Marion Schweizer ist Ehrenmitglied des Staatstheaters

Schauspiel-Legende mit Herz und Haltung

Liebt die Natur und ihre Tiere, hängt aber ebenso an den beiden extra für sie gemalten und gedichteten Bilderbüchern: Marion Schweizer, seit kurzem Ehrenmitglied des Nürnberger Staatstheaters. | Foto: Spandler2018/08/Schwarzenbach-Schweizer1.jpg

SCHWARZENBACH – Große Ehre für Marion Schweizer, die Generationen von jungen und auch älteren Schauspielfreunden des Nürnberger Theaters bekannt ist: Vor wenigen Wochen wurde die Schauspielerin zum Ehrenmitglied des Staatstheaters ernannt. Seit fünf Jahren lebt die Natur- und Tierfreundin in Schwarzenbach. Sie blickt auf eine Karriere zurück, die sich mit dem Eintritt ins Rentenalter vor 13 Jahren nicht wirklich beendet, sondern nur verändert hat.

180 mal stand sie in dem Stück „Sekretärinnen“ auf der Bühne, 100 mal in der „Drei-Groschen-Oper“. Insgesamt war sie 56 Jahre am Theater engagiert, davon 42 Jahre am Nürnberger Schauspielhaus, das seit geraumer Zeit Staatstheater ist. Die Bilanz ließe sich mit weiteren Zahlenspielen fortsetzen, denn wer einem Haus so lange die Treue hält, hat etwas vorzuweisen. Dies wurde im Fall der gebürtigen Würzburgerin nun honoriert. Zusammen mit ihrer Kollegin Jutta Richter-Haaser und dem Tenor Richard Kindley wurde sie in einem Festakt von Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly zum Ehrenmitglied ernannt.

Marion Schweizer erhält die Urkunde von Oberbürgermeister Ulrich Maly. | Foto: Dreier2018/08/Nuernberg-Staatstheater_Ehrung_Foto_Udo_Dreier_2018-226920.jpg

Im Theater zu Hause war sie eigentlich schon, als sie noch gar nicht geboren war. Denn ihr Vater war Schauspieler, die Mutter war Operettensoubrette und nahm auch noch im hochschwangeren Zustand an Aufführungen teil. So wurde sie in eine künstlerische Umgebung hineingeboren, zitierte mit vier Jahren Goethe und erhielt von einem Kunstprofessor zwei wohl einzigartige Bilderbüchlein., Unikate, die ausschließlich für sie angefertigt wurden, mit handgeschriebenen Gedichten und Illustrationen. Kein Wunder, dass sie die hütet wie ihre Stimme.

Kulturelles Umfeld war stärker

Veterinärin wollte die Tiernärrin eigentlich werden. Doch das kulturelle Umfeld war stärker. In Würzburg und Nürnberg studierte sie Schauspiel, Gesang, Phonetik und Ballett. 1963landete sie nach ihrem Engagement in Heilbronn am Nürnberger Schauspielhaus. „Man braucht Talent, Glück und Disziplin“ für ihren Beruf und offensichtlich auch einen gewissen Sinn fürs Managen. Denn als alleinerziehende Mutter, die tagsüber probierte und abends auf der Bühne stand, musste sie sich stets auch darum kümmern, dass der Sohn von Freunden oder Nachbarn gut versorgt wurde. Und noch etwas war wohl für ihre Karriere wichtig: ihr herzliches Wesen und eine gewisse Haltung, was bestimmte Themen – Ideologien, Religion und ähnliches – angeht, die man immer wieder neu bewerten muss.

Schweizer in jüngeren Jahren in einem Stück von Franz Xaver Kroetz. | Foto: privat2018/08/Schwarzenbach-Marion-Schweizer2.jpg

Wenn die lebhafte 75-Jährige von den Zeiten am heutigen Staatstheater erzählt, scheint sie sich manchmal selber darüber zu wundern, wie lange ihr Theaterlebens schon dauert. Immer wieder hört sie von Personen, die selber bereits jenseits der 60 sind, wie etwa die Kulturreferentin der Stadt Nürnberg, Professor Julia Lehner, oder die Verfasserin dieser Zeilen, dass man sie schon im Rahmen der Schulplatzmiete in Aktion erlebt hat.

