Satire im Wallenstein-Programm

Schonungslos und messerscharf: Kabarett mit Max Uthoff

Max Uthoffs Rundumschlag nimmt keinen aus und trifft immer ins Schwarze. | Foto: Spandler2018/07/Altdorf-Uthoff-1.jpg

ALTDORF – Manche sagen, er sei aktuell der beste politische Kabarettist Deutschlands, und wahrscheinlich haben sie recht. Max Uthoff kam auf Einladung von Peter Phenn im Wallenstein-Rahmenprogramm nach Altdorf und präsentierte zum letzten Mal sein Programm „Gegendarstellung“ vor komplett ausverkaufter Tribüne. Das Publikum war von der Vorstellung des brillanten Denkers und Unterhalters, der die Pointen schneller raushaut, als sie Chronisten in Echtzeit notieren können, begeistert.

Er verfügt über alle Register des Genres, nur nicht über das der Flachwitze, lieber begibt er sich mal in die Niederungen der politischen Unkorrektheiten. Doch seine eigentliche Stärke ist das schonungslose politische Kabarett, in dem alle ihr Fett abkriegen, nachdem er unangenehme Wahrheiten und Zusammenhänge präzise dargestellt hat und damit oft auch dem informierten Publikum noch den ein oder anderen Aha-Effekt vermittelt.

Obwohl sein Programm schon seit 2015 steht, lässt es nichts an Aktualität vermissen. Es steht unter dem Motto „Wer immer wieder dasselbe sagt, hat recht“, wie er es zu Beginn per Megaphon verkündet, bevor er fragwürdige Statements in die Menge posaunt. Doch dann nimmt er Fahrt auf. Für die Perversitäten des Steuersystems – eines seiner Lieblingsthemen – nimmt er sich viel Zeit. Die damit verbundenen Lügen, etwa dass der Wohlstand in dem Maß wächst, wie der Spitzensteuersatz für die Reichen sinkt, deckt er anhand zahlreicher historischer Beispiele auf. Wirtschaftsthemen, insbesondere fundierte Kapitalismuskritik, sind ohnehin sein Steckenpferd.

So wie er Manipulation, Korruption, Filz und die Verbreitung von Fake News in Politik und Industrie und die Aktivitäten der wohlbekannten Protagonisten der Szene aufdröselt, haben die Zuhörer tatsächlich manchmal Probleme, alle seine Spitzen mitzubekommen, schließlich redet der Mann wie ein Wasserfall. Eingeleitet werden seine Punktlandungen gern mit dem Statement: „Soweit die Theorie, sie hat nur einen ganz, ganz, ganz kleinen Fehler: Sie stimmt nicht.“ Und dann hagelt es satirische und bitterböse Analysen und Folgerungen.

Haarsträubende Erkenntnisse

Wenn die Themen zu tiefschürfend und komplex werden, dann führt er aber auch gern mal öffentliches Verhalten ad absurdum und erntet Lacher, immer wieder, trotz seiner haarsträubenden Erkenntnisse. Das können kurzfristige Aufreger sein, wie die Tatsache, dass sich Hunderttausende in den neuen Medien gegen die Tötung des Hundes Chico aussprechen, der seine beiden Herrchen totgebissen hat.

Andere Themen, wie die Flüchtlingsproblematik packt er dagegen von einer ganz anderen, ungewohnten Seite: In Italien gibt es ein Hotel, das einen Dogs’ Pool vorhält, einen Swimmingpool nur für Hunde. Und das nur wenige Kilometer vom Mittelmeer, in dem unzählige Flüchtlinge ertrunken sind. „Vielleicht hätten die mehr Chancen auf Rettung gehabt, wenn sie sich auf der Flucht einen kleinen Pudel unter den Arm geklemmt hätten“, gibt Uthoff zu denken. Das sind die Momente, in denen dem Publikum das Lachen im Hals stecken bleibt.

Natürlich ist die Parteienlandschaft in der Bundesrepublik nach der letzten Wahl eine Zielscheibe par excellence für den Kabarettisten. Wobei es wohl eine besondere Fügung ist, dass er am Tag der Wahl seinen 50. Geburtstag feierte, was er ebenso am Rande bemerkt, wie die Tatsache, dass er am 11. September Hochzeitstag hat („Immer wenn auf dem Bildschirm ein Flieger in ein Hochhaus kracht, weiß ich, ich muss heute noch Blumen kaufen gehen.“).

Merkels Aussitze-Strategie wird wieder aufgewärmt nach dem Motto: „Wenn ich die Vergangenheit so lange anhalte, bis die Gegenwart vorbei ist, kann ich mir die Gedanken über die Zukunft sparen.“ Die Kanzlerin kommt bei Uthoff aber relativ glimpflich davon.

Mit größerem Vergnügen arbeitet er sich an Horst Seehofer und Markus Söder ab: In jedem anderen Bundesland würde sich ein Silberrücken, der von einem jüngeren verdrängt wurde, zurückziehen, um im Dickicht zu sterben. Nicht so Horst Seehofer mit seinem für ihn typischen Ideen-Tourette, befindet der gebürtige Münchner Uthoff, der auch mal einen kurzen Abstecher in die Nachbar-Republik macht, wenn er gewagt feststellt, das Verhältnis Söder zu Strauß entspreche dem von Sebastian Kurz zu Adolf Hitler. Doch dann konzentriert er sich schnell wieder auf den neuen bayerischen Ministerpräsidenten und sein Idol Franz-Josef Strauß.

