Altdorfer Bernd Mittenzwei stellt neue Novelle vor

Plötzlich wieder Luft

Sehr kurze Abschnitte aus den Biografien dreier vollkommen unterschiedlicher Personen im Ausnahmezustand führt Bernd Mittenzwei in seiner Novelle „Die zweite Luft“ zusammen und verbindet sie in einem hoffnungsvollen Schluss. | Foto: Gisa Spandler2017/10/altdorf-die-zweite-luft.jpg
Raiba Fallback

ALTDORF – Als wollte er zeigen, dass er nicht nur Romane in „einfacher Sprache“ für gewissen Leserschichten schreiben kann, wie er das im vergangenen Jahr mit „Zwischenreise“ eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat, veröffentlichte Bernd Mittenzwei nun die anspruchsvolle Novelle „Die zweite Luft“. Ein ganz anderes Genre natürlich, aber dennoch gibt es Parallelen zum Erstlingswerk: Menschen in Extremsituationen meistern letztendlich große Herausforderungen – so könnte man den kleinsten gemeinsamen Nenner beschreiben.

Im aktuellen Werk allerdings bedient sich der Autor Mittenzwei, Studiendirektor am Altdorfer Leibniz-Gymnasium, einer wesentlich subtileren Sprache, und auch der Aufbau der Erzählung mit verschiedenen Zeitebenen und zahlreichen Rückblenden sowie komplizierten gedanklichen Exkursionen in langen inneren Monologen der drei Protagonisten bleibt zwar nachvollziehbar, fordert aber ein gewisses Maß an Konzentration beim Leser.

Denn die zunächst parallel verlaufenden drei Handlungsstränge, die abwechselnd in den Mittelpunkt der Geschichte rücken, lassen zunächst viele Fragezeichen entstehen, die im Laufe der 181 Seiten Schritt für Schritt beantwortet werden. Erst auf den letzten Seiten schließlich werden die drei Biografien zusammengeführt und auch die entscheidenden offenen Fragestellungen werden aufgelöst.

Differenzierter Eindruck

Der Eindruck, dass es sich bei den drei Hauptcharakteren offensichtlich um Verlierer handelt, wird im Laufe der Lektüre immer weiter differenziert. So richtig unsympathisch ist eigentlich keine der handelnden Personen, denn nachdem die Leser in den ersten Kapiteln ohne große Erklärungen in eine Ausgangssituation hineingeworfen werden, werden die Hintergründe von Kapitel zu Kapitel weiter eingekreist und konkretisiert, Motive und Beweggründe werden – in erster Linie durch umfangreiche Psychogramme der drei Betroffenen – immer nachvollziehbarer, bruchstückhafte Informationen ergänzen die Sachlage, bis sich ganz am Ende – nach einer klassischen Klimax – ein rundes Bild ergibt. Einher mit den komplizierten Sachverhalten gehen auch nicht immer ganz einfache Formulierungen, wenn Stimmungen oder Naturbeschreibungen, Gedankenspiele oder Erinnerungen geschildert werden. Eine nahezu poetische Bildsprache besticht bei den Beobachtungen („…die menschenleere Weite des Oberpfälzer Jura, über dem sich gerade das schwere Augenlid des Nachthimmels einen Spalt breit öffnete…“), und die späten 80er Jahre, die den Zeitrahmen der Handlung darstellen, werden durch unterschiedliche Bezüge und Zitate (Atomwaffenprotestbewegung: „Petting statt Pershing“) ins Bewusstsein gerückt.

Brüche in den Biografien

Der Plot besteht aus einem kurzen Abschnitt im Leben der vierzigjährigen Lydia, die den Bruch in ihrem Leben – Kündigung ihrer Arbeitsstelle, um ihr Gesicht zu wahren, nach etlichen anderen perönlichen Rückschlägen – durch eine Marathonwanderung zu bewältigen versucht. Gleichzeitig flieht der introvertierte junge Zivildienstleistende Stefan aus dem Pflegeheim, weil er glaubt, dass er einen der Bewohner, einen Alt-Nazi, im Zorn umgebracht habe, und Stenger, ein Endfünfziger, der nach dem von ihm verschuldeten Unfalltod seines kleinen Sohns zum Alkoholiker wurde, lässt besoffen eine Einladung bei Nachbarn eskalieren und flieht ebenfalls, ohne zu wissen, wohin. Interessantes Detail am Rande: Altdorf mit Umgebung stellt den Ort des Geschehens dar und verleiht dem Ganzen Lokalkolorit und Authentizität.

Während zunächst die Handlungsstränge vollkommen unabhängig voneinander entwickelt werden, führt sie der Autor geschickt gegen Ende zusammen, als der angetrunkene Stenger den auf dem Rad flüchtenden Stefan anfährt und Lydia auf ihrem Befreiungsmarsch die beiden desolaten Figuren entdeckt und schließlich mit zu sich nach Hause nimmt. Sie ist eindeutig die Stärkste und schafft es trotz eigener Probleme, die beiden Männer zurück in die Spur zu bringen, zumindest bewegt sie sie zu den ersten Schritten.

Der letztendlich stimmige und hoffnungsfrohe Schluss, der dem durchwegs pessimistischen Grundton im sonstigen Handlungsverlauf eine versöhnliche Note verpasst, ist glaubwürdig, wenn auch etwas schnell vollzogen, der Titel allerdings ein wenig verwirrend. „Die zweite Luft“ bezieht sich auf Situationen, in denen – sowohl im konkreten als auch im übertragenen Sinn – Menschen vor Erschöpfung keinen Atem und keine Kraft mehr haben und plötzlich das Phänomen der „zweiten Luft“ erleben und noch einmal zu Kräften kommen. Dies passiert hier allen Dreien, doch der Bezug hätte im Text etwas klarer herausgearbeitet werden können.

Lesung am 18. Oktober

Der Autor stellt sein neues Werk vor am Mittwoch, 18. Oktober, um 19.30 Uhr im Raiffeisensaal, Altdorf, Unterer Markt 10 (Seiteneingang) auf Einladung der VHS Schwarzachtal. Karten gibt es im Vorverkauf über die Buchhandlung Lilliput, Obere Wehd 7, Altdorf.

 

Bernd Mittenzwei, Die zweite Luft, A. Fritz Verlag, 2017.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler