Ehemaliger Landesbischof sprach übers Zusammenleben der Religionen

„Wenn wir nicht reden, bleibt nur der Hass“

Der ehemalige Landesbischof Dr. Johannes Friedrich sprach im Wichernhaus vor einem bunt gemischten Publikum über Wege, wie ein Zusammenleben zwischen Christen, Juden und Muslimen gelingen kann. Foto: Degenhardt2014/11/altdorfvortraglandesbischoffriedrich_1415111401.jpg

ALTDORF – „Können sie zusammenleben? – Juden, Christen und Muslime in Europa im Jahr 2014“, lautete der provokante Titel eines Vortrags des ehemaligen Landesbischofs Dr. Johannes Friedrich im Wichernhaus auf Einladung der Europa-Union Nürnberger Land. Der Geistliche sprach über die Rolle des Dialogs und darüber, wie wichtig es ist, die Unterschiede der Religionen zu benennen.

Die Feindschaft zwischen Israel und Palästina, das Wüten des IS im Irak und Syrien oder von Boko Haram in Nigeria, mit diesen aktuellen Beispielen begann Johannes Friedrich seinen knapp einstündigen Vortrag. „Die Zahl der Angriffe auf Synagogen und Moscheen in Deutschland hat in den letzten Monaten zugenommen“, zitierte der Geistliche eine Zeitungsschlagzeile.

Viele Zuhörer waren am Montagabend in den Wichernsaal gekommen. So viele, dass sich manch einer Sorgen um die Fluchtwege machte. Eine echte Bereicherung – besonders für die folgende Diskussion – waren die Mitglieder des Türkisch-Islamischen Kulturvereins.

Krieg ist allgegenwärtig

Friedrich ging zuerst auf das christlich-jüdische Verhältnis ein. Allein wegen der deutschen Vergangenheit sei das Interesse am Judentum groß, ein Austausch fand früher jedoch nicht statt. „Weil so viele von ihnen getötet wurden“, sagte Friedrich. Doch nun wächst die jüdische Gemeinde in Deutschland wieder. 1970 gehörten 260 Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Nürnberg an, jetzt seien es über 2000, erzählte der Geistliche. Friedrich lebte sechs Jahre lang in Jerusalem. Wir hier in Deutschland könnten die Israelis kaum verstehen, die immer mit Krieg rechnen müssten, sagte er.

„Die einzige Möglichkeit für uns ist der Dialog zwischen Christen und Juden mit dem Ziel, Vorurteile aufzuheben.“ Dialog war das Stichwort des Abends. Deshalb definierte der 66-Jährige den Begriff sehr genau. Dialog bedeute weder das Finden des kleinsten gemeinsamen Nenners, sodass am Ende ein Konsens steht, noch die Vermischung der
Religionen.

Stattdessen sei ein eigener Standpunkt Voraussetzung für einen konstruktiven Dialog. Um diesen Standpunkt zu beziehen, brauche es Religionsunterricht. Erst mit der entsprechenden religiösen Bildung könne man mit anderen Religionen ins Gespräch kommen. Man müsse die Unterschiede der Religionen benennen. Er zitierte den Besitzer der „Abrahamsherberge“ in Beit Jala: „Wenn wir nicht miteinander reden, bleibt nur der Hass. Wer lange miteinander redet, kann den anderen nicht mehr hassen.“

Anders als das Verhältnis zwischen Christen und Juden sei das zwischen Christen und Muslimen. Die Anzahl der Muslime ist in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen auf über vier Millionen. „Attentate werden bei uns häufig zu Unrecht mit dem Islam assoziiert“, sagte Friedrich. Und weiter: „Wir müssen besser über die Muslime Bescheid wissen. Wir sollen ihnen gute Nachbarn sein.“ Ein interreligiöser Dialog komme nur zustande, wenn Dinge klar ausgesprochen würden. „Religionsfreiheit heißt nicht, sich in Ruhe zu lassen.“

Friedrich sprach sich für den Neubau von Synagogen und Moscheen in Deutschland aus. Er ging noch weiter und forderte, mindestens eine islamische Fakultät zu errichten. Mit gut ausgebildeten Geistlichen könne der Dialog befördert werden. Mit den Worten „Es gibt keine Alternative zum Miteinander der Religionen“, schloss er seinen Vortrag ab.

Eine zu einfache Lösung

Im Anschluss folgte eine spannende Diskussion, die Dr. Gerhard Beuschel, Vorsitzender der Europa-Union und Organisator des Vortrags, eröffnete: „Es ist wichtig für uns, aufeinander zuzugehen.“ Ein Zuhörer wollte Friedrichs Meinung zum Thema Radikalisierung durch das Internet wissen. Die Leute, die sich dem IS anschließen, seien ungebildet, man müsse mehr für das Thema Bildung tun, erwiderte Friedrich und servierte dem Zuhörer damit eine zu einfache Lösung für ein recht komplexes Problem.

Ein anderer Zuhörer fragte, was man vor Ort tun könne, um den Dialog nach vorne zu bringen. Der Geistliche antwortete, man müsse an muslimischen Festen teilnehmen und umgekehrt, die Muslime an christlichen Festen, um die Traditionen kennenzulernen.

Daraufhin schaltete sich ein Mitglied des Türkisch-Islamischen Kulturvereins ein. Am Montag feierten Muslime das Aschura-Fest, die anwesenden Muslime hatten Aschura-Speisen mitgebracht. „Jeder muss den anderen in seinen Unterschieden akzeptieren“, sagte sie.

Eine andere Muslima brachte das aktuelle Geschehen auf den Punkt: „Wir sollten Terror von den verschiedenen Religionen unterscheiden. Man kann die ISIS genausowenig als Moslems bezeichnen wie Nazis als Christen. Terrorismus hat weder eine Rasse noch eine Religion.“ Die Organisatoren Europa-Union, das Evangelische Forum Nürnberger Land, die Katholische Kirche, der Türkisch-Islamische Kulturverein und insbesondere Johannes Friedrich haben es geschafft, den Dialog in Altdorf zu befeuern. Bleibt zu hoffen, dass dieser Abend Ausgangpunkt für ein noch engeres Zusammenleben von Christen und Muslimen in Altdorf und Umgebung ist.

N-Land Luisa Degenhardt
Luisa Degenhardt