„Niedertracht aus jeder Pore“

Das Bild des legendären Ministerpräsidenten, das in Söders Jugendzimmer hing, spielt eine Rolle und so äußert Uthoff den Verdacht, dass der sein Vorbild noch übertreffen wolle und eines Tages die Kanzlerschaft anstrebe. Heftig und persönlich wird er, wenn er eigene Erfahrungen mit dem Nürnberger schildert.

Als Kellner habe er den in einem Münchner Lokal zweimal bedient und feststellen müssen: „Der toppt alle, was Herablassung, Kälte und Arroganz angeht, sobald keine Kamera auf ihn gerichtet ist.“ Da sei die „Niedertracht aus jeder Pore“ getropft, erinnert sich der 50-Jährige und empört sich ganz ohne Ironie darüber, dass so einer nun den gütigen Landesvater gibt. Und nochmal zurück zu Seehofer, denn es ist längst noch nicht alles gesagt.

Seine Bemerkung über die 69 Asylbewerber, die an seinem 69. Geburtstag abgeschoben wurden, ist ein gefundenes Fressen für den Satiriker. Er treibt die geschmacklose Aussage weiter auf die Spitze in Seehofer-Miene und -Habitus: „Wenn sich dann einer am nächsten Tag umbringt, bin ich dann wieder 68?“ Um dem Zynismus-Vorwurf zuvorzukommen, sagt Uthoff einen Satz, den das Publikum, in dem sich auch CSU-Mitglieder befinden, mit heftigem Applaus quittiert: „Nichts, was ich heute Abend sage, kann zynischer sein als das, was Seehofer und Söder in den letzten Wochen von sich gegeben haben.“

Aber auch die anderen Parteien bleiben nicht ungeschoren. Die paralysierte SPD mit ihrem hölzeren Olaf Scholz und der Andrea Nahles, der er nicht im geringsten einen Erneuerung der Partei zutraut, werden nicht geschont. Auch die ständig wiederholte Behauptung, der Koalitionsvertrag trage die linke Handschrift der SPD, bestreitet er energisch: „Wieviel Stechapfeltee musst du zum Frühstück getrunken haben, um die SPD auch nur ansatzweise noch mit links in Verbindung zu bringen?“

Auf die Linken drischt er vergleichsweise harmlos ein und den Grünen wirft er vor, mit Özdemir, Kretschmann und Co. eine Partei zu sein, die so schwarz ist, dass sie im Kohlenkeller Schatten wirft. Feindbild bei der FDP ist Christian Lindner, und die AfD amüsiert ihn beinahe mit dem viel zitierten Satz: „Es sind doch nicht alles Nazis in der Partei.“ Hier schwenkt er kurz aus zum Thema Ehe für alle und bekennt, er hätte sich gefreut, wenn Hubertus Heil und Alexander Gauland geheiratet hätten, „wegen des zu erwartenden Doppelnamens“.

Kein Manuskript

Das Programm, das er über zwei Stunden ohne jegliches Manuskript oder anderweitiges Hilfsmittel absolviert, ist klug zusammengestellt. Nach der Abhandlung der schweren Themen sorgt er für Leichtes, Unterhaltsameres, scheinbar Unpolitisches. Gelegentlich lässt er auch in Gestik und Mimik seine komödiantische Begabung durchblitzen, etwa wenn er über die seiner Meinung nach unsinnige Erfindung des Drehzahlmessers auf bayrisch schwadroniert oder warnt: „Unterschätzen Sie ein Geschlecht nicht, das auf eine aufgemalte Fliege im Urinal zielt“.

Im zweiten Teil des Programms wird es vorübergehend heiter, wenn er allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen an den Pranger stellt: „Keiner geht mehr raus, alle sitzen nur noch vor dem Computer und bestellen im Internet ihre neuen Outdoor-Jacken.“ Oder: „Ich kann die Sehnsucht nach einer heilen Welt nachvollziehen, aber wie heil kann eine Welt sein, in der Hansi Hinterseer singen darf?“ Oder „Die Evolution hat ja auch keinen so guten Job gemacht, sonst könnten wir uns im Stehen die Schnürsenkel binden.“

Religionen im Fokus

Dann wird der Ton aber wieder schärfer und die Religion, nicht nur die christliche, steht im Fokus. Islamisten, Buddhisten und den sinnenabgewandten Protestantismus hat er auf dem Zettel und nicht zuletzt die Katholiken: „Wenn die katholische Kirche vor fake news warnt, dann stößt Satire an ihre Grenzen.“ Sehr ernst wird es dagegen noch einmal kurz vor Ende, als er den Deutschen vorwirft, Griechenland im Namen der EU kaputt gemacht zu haben. Mit dem Versuch, einen Verhungernden mit Nahrungsentzug zu heilen, vergleicht er das.

Und erwähnt am Schluss, bar jeder ironischer oder satirischer Verbrämung, eine Griechin, die durch die Sparmaßnahmen finanziell nicht mehr in der Lage ist, ihren Brusttumor behandeln zu lassen. Hier gibt es natürlich keine Schenkelklopfer, aber in der vehement geforderten Zugabe heitert Uthoff sein Publikum mit einigen humorvollen Hinweisen wieder auf: Alles eine Frage der Begrifflichkeit, alles eine Frage der Perspektive. Resümee: Nicht über den Klimawandel jammern, sondern sich auf finnische Spitzenrotweine freuen.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler