Ehemalige Bote-Redaktionsleiter als Deveroux

Vom Chronisten zum Mörder

Deveroux alias Lorenz Märtl (links) und McDonald beratschlagen sich. | Foto: Felix Röser2018/07/Altdorf-Wallenstein-Reportage-Moerder-1.jpg
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Zwölf Mal erlebte Lorenz Märtl die Altdorfer Wallensteinfestspiele als Chronist. Im Ruhestand hat er nun die Seiten gewechselt – und ist zum Mörder geworden. Im Schiller-Stück spielt er die Rolle des Deveroux.

ALTDORF – Dass man mich weiter an den Wallensteinfestspielverein binden wollte, war mir spätestens bei der Jahresversammlung 2017 klar, als ich zum Ehren-Wallensteiner ernannte wurde. Ein Akt mit Hintergedanken: „Als Ehren-Wallensteiner wird dem Redakteur in Ruhe stets ein Platz bei den Gruppen des Wallenstein-Festspiels reserviert sein. Sollte der Ruhestand zu ruhig werden, so steht es dem Ehren-Wallensteiner jederzeit zu, die Perspektive zu wechseln und in Gewandung an den Festspielen teilzunehmen.“

Zu diesem Zeitpunkt habe ich das aber mehr als frommen Wunsch der Verantwortlichen abgetan. Ich in Gewandung am Festspiel teilnehmen? Nie und nimmer! Ich wollte endlich frei von jeglichem Termindruck meinen verdienten Ruhestand genießen und vor allem die Festspiele 2018 einmal ohne jegliche Verpflichtung erleben.

Wunschdenken! Der große Meister Michael Abendroth wollte exakt mich im erlauchten Kreis seiner Wallenstein-Mimen 2018 sehen. „Ist nur eine kleine Rolle, aber die passt genau für dich“, lockte er mich bei der Feier seines 70. Geburtstags. Meine zunächst ablehnende Haltung ignorierte er, die erbetene Bedenkzeit betrachtete er nur als Formsache. Er hatte Recht. Die journalistische Neugier siegte: einmal erleben wie es ist, wenn man als Wallensteiner richtig mit dabei ist. Am nächsten Tag startete meine Karriere als Schauspieler: Ich bin Deveroux, der zusammen mit MacDonald den Feldherrn Wallenstein meuchelt.

Eingefleischter Wallensteiner

Für eingefleischte Wallensteiner war von Anfang an klar, dass ich nicht nein sagen würde, eingedenk der Tatsache, dass alte Liebe nicht rostet und schon gar nicht die zwischen den Wallensteinfestspielen und mir. „Text lernen“, steht in dicken Buchstaben auf dem Rollenbuch, das ich wenig später in Händen halte.

Ich muss gestehen, dass ich anfangs beim Lernen ganz schön geschwitzt habe. Das mit dem Auswendiglernen einer Theaterrolle ist nämlich gar nicht so einfach. Es reicht ja nicht der eigene Text. Ich muss die ganzen Dialoge mit meinem Mord-Kumpan MacDonald und Anstifter Oberst Buttler kennen. Beim ersten Treffen im Sparkassensaal verstehen wir uns auf Anhieb. Der Nachmittag ist eine lockere Angelegenheit, einschließlich der Sprechprobe, denn Spicken im Rollenbuch ist noch erlaubt.

Eine Erkenntnis habe ich als Wallenstein-Ensemble-Mitglied sehr schnell gewonnen: Du musst flexibel sein, unendlich lange warten können und vor allem wahnsinnig viel Geduld haben. Zudem muss man gewappnet sein, dass jede Probe mit Michael Abendroth neue Überraschungen birgt. Unterschiede zwischen Profis und Laien gibt es für ihn nicht. „Alle, die mit mir arbeiten, müssen mich ertragen“, hat er einmal gesagt.

„Die Mörderles“

Wir haben es auch heuer getan, die meisten schon öfter, ich zum ersten Mal. Was am Ende zählt, ist das Ergebnis, der mitunter steinige Weg dahin ist schnell vergessen. Abendroth ist Perfektionist, der nicht aus seiner Haut kann. Ich habe es genau so empfunden wie Spielleiter Richard Winter es bei der Premierenfeier auf den Punkt brachte: „Er gibt das Beispiel für jedes Wort, jede Geste, jeden Schritt, immer und immer wieder versucht er uns begreiflich zu machen, was wir spielen und was es bedeutet und das in jeder Probe, von der ersten bis zur letzten Minute, sodass wir oft gar nicht mehr zu Wort kommen.“

Und es passierte nicht nur einmal, dass „die Mörderles“ – wie er uns liebevoll zu titulieren pflegte – den ganzen Abend nur wartend auf der Kiste dahin dösten und nicht zum Einsatz kamen. Na ja, zumindest bin ich auch an solchen Tagen nicht ganz umsonst nach Altdorf gefahren. Wenn schon schauspielerisch nichts gelaufen ist, so habe ich zumindest sportlich etwas getan.

Weil Wallenstein in diesen Wochen alles untergeordnet ist, klappt das mit meinen ausgedehnten Radtouren nicht so, wie ich mir das vorstelle. Also fahre ich wenigstens zu den Proben und meist auch zu den Vorstellungen mit dem Mountainbike. Mondschein-Radeln am alten Kanal mach Mitternacht ist ein ganz besonderes Erlebnis.

Mein Kostüm kommt aus der hintersten Ecke des Wallenstein-Fundus. Ausgebleichte lila Pluderhose und -jacke. Das Leinenhemd zu verdrecken, wie es der Herr Regisseur gerne hätte, habe ich bis jetzt Requisiteurin Ursula Popp zuliebe nicht übers Herz gebracht.

Meine abgelatschten alten Biker-Stiefel, befreit von den modernen Schnallen, passen dazu. Manchmal nervt mich der für meine Verhältnisse üppige Vollbart ganz gewaltig. Dann denke ich an die befreiende Rasur von Figaro Marc Fleischmann am letzten Festspielsonntag und die Welt sieht gleich wieder anders aus.

Goldenes Vlies und fürstliche Degen

Anfangs stolpere ich noch manchmal über Textstellen und muss mich erst daran gewöhnen, wie und wo ich stehen soll. Aber das gibt sich schnell. Selbst bei den alten Hasen läuft noch nicht alles rund und als Mörder – und wenn es auch nur im Theater ist – bin ich blutiger Laie. Schließlich will auch morden gelernt sein.

Mein Kompagnon Lothar Sack ist in der Rolle des MacDonald ein alter Fuchs. Gut, ihn an der Seite zu wissen. Er kennt den Platz, wo unsere Hellebarden stehen, wo sich Goldenes Vlies und des Fürsten Degen im Betsaal finden.

Die ersten Vorstellungen sind nach meinem Empfinden sehr gut gelaufen, seitens des Publikums gab es viel Beifall und Anerkennung, durch die Bank gute Kritiken. Das tut uns nach den vielen Mühen der Vorbereitung gut und das genießt man gerne im Kreis der Mitspieler.

Überhaupt ist die Truppe ein eingeschworener Haufen, in dem ich mich von der ersten Minute an gut aufgenommen und wohlgefühlt habe. Ich bin echt stolz, ein Teil davon zu sein. Und sollten die Wallensteiner mit mir zufrieden sein: Ich stehe auch 2021 bereit.

N-Land Lorenz Märtl
Lorenz Märtl