Österreicher sprengte Geldautomaten in Oberferrieden

Automatenknacker vor Gericht

Nachdem es dort bereits Ende April 2016 einen Sprengstoffanschlag gegeben hatte, wurde die gerade frisch renovierte Sparkassen-Filiale in Oberferrieden am 15. Juni 2016 erneut Ziel eines Angriffs. Den ersten Angriff gesteht der Täter, für den zweiten will er nicht verantwortlich sein. | Foto: Blinten2018/01/Automatenknacker.jpg

OBERFERRIEDEN – Ein 23 Jahre alter Österreicher hat am Donnerstag vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth zugegeben, im April 2016 einen Geldautomaten in der Sparkasse im Gewerbegebiet Espen in Oberferrieden gesprengt zu haben. Für einen zweiten Sprengstoffanschlag in der gleichen Filiale sechs Wochen später will er aber nicht verantwortlich sein. Dem Automechaniker drohen mindestens fünf Jahre Gefängnis.

Anton R. und sein Kumpel Hubert E. (Namen geändert) hatten tausende Euro beim Lottospielen verzockt und Verluste mit Autogeschäften gemacht. Rund 45.000 Euro Schulden häuften sich so in einigen Monaten an. Um diese auszugleichen, kamen die Männer aus Niederösterreich auf einen verwegenen Plan: Sie wollten Geldautomaten sprengen. Anregungen, wie sie das anstellen könnten, holten sie sich in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY…ungelöst“.

35.000 Euro Sachschaden

Ende April brach Anton R. dann nach Bayern auf: Im Kofferraum seines Audis lagen Gasflaschen, Benzinkanister und Werkzeuge. Am Morgen des 29. April 2016 schlug der 23-Jährige dann in der Sparkassenfiliale in Oberferrieden zu: Er leitete ein Gasgemisch in den Geldautomaten. Dann legte er mit Bremsreiniger eine Spur, zündete diese und verursachte so eine Explosion. Die Verkleidung des Geräts flog durch den Raum. Um an die Geldkassette zu kommen, führt R. eine weitere Sprengung durch. Allerdings vergeblich: Die über 100.000 Euro blieben gut gesichert, wo sie waren. Der Österreicher trollte sich ohne Beute. Er richtete aber einen Sachschaden von rund 35.000 Euro an.

Wenige Wochen später, am 15. Juni 2016, wurde genau diese Filiale in Oberferrieden wieder Ziel eines Angriffs: die Räume waren gerade frisch renoviert, ein nagelneuer Geldautomat stand im Foyer, als erneut der Geldautomat mit Sprengstoff zerstört wurde. Diesmal war die Sprengladung offenbar größer: Dem Dieb gelang es, die Geldkassette zu erbeuten. War es ein Wiederholungstäter? Die Polizei vermutete dies. Es stellte sich am Ende aber als falsch heraus. Anton T. war zu der Zeit nicht Franken.

Verantwortlich ist der 23-Jährige indes für weitere Automatensprengungen im Mai 2016: In einem Pavillon der Sparkasse Nördlingen und in der Filiale einer Raiffeisenbank in Aschberg bei Dillingen richtete er laut Anklage hohe Sachschäden von zusammen rund 60.000 Euro an, musste aber erneut ohne Beute flüchten.

Verzwickte Lage für die Täter

Für die beiden Österreicher aus der Nähe von Wien blieb die Lage also verzwickt: Sie hatten immer noch kein Geld, ihre Schulden zu begleichen. Hubert E. habe ihn gedrängt, erneut nach Deutschland zu fahren und mit besserer Technik weitere Sprengversuche zu unternehmen, sagte der gelernte Automechaniker gestern vor Gericht.

Sei Kumpel habe zu diesem Zweck extra einen Oberklasse Audi angeschafft und entsprechend mit Zusatztanks und gestohlenen Nummernschildern präpariert.

Was Anton T. bei seiner zweiten Reise nicht ahnte: Die Polizei war ihm bereits auf den Fersen. Erst als mehrere Polizeifahrzeuge ihn auf der A9 in die Zange nahmen wurde ihm seine Situation bewusst. Statt sich zu stellen, lieferte er sich eine filmreife Verfolgungsjagd.

Verfolgungsjagd endete in der Leitplanke

Beamte der Hersbrucker Polizei berichteten gestern als Zeugen, wie sie dem Audi, der mit hoher Geschwindigkeit in Hormersdorf von der Autobahn abfuhr, folgten. Immer wieder hätten sie das PS-starke Fahrzeug aus den Augen verloren. In Entmersberg schien die Fahrt zunächst beendet: Anton T. war in einen Feldweg gefahren und musste wenden. Die Polizisten stellten ihr Auto in den Weg. Der Fahrer hielt jedoch nicht. Er raste durch eine Wiese dicht an einem der beiden Beamten vorbei. Er habe sich gerade noch mit einem großen Schritt nach hinten retten können, so der betroffene Polizist.

Anton R. sagte am Donnerstag, er sei von der langen Verfolgungsjagd müde und und gestresst gewesen. Er habe den Polizeibeamten nicht gesehen und auch nicht umfahren wollen.

Die wilde Hatz ging noch einige Zeit weiter: So rauschte der Österreicher durch die Nürnberger Straße in Altensittenbach bis zum Bahnhof Hersbruck, wendete dort und raste zurück. Erst auf der A3 bei Mögeldorf endete seine Flucht: Der Österreicher krachte in die Leitplanke, er flüchtete sich zu Fuß in ein Abwasserrohr. Dort wurde er kurze Zeit später festgenommen.

Seit 27. November 2016 sitzt der Mann nun in Untersuchungshaft. Die ungewöhnlich lange Zeit bis zum Prozess ist auf einen justizinternen Streit zurückzuführen: Die Staatsanwaltschaft wertet die Verfolgungsjagd, bei der fast der Polizist über den Haufen gefahren wurde, als versuchten Mord, gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr und unerlaubtes Entfernen vom Unfallort.

Das Schwurgericht, das für solche Fälle zuständig ist, sah jedoch keinen Mordversuch und gab die Anklage an eine allgemeine Strafkammer weiter. Dagegen legte die Staatsanwaltschaft Beschwerde ein, diese wurde vom Oberlandesgericht jedoch abgelehnt.

„Deal“ anvisiert

Monate später, verhandelt nun die 13. Strafkammer des Landgerichts unter Vorsitz von Richter Ulrich Flechtner den Fall. Er und seine Kollegen gehen bis auf weiteres davon aus, dass kein Mordversuch vorliegt.

In Gesprächen zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und den Verteidigern Tobias Schmidt und Till Wagler einigte man sich bereits im Vorfeld des Verfahrens auf einen „Deal“: Legt Anton R. ein Geständnis ab, kommt er mit einer relativ milden Strafe davon. Für die Verfolgungsjagd, das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion und versuchten Diebstahl in drei Fällen muss der Mann mit fünf bis fünfeinhalb Jahren Gefängnis rechnen. Der Prozess wird Ende Januar fortgesetzt.

Sein Komplize, Hubert E., kam übrigens deutlich günstiger davon: Er wurde in Österreich wegen Beihilfe zum Diebstahl zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt.

N-Land Clara Grau
Clara Grau