Rückblick zum Zehnjährigen der Altdorfer Band

Neopopulares aus der Dillberg-Maschine

Die Erfinder der Neopopularmusik: Dillberg alias Dominik Hinney, Oliver Spieß, Rolf Scharrer und Johannes Voltz (von links). | Foto: privat2018/03/Altdorf-Dillberg-Portraets.jpg

ALTDORF – „Wir haben alle den gleichen schrägen Humor“, fasst Oliver Spieß zusammen, der Gitarrist der Band Dillberg. Das allein kann aber nicht der Grund für die nun immerhin zehnjährige Erfolgsgeschichte der Formation sein, die sich immer weiterentwickelt hat und auch große Konsistenz in der Besetzung aufweist. Musikalischer Sachverstand, Gespür für Themen und Melodien, eine gewisse Ausdauer – dies ist der Qualitäten-Mix, der der Karriere der Formation zu Grunde liegt. Und natürlich der Einsatz der Dillberg-Maschine, doch dazu später.

Der Einstieg ins gemeinsame Musikschaffen der Vier liegt eigentlich schon über zehn Jahre zurück, doch um das exakt Zehnjährige im vergangenen Jahr gebