Legendäres Café ist zu

Ansturm auf die letzten Lehmeier-Torten

Konrad und Anneliese Lehmeier (links) verkauften am Wochenende ihre letzten Torten. Kunden aus nah und fern nutzten die Gelegenheit, dem Café am Schnaittacher Marktplatz einen letzten Besuch abzustatten. | Foto: Schuster2018/02/cafe-lehmeier-schnaittach-innen.jpg

SCHNAITTACH — Einen solchen Ansturm wie am vergangenen Sonntag hatte das Café Lehmeier am Schnaittacher Marktplatz noch nie erlebt. Alle wollten ein letztes Mal die legendären Torten genießen. Nun ist nach 21 Jahren Schluss.

Bereits kurz nach Mittag hatte sich eine Menschentraube vor dem Laden am Marktplatz gebildet. Selbst der leichte Nieselregen schreckte niemanden ab. Alle wollten ein letztes Mal eine der leckeren Backwaren ergattern und so ging das letzte Stück Kuchen bereits kurz vor 15 Uhr über die Theke.

Nun ist Schnaittach um eine Institution ärmer. In den vergangenen 21 Jahren war das Café Lehmeier der Inbegriff hervorragender handwerklicher Qualität für Konditorei- und Bäckereierzeugnisse. Das Geschäft wird auch nicht aufgrund mangelnder Kundschaft geschlossen, sondern rein aus Altersgründen. Bäckermeister Konrad Lehmeier ist inzwischen 71 Jahre alt. Über 50 Jahre stand er in der Backstube. Zwar höre er nun mit einem weinenden Auge auf, „aber irgendwann muss auch Schluss sein“.

Backstube in Diepoltsdorf

Als er vor einem halben Jahrhundert seine Meisterprüfung ablegte, war der damals 22-Jährige der jüngste Bäckermeister Bayerns. Danach arbeitete er mit in der Backstube der elterlichen Bäckerei Lehmeier, die in Diepoltsdorf beheimatet war und über vier Generationen die Dorfbewohner im Oberland, aber auch die Lastwagenfahrer der nahen Steinbrüche mit Backwaren versorgte.

Vor 21 Jahren eröffnete er dann zusammen mit Ehefrau Anneliese das Café am Schnaittacher Marktplatz. Die gelernte Metzgereifachverkäuferin, die zunächst im elterlichen Betrieb in Hüttenbach arbeitete, absolvierte spät noch die Lehre zur Bäckerin. Das Geschäft am Marktplatz betrieb sie mit Herz und Leidenschaft. „Das Café war mein Leben“, sagt sie etwas wehmütig.

Den Bäckerladen in Diepoltsdorf, in den die Feinbäcker immer wieder investiert hatten, hat das Paar bereits vor fünf Jahren zugesperrt. Nur die Produktion erfolgte weiterhin in der Backstube in der Ortsmitte. Alte überlieferte Rezepte waren die Grundlage der Produkte, die Anneliese und Konrad Lehmeier jedoch noch selbst verfeinerten. „Jeder hat seine eigenen Torten gemacht“, berichtet Anneliese Lehmeier mit Stolz auf das Erreichte.

Seit die Schließung vor einigen Wochen bekannt geworden war, war das Café immer besonders gut gefüllt. Viele einheimische Stammgäste, aber auch Besucher aus der Umgebung kamen noch einmal auf einen Kaffee und ein Stück Torte vorbei.

Vor dem Café bildete sich am letzten Tag noch einmal eine lange Schlange. | Foto: Schuster2018/02/cafe-lehmeier-schlange.jpg

Darunter die Schwaiger Käthe und Klaus Erdelyi, die seit gut 20 Jahren immer wieder zu Gast waren. Durch Mundpropaganda hatten sie damals von den leckeren Torten und Kuchen in Schnaittach erfahren. „Das Auge isst ja auch mit und es gab immer wieder neue Kreationen der Torten“, sagt der Rentner, während Tochter Ingrid von der Apfelweintorte schwärmt. Zum Abschied brachte die Schwaiger Familie sogar Blumen für die Chefin mit.

Mindestens zwei Mal in der Woche traf man den Hedersdorfer Lorenz Heinlein beim „Lehmeier“. Er ist begeistert von den Salzstangen, aber auch die kleine Brotzeit zwischendurch gefiel ihm, denn so konnte man sich nicht nur zum Kaffeetrinken am Marktplatz treffen.

Im Sommer und bei schönem Wetter waren die wenigen Sitzmöglichkeiten vor dem Laden am Marktplatz meist schnell belegt. Da wurde beim Rentnertreff politisiert und diskutiert über Gott und die Welt, aber auch über Geschehnisse im Markt.

Ein Treffpunkt beim Einkaufen war das Café für Ingrid Stiegler. Die Osternoherin, die früher im Schnaittacher Krankenhaus arbeitete und deshalb viele Menschen aus dem Ort noch gut kennt, hat sich bei ihren Einkaufstagen in Schnaittach immer mit ihrem Mann hier getroffen. Eine letzte Marzipan-Nuss-Torte ließ sich die Rentnerin am Freitag schmecken.

Mit 89 Jahren ist Fritz Pils aus Lauf noch regelmäßig mit dem Fahrrad unterwegs. Meist dreimal Mal im Monat legte der Senior bei seinen Runden Zwischenstation am Marktplatz ein. „In das Schnaittacher Café bin ich gerne gegangen, weil neben der Qualität auch das Preis-Leistungsverhältnis noch stimmte“, sagt der ehemalige Schwimmlehrer.

Lange Tradition geht weiter

Ein Café am Marktplatz als Treffpunkt im Ort hat in Schnaittach bereits eine lange Tradition. Schon 1897 hatte Xaver Merthan die Kaffeehauskultur in die Marktgemeinde gebracht. Das Gebäude, in dem das Café Merthan untergebracht war, wurde aber 1994 abgerissen. Nun geht mit dem „Lehmeier“ zwar eine Ära zu Ende, aber dies ist noch lange nicht das Ende der Kaffeehäuser am Marktplatz. Ein neuer Pächter ist bereits gefunden. Andreas Vogel von der Badgaststätte ist passenderweise Konditormeister und will das Café fortführen. Die Wiedereröffnung nach dem Umbau ist in wenigen Wochen geplant.

N-Land Udo Schuster
Udo Schuster