Land Pegnitz-Zeitung
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