Burgthanner Dialoge

„Das hat mir die Augen geöffnet“

„Visionäre von heute – Gestalter von morgen“: Unter diesem Slogan sprachen Arne Friedrich, Gordon Weuste und Aya Jaff im Haus der Musik in Unterferrieden. | Foto: Geist2018/10/Burgthann-Dialoge-Friedrichneu.jpg

BURGTHANN – Bei den neunten Burgthanner Dialogen hat Ehrengast Arne Friedrich über sein soziales Engagement und den Stellenwert der Dankbarkeit in seinem Leben gesprochen. Ferner erläuterte Gordon Weuste sein Hausbau-Projekt in Osteuropa und Programmiererin Aya Jaff gab Einblicke in ihren interessanten Lebenslauf.

„Interessant ist, was zwischen den Zeilen steht“, sagte Moderatorin Dr. Alexandra Hildebrandt, ehe sie in das Dreigespräch mit Bürgermeister Heinz Meyer und Ehrengast Arne Friedrich einstieg. Alle Daten und Fakten, die im Internet über ihn nachlesbar sind, sollten darin nur eine Nebenrolle spielen.

In den folgenden 30 Minuten sprach Friedrich natürlich auch über Fußball, viel mehr jedoch über Glaube, soziales Engagement und die Kultur des Scheiterns. Friedrich, der nach einem Bandscheibenvorfall seine Karriere beenden musste, unterhält heute eine Stiftung. Diese fördert das deutsche Herzzentrum in Berlin, ein Integrationsprojekt namens VIF (Verantwortung-Integration-Freundschaft) sowie den Bundesverband Kinderhospiz.

Meyer wollte von Friedrich wissen, wie er als Fußballspieler überhaupt auf die Idee gekommen sei, sich sozial zu engagieren. Die Erklärung Friedrichs reichte zurück ins Jahr 2008. „Damals war ich Kapitän von Hertha, die EM stand vor der Tür, eigentlich lief alles perfekt. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl: Mir fehlt etwas im Leben. Obwohl ich ja alles hatte.“ Auf den Rat eines Bekannten hin besuchte der Nationalspieler das Berliner Herzzentrum. „Das hat mir die Augen geöffnet“, meinte Friedrich, der bei diesem Besuch eines gelernt habe: „Dankbarkeit ist der Schlüssel zur Zufriedenheit. Und Dankbarkeit kann man lernen.“ Über Jahre hinweg habe er anschließend das Herzzentrum unterstützt und regelmäßig Kinder dort besucht. Damit war das erste Projekt der Arne-Friedrich-Stiftung schnell gefunden, als er diese 2015 ins Leben rief.

Welche Rolle sein Glaube beim Einsatz für seine Stiftung spielt, wollte Hildebrandt anschließend wissen. Laut Friedrich hat jeder das Potenzial, sich zu engagieren – der eine etwas mehr, der andere etwas weniger. „Am Ende geht es um die Frage: Wie kann ich es schaffen, das Leben eines anderen ein Stück weit besser zu machen?“ Als ehemaliger Fußballprofi, der ein privilegiertes Leben führt, sehe er es schlichtweg als seine Verantwortung, etwas zurückzugeben. Sein Glaube gebe ihm dabei Halt, er sei jedoch keine Voraussetzung, um Gutes zu tun.

Auf Nachhaken Hildebrandts, bekannte sich Friedrich ferner als ein Freund des Scheiterns. „Wenn man erfolgreich sein möchte, gehört das Scheitern dazu. Wir müssen ein bisschen die Angst davor verlieren“, meinte Friedrich, der nach seiner aktiven Karriere eine Zeit lang in den USA gelebt hat, „Scheitern ist eigentlich was Gutes. Die Frage ist, wie man darauf reagiert“. Man müsse anpacken, losgehen, hinfallen und wieder aufstehen. In den Staaten herrsche diesbezüglich eine ganz andere Kultur.

