Tabu-Thema Sucht im Alter

Wenn Senioren im Alkohol Trost suchen

Trostspender Alkohol: Das Feierabendbier aus dem Berufsleben wird für viele Menschen im Ruhestand zum Dauerbegleiter. Wo wird die Grenze zur Alkoholkrankheit überschritten? Informationen dazu bietet die Veranstaltung „Suchtmittelkonsum im Alter“ am 10. Oktober in Altdorf. Foto: Fotolia2017/10/Sucht-im-Alter.jpg
Raiba Fallback

ALTDORF – Müssen schon die Alarmglocken klingeln, wenn die Mutter ihren Schoppen Rotwein am Abend trinkt und sich das tägliche Glas zur Gewohnheit gemacht hat? Ist das ein Anzeichen von Alkoholabhängigkeit? Wann spricht man von einer Medikamentenabhängigkeit bei Senioren? Tabu-Themen, die bislang kaum öffentlich diskutiert wurden. Die Selbsthilfeorganisation Kiss im Nürnberger Land stellt sie in den Mittelpunkt einer Informationsveranstaltung am Dienstag, 10. Oktober, im Altdorfer Wichernhaus.
Der Übergang vom Berufsleben in den Ruhestand ist für die einen ein positiver und mit vielen neuen Freiheiten ausgestatteter Lebensabschnitt, für die anderen belastend und irritierend. „Menschen finden dann Trost im Alkohol oder greifen zu Medikamenten“, sagt die Sozialpädagogin Brigitte Bakalov von Kiss. Die Beraterin und ihre Kollegen beobachten, dass Senioren, die auch früher schon regelmäßig Alkohol getrunken haben, im Alter noch häufiger zum Glas greifen. Sie beobachten aber auch, dass Menschen ohne „Alkohol-Erfahrung“ auf einmal im Ruhestand beginnen, regelmäßig zu trinken. Bis ihre Umgebung merkt, dass es einfach zu viel wird und Angehörige professionelle Hilfe suchen.
„Nicht stigmatisieren“
Den Beratern geht es nicht um das tägliche Glas Wein, mit dem die allermeisten Menschen wohl problemlos umgehen können. „Wir wollen auf keinen Fall stigmatisieren“, stellt Ralf Frister von der Suchtberatungsstelle des Diakonischen Werks Altdorf-Hersbruck-Neumarkt fest. Gefährlich wird es für den Betroffenen ja erst dann, wenn aus dem Gläschen Wein, das man aus Genuss trinkt, ein Zwang wird, unbedingt trinken zu müssen. Dem stimmt die 52-jährige Michaela aus Fürth zu. Die Sprecherin der Angehörigen anonymer Alkoholiker in Mittelfranken hat über viele Jahre ihren alkoholkranken Mann begleitet, der nun seit fast zwei Jahrzehnten trocken ist. Ihre Schilderungen von Lügen, von haarsträubenden Ausreden, mitleidigen Blicken der Nachbarn und täglicher Suche nach neuen Alkoholverstecken lassen nur erahnen, wieviel Kraft Michaela brauchte, um bei ihrem Mann zu bleiben und ihn dabei zu unterstützen, vom Alkohol frei zu kommen.
Absprache mit Ärzten
„Im Alter“, da ist sich Michaela sicher, „wird alles noch schwieriger.“ Vor allem dann, wenn Menschen mit einer Abhängigkeit in ein Alten- und Pflegeheim kommen. Es gibt Pflegeeinrichtungen, in denen ein striktes Alkoholverbot herrscht, was auch mit der Verabreichung von Medikamenten zu tun hat. Alkohol und Arzneien vertragen sich einfach nicht miteinander. In anderen Pflegeinrichtungen ist Alkohol in Maßen durchaus erlaubt, das entscheiden die Betreiber in Absprache mit den Ärzten dann von Fall zu Fall. „Bei uns leben ja erwachsene Menschen“, betont Sabine Fürst, Leiterin des Rudolf-Scharrer-Heims im Mimberg. „Wenn jemand sein ganzes Leben lang täglich ein Bier getrunken hat, werden wir ihm das hier nicht verbieten.“ Es sei denn, medizinische Gründe sprechen für ein Verbot. Dann spricht man das mit den Ärzten ab.
Die Mitarbeiter mobiler Pflegedienste sollten bei ihren Haubesuchen unbedingt darauf achten, ob der betreute Senior oder die Seniorin regelmäßig Alkohol trinkt oder Schlaf-, Schmerz-, oder Beruhigungsmittel nimmt. „Das ist ganz wichtig“, sagt Brigitte Bakalov, „trotz der sicher hohen Arbeitsbelastung der Pflegekräfte.“

Beginn der ‚Veranstaltung „Suchtmittelkonsum im Alter“ im Wichernhaus in Altdorf, Silbergasse 2, ist am Dienstag, 10. Oktober, um 13 Uhr. Auf dem Programm stehen Fachvorträge und eine Podiumsdiskussion für Angehörige, Fachleute, Pflegekräfte und Interessierte. Dr. Alfred Schubert gibt einen Überblick über gängige Suchtmittel, deren Wirkung und den Moment der Abhängigkeit. Profofessor Joachim Körkel regt an zur Diskussion über Abstinenz und Zieloffenheit in der Suchtbehandlung. Monika Gerhardinger befasst sich mit dem Thema „Möglichkeiten und Grenzen der Einflussnahme (pflegender) Angehöriger“. Voranmeldungen für die Veranstaltung sind nicht nötig, der Besuch ist kostenlos.

N-Land Alex Blinten
Alex Blinten