Brillante Gegenwartsanalyse von Karl-Hans Graf

Sinnsuche des postmodernen Subjekts

Mit seiner neuen Arbeit „Innenraumechos“ empfiehlt sich Karl-Hans Graf einmal mehr als brillanter Autor unkonventioneller Texte. | Foto: Susanne Voss2017/05/jonny-graf.jpg

ALTDORF – Er war und ist bekennender Nonkonformist. Und darum ist sein Blick auf den sozialen Wandel so geschärft wie gänzlich unverstellt: Der Burgthanner Autor Karl-Hans Graf, der auf Einladung der VHS Schwarzachtal in Kooperation mit der Buchhandlung Lilliput seine aktuelle Textsammlung „Innenraumechos“ vorstellte.

Zu erleben war ein viel beachteter literarischer Abend, der getragen wurde von der Pointiertheit und Substanz seiner Prosaminiaturen, die mit logischen Brüchen spielen und von mitreißender sprachlicher Brillanz sind.

„Innenraumechos“ nenne er seine Texte deshalb, verrät Graf, weil gesellschaftliche Zwänge, die daraus folgenden Verhaltensweisen und Einstellungen sowie Befindlichkeiten des postmodernen Subjekts verzerrt als Echo aus seinem „Innenraum“ zurückkommen. Die Form der „Innenraumechos“ sei beeinflusst von John Cage, dem Erfinder des präparierten Klaviers, der „rhythmische Zusammenhänge durchbrochen“ und damit eine „Spannung zwischen Zusammenhängendem und Unzusammenhängendem“ erzeugt habe. Graf spielt genussvoll mit dem Bruch der Stringenz. Fantasie, Ironie und fast überraschend leichtfüßiger Sarkasmus fügen sich in den Prosaminiaturen zu einem tiefgreifenden Gesamtkontext zusammen, dessen logische Brüche ganz bewusst zur Reflexion des Gehörten einladen. „Es war, als“ – so beginnt jeder einzelne von Grafs Texten und die Vielfalt dessen, was er da betrachtet, nimmt den Leser mit in die omnipräsente „Schöne neue Welt“.

Ausgetrockneter Analysehimmel

Beim Online-Dating katapultieren sich „einsame Herzen per Mausklick in den siebten formal ausgetrockneten Analysehimmel“. Happy End exklusive. Was bleibt, ist das „kostspielige Urschrei-Wochenende“, mit dem das Dating-Burn-out aufgearbeitet wird. Natürlich sind es auch die Auswüchse der Leistungsgesellschaft, die Graf beschäftigen: „Es war, als die Arbeit als Spiel so organisiert war, dass sie bei vielen Flow-Zustände erzeugte. Auf Galeerenbänken sonnte sich im Selbstwertgefühl die neue Freiheit.“ Brüche sind nicht nur hör-, sondern in „Innenraumechos“ auch lesbar; Reflexionen werden ganz bewusst durch Absätze zerrissen und Sätze suchen sich ihr Ende, wenn buchstäblich atemberaubende Gedanken zum Luftholen nötigen.

Grafs kritische Analyse gesellschaftlicher Um- und Missstände, mit der er in „Innenraumechos“ „seinen Stand in dieser Welt“ formulieren will, hat vor allen Dingen auch eines: eine ganz und gar gesunde Portion Humor: Als sich die „Überwachung als notwendiges Übel zur Verteidigung von Marktwirtschaft und Demokratie“ in Szene gesetzt habe, wurde, zwecks der internationalen Anschlussfähigkeit, ein „Gruppensex-Ranking in der jeweils übergeordneten Geschäftsstelle eingerichtet.“ „Bewertungsgrundlagen waren vor allem Impact und Reputation.“ Behaupte da noch jemand, Aldous Huxley sei ein wüster Visionär gewesen.

Bewusst schwierige Texte

Am Ende seiner Lesung erzählt Graf, dass er mit „Innenraumechos“ ganz bewusst schwierige Texte verfasst habe. „Ich hoffe auf einen Leser, der entsprechend den Text reflektiert“, fügt er hinzu. Die anschließende Diskussion mit dem Publikum gibt Aufschlüsse darüber, wie genau der Autor den Nerv seiner Leserschaft getroffen hat. Eine Dame erzählt, dass sie derzeit ein Buch für Manager lese, das mit Fußnoten versehen sei. Und über den Hinweis „Goethe, Johann Wolfgang von, deutscher Dichter“ sei sie sprachlos gestolpert. Gar nicht abwegig ist es, dass Google, „der neue Weltgeist“, einen nicht unerheblichen Anteil an der schleichenden Verflachung der Bildung hat.

„Innenraumechos“ verlangt einen „intensiven Leser“, sagt Karl-Hans Graf. Danke für diese Einladung, sich abseits des Mainstreams Raum für eigene Gedanken zu erobern.

N-Land Susanne Voss
Susanne Voss