Jede Menge Anekdoten

Wie viele ältere Mimen hat sie eine Menge Anekdoten auf Lager. Etwa die, in der ihr Schauspielerkollege Peter Pichler aus Versehen nicht nur das Bier, sondern den ganzen Bierkrug während einer Aufführung zwischen die Zähne schleuderte. Und sie dem Entsetzten zuzischte: „Ist alles in Ordnung, spiel’ weiter!“ Oder jene, in der sie einen jungen langhaarigen Kollegen für die Regie-Assistentin hielt. Oder die gar nicht so lustige, in der sie in der vergangenen Spielzeit noch zwei Rollen hätte spielen sollen, dies aber wegen eines Unfalls nicht mehr konnte. Einer ihrer Hunde hatte die Treppe zu ihrer Wohnung so „präpariert“, dass sie ausglitt und sich den Oberschenkel brach.

Den Text für Tolstois „Auferstehung“ hatte sie schon gelernt – vergeblich. Nicht zu vergessen die Geschichte, in der sie sich beschwerte, dass einer der zahlreichen Regisseure, mit denen sie arbeitete, die Schauspieler in den Proben immer nur lesen und nicht spielen ließ. „Ich könnte mir vor Wut in den großen Zeh beißen“, äußerte sie und tat das dann auch.

Unter Utzerath und Pschigode

Interessante Persönlichkeiten lernte sie in ihrer langen Zeit in Nürnberg kennen. Der „legendäre Regisseur“ Hansjörg Utzerath gehört dazu. Der „Familienpatriarch“ Karl Pschigode, für den Empathie so wichtig war. Und zuletzt der nun scheidende Klaus Kusenberg, der den Spagat zwischen dienstlichen und privaten Belangen so hervorragend geschafft habe.

Als die Mail vom Intendanten Peter Theiler eintraf, der ihr die Auszeichnung ankündigte, war sie ernsthaft gerührt. Beteiligt an der Auswahl waren nicht nur die Kulturreferentin, sondern auch der Beirat der Kollegen, der Generalintendant, der Schauspieldirektor und der Stiftungsbeirat des Theater. Sie alle wollten ihr für ihre Verdienste als Schauspielerin danken. Ebenso wenig wie sie sich festlegen möchte, wann die schönste Zeit am Theater war, möchte sie ihre Lieblingskollegen nennen. Ein paar tauchen aber in ihren Erzählungen immer wieder auf: Richter-Haaser, Pichler und andere aus ihrer Generation.

Schweizer in einer ihrer Lieblingsrollen, die aber auch eine der anstrengendsten war: die Magd Zerline von Hermann Broch. | Foto: privat2018/08/Schwarzenbach-Marion-Schweizer1.jpg

Auf die Frage, was die größte Herausforderung war, findet sie leichter Antworten. In einem spartenübergreifenden Stück sprach sie in der Oper einen Monolog, bei dem es so sehr ums Timing ging, dass sie mitzählen musste, um die zeitliche Taktung einzuhalten. Das schaffte sie so gut, dass am Ende das gesamte Orchester applaudierte.

Oder das Ein-Personen-Stück „Die Erzählung der Magd Zerline“ von Hermann Broch, in dem sie eine Stunde und 50 Minuten ohne Unterbrechung gefordert war. Diesen langen Text, wie auch viele andere, lernte sie beim Spazierengehen in der Oberpfalz. Und dann gab es aber auch einen Regisseur, mit dem sie sich nicht so verstand. Den auszuhalten und trotzdem mit vollem Einsatz mit ihm zusammenzuarbeiten – das fand sie nicht leicht.

„Den Zuschauer mitnehmen“

Viele Theatergesetze hat sie gelernt in ihrer aktiven Zeit. Die wichtigsten sind wohl, dass man den Zuschauer immer mitnehmen und im Sinne des Autors arbeiten sollte. „Man muss Anwalt seiner Figur sein und darf gleichzeitig den Zuschauer nicht außen vor lassen“, lautet ihre Berufsauffassung. Ob sie denn jetzt auch mal als Besucher ins Theater geht? Aber natürlich, doch auch heute steht sie noch als Akteurin im Rampenlicht. Wenn sie etwa eine Talkshow moderiert oder vor Publikum aus dem Nähkästchen plaudert. Denn der Erfahrungsschatz der langjährigen Schauspielerin kann noch viele Abende füllen.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler