Glyphosat

Tierarten sterben aus

Unkrautvernichter-Einsatz auf dem Feld: Die Europäische Chemikalienagentur kam zu dem Schluss, dass Glyphosat nicht krebserregend ist. Die Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation dagegen ist anders. Die EU Gremien müssen demnächst über eine Verlängerung der Zulassung von Glyphosat entscheiden. Foto: Fotolia2017/09/Glyphosat.jpg

ALTDORF – Glyphosat ist das meistverkaufte und gleichzeitig umstrittenste Unkrautvernichtungsmittel auf der Welt. Es tötet jede Pflanze, die gentechnisch nicht so verändert wurde, dass sie den Einsatz des Herbizids überlebt. Fachleute sehen einen direkten Zusammenhang zwischen seinem Einsatz und dem Artensterben in der Landschaft. Außerdem steht das Mittel im Verdacht, krebserregend zu sein. Ein Interview mit Marion Ruppaner, der Agrarreferentin des Bundes Naturschutz, die heute um 20 Uhr auf Einladung des Altdorfer Imkervereins in der Gaststätte Zur Barthschmiede in Altdorf über das Thema spricht.

Wie macht sich der Einsatz von Glyphosat für die Imker bemerkbar?

Marion Ruppaner: Glyphosat ist ein Unkrautvernichtungsmittel, das auf ca. 40 Prozent der Ackerflächen in Deutschland zum Einsatz kommt. Gemeinsam mit anderen Herbiziden hat es zum Verschwinden nicht nur des von Landwirten unerwünschten Aufwuchses, sondern auch vieler Wildkräuter in der Agrarlandschaft geführt. Glyphosat steht für die Intensivierung der Landschaft, die wegen des Kostendrucks zu den billigsten Maßnahmen greift, und da ist Spritzen vordergründig billiger als der Einsatz von Grubber, Schälpflug oder Stoppelhobel. Doch die Kehrseite ist ein mangelndes Nahrungsangebot in der Feldflur, nicht nur für Bienen sondern auch z.B. für Schmetterlinge, Feldlerche oder Rebhuhn.

Das Mittel trägt zum Artensterben in der Landschaft bei. Welche Arten sind denn durch seinen Einsatz akut bedroht oder schon vernichtet?

Marion Ruppaner: Von den über 550 in Deutschland beheimateten Wildbienenarten, dazu gehören auch unsere für die Bestäubung so wichtigen Hummeln, sind laut „Roter Liste“ mittlerweile 197 Arten gefährdet, 31 vom Aussterben bedroht und 42 Arten stehen auf der Vorwarnliste. Auch andere Insektenarten gehen in Anzahl und Masse teilweise dramatisch zurück. Die Bestände des Rebhuhns sind seit den 1980 Jahren nach europäischen Erhebungen um erschreckende 95 Prozent zurückgegangen. Ursache ist neben dem Verlust von Brutplätzen auch der Insektenmangel in der Feldflur.

Wie beurteilen Sie die Einschätzung der Europäischen Chemikalienagentur, Glyphosat sei nicht krebserregend?

Marion Ruppaner: Die ECHA, die europäische Chemikalienagentur hat die Gefahr von Augenschäden und die Giftigkeit für Wasserorganismen herausgestellt, kam jedoch zu dem Schluss, dass bisherige Studien nicht ausreichen, um Glyphosat als krebserregend für den Menschen einzustufen. Ein sofortiges Verbot in der EU wäre die Konsequenz einer solchen Einstufung gewesen. Demgegenüber kam die International Agency for Research on Cancer der Weltgesundheitsorganisation zu der Schlussfolgerung, dass es „ausreichende Beweise“ gibt, dass Glyphosat in Tierversuchen Krebs verursacht, und von „begrenzten Beweisen“ für eine krebserzeugende Wirkung beim Menschen. Der in der Medienlandschaft vor kurzem publizierte angebliche Widerruf der WHO war eine Ente, denn er stammte von einem anderen WHO Institut, das wiederum andere Daten untersucht hat. Dieses Pestizid Fachgremium beruft sich dabei auf bisher unter Verschluss gehaltene Studien der Pestizidhersteller. Da sich das IARC auf veröffentlichte und frei zugängliche Studien bezieht, ist deren Einschätzung wohl die mit Abstand von den Pestizidherstellern unabhängigste Einschätzung.

Welche alternativen Mittel gibt es? Muss der Landwirt wieder zur Hacke greifen und Wildkräuter von Hand aus dem Acker holen, wenn er nicht mehr spritzen darf?

Marion Ruppaner: Da zitiere ich gerne aus dem Leserbrief eines Landwirts an das landwirtschaftliche Wochenblatt vom Herbst letzten Jahres, der seit zehn Jahren ohne einen einzigen Liter Glyphosat auskommt, und sagt: „Keine Quecken, keine Problemunkräuter. Wir ackern jedes Jahr mit Vorschäler und ersticken Quecken und Kraut“. Es gibt immer mehr Landwirte, die mit Fruchtfolge- und Bodenbearbeitungsmaßnahmen ohne Herbizideinsatz zurechtkommen.

Interview: Alex Blinten

 

N-Land Alex Blinten
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