„Da kann man nur noch kotzen“

Als zweiter Referent präsentierte Gordon Weuste am späten Freitagnachmittag sein Projekt „Build and Grow“. Der junge Unternehmensberater (Jahrgang 1991) organisiert nachhaltige Teamevents in Osteuropa: Binnen drei Tagen bauen Mitarbeiter eines Unternehmens ein Haus für eine bedürftige rumänische oder moldawische Familie. „Ich habe in der Unternehmensberatung noch niemanden mit Tränen in den Augen gesehen. Aber bei der Übergabe der Häuser jedes Mal“, berichtete Weuste und zeigte einige Bilder von der Entstehung eines solchen Fertigbauhauses. Drei Tage Bauzeit seien natürlich extrem sportlich. „Aber es gibt nichts Größeres für ein Team, als mit dem Gedanken zurückzufliegen, es geschafft zu haben.“

Gordon Weuste präsentiert sein Projekt „Build and Grow“. | Foto: Geist2018/10/Burgthann-Dialoge-Weuste.jpg

Auf die provokante Frage Hildebrandts, warum er in Osteuropa und nicht etwa in Deutschland helfe, schilderte Weuste die Situation vor Ort. Er sprach von Familie mit drei Kindern, die in Häusern ohne Fenster leben, bei minus 20 Grad im Winter. „Wenn man das gesehen hat, kann man auch diejenigen verstehen, die zu uns kommen, um die Kindergeldregel auszunutzen. Wenn man nichts hat und die Kinder vor Kälte zittern und frieren, was soll man denn anderes machen?“

Weuste sparte im Gespräch mit Hildebrandt und Meyer nicht an Konsum- und Kapitalismuskritik. „Wenn man zurückkommt und die Zeitung aufschlägt, da kann man eigentlich nur noch kotzen. Wir haben Probleme, die sich andere wirklich wünschen“, meinte er und lobte unter anderem das deutsche Sozialsystem als beneidenswert. „Und trotzdem gibt es Leute, die sich beschweren, dass Hartz IV für den nächsten Urlaub nicht reicht.“ Und wieder andere zerbrechen sich den Kopf über ihr neues Haus, ihr neues Auto oder ihre neue Yacht.

Auf Hildebrandts Frage nach einer Initialzündung für sein soziales Engagement nannte Weuste seinen christlichen Glauben sowie das Leben Jesu. „Wenn man das nur im Ansatz nachlebt, erkennt man auf jeden Fall die Dimension von Nächstenliebe“, sagte er und ermunterte alle rund 140 Gäste zu mehr Selbstlosigkeit. „Man kann alleine nicht die ganze Welt retten. Aber wenn wir alle mal richtig anpacken würden, könnten wie eine Menge bewegen.“

Von Nürnberg ins Silicon Valley

Ein wahres Luxusproblem war es, das Referentin Aya Jaff zu ihrem Beruf und damit zu den Burgthanner Dialogen brachte. Während ihrer Schulzeit versuchte die Nürnbergerin mit irakischen Wurzeln, einen Weg zu finden, morgens länger schlafen zu können. Zwei Jahre setzte sie sich für einen digitalen Stundenplan ein, um zu Hause sehen zu können, ob am nächsten Morgen die erste Stunde ausfällt. Vegebens.

Die Programmiererin Jaff Aya (Mitte) mit Bürgermeister Heinz Meyer. | Foto: Geist2018/10/Burgthann-Dialoge-Jaff.jpg

Weil ihr Mathe- und Informatiklehrer ihr zudem jede Unterstützung versagte, brachte sich die 15-Jährige das Programmieren selbst bei. So gut, dass Jaff nach dem Abitur ein Stipendium an der privatwirtschaftlichen Draper University im Silicon Valley erhielt. Sie traf Unternehmer wie Tesla-Chef Elon Musk und unterschrieb nach ihrem Abschluss einen Arbeitsvertrag bei Hyperloop. Jenem Unternehmen, das an einem 1300 km/h schnellen Hochgeschwindigkeitszug tüftelt.

Heute arbeitet Jaff mit drei weiteren Gründern in München. Gemeinsam organisieren sie Veranstaltungen und vernetzen Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Außerdem hat sie ein Börsenplanspiel für Schulen entwickelt und tritt als Programmiererin konsequent gegen den Vorwurf der Quotenfrau an. Warum sie etwa auf dem Podium der Burgthanner Dialoge saß, beantwortete Meyer kurz und knapp: „Weil sie einfach gut ist.“

N-Land Christian Geist
Christian Geist