Nessi Tausendschön im Wichernhaus

Vertreibung aus dem Paradies

Nessi Tausenschön als Berliner Göre Gabi Pawelka. | Foto: Voss2018/11/Altdorf-Nessi.jpg

ALTDORF – „Es ist, wie es ist“, findet Kabarettistin Nessi Tausendschön, alias Annette Marx. Das klingt resigniert, tatsächlich aber ist das Programm „Knietief im Paradies“, das Tausendschön im Altdorfer Kulturkreis vorstellte, ein leidenschaftliches Plädoyer gegen Konsumwahn und Werteverlust. Schirmherrin Annemarie Eckstein begrüßte im ausverkauften Betsaal des Wichernhauses ein amüsiertes Publikum, das nicht mit Zwischenapplaus sparte.

Der kanadische Gitarrist William Mackenzie, der Tausendschön begleitet, „praktisch wie eine kleine Band“ (O-Ton Tausendschön), entpuppt sich als vielseitiger Percussionist, von dem man gerne mehr gesehen hätte. Tausendschön erobert die Bühne mit einem stimmlichen Gänsehautrepertoire, gekonnten schauspielerischen Einlagen und Wortakrobatik, die ihr viele Lacher bescheren.

Ein „dramaturgischer Superkniff“ sei, dass sie die Zugaben zu Beginn platziere und dabei schont sie das Publikum nicht. Am Anfang steht „eine Bestrafung durch Jazz“, gefolgt von Scatter Gesang und gepaart mit dem Ausruf „Seien Sie froh, dass ich keinen Ausdruckstanz mache.“ Auch wenn das sehr intensiv ist, lassen sich die Zuhörer darauf ein.

Es folgen ein Exkurs über „das Leben in postfaktischen Zeiten“, „pulverisierte Populistenhoden“, China „als neue Weltmacht“ und „Exzesse der Achtsamkeit“. Politik streift Tausendschön nur am Rande, die „sieben Blagen der Ursula von der Leyen“ überzeugen dabei nicht wirklich.

Liebe in Zeiten des Staus

Und dann schlüpft Tausendschön in die Rolle der Berliner Göre „Gabi Pawelka“ und brilliert. Sie ist laut, echt und hinter der Fassade intellektueller Ahnungslosigkeit besingt sie klug die Subtilität von Liebeserklärungen. Ob eine Beziehung stabil sei, könne man problemlos im Super-GAU aller Stress-Situationen, dem Stau, testen. Anhand der zu kategorisierenden „Zuckstärke“ des Beifahrers.

Eine „Ulk-Kurtisane“ sei sie, verkündet Tausendschön, eine „Joke-Bitch“ oder – auf „Neusprech“ – gar eine „Joke Account Facility Managerin“. Sei‘s drum, die nachfolgenden Gedanken zu Latte-Macchiato-Müttern, die um ihre Kinder herum „helicoptern“, machen Spaß, wenn Mama Klein-Geneviève als beste Wipperin der Welt in die Annalen eingehen lassen möchte. Als Diseuse an skurril anmutenden Instrumenten wie der „singenden Säge“ ist die Kabarettistin stark und nimmt das Publikum mit.

Über die Kongruenz der Merkelschen Raute findet Tausendschön dann zur essenziellen Frage: „Bin ich wirklich glücklich?“, nicht ohne die Antwort gleich mitzuliefern: „If you can‘t have the one you love, love the one you‘re with.“ Der Schlüssel zum Glück liege in der Zufriedenheit mit dem, was man habe. Eine nur vermeintlich simple Idee, die am Ende des Kabarett-Abends steht, der dann doch mit viel beklatschten Zugaben seinen Abschluss findet.

N-Land Susanne Voss
Susanne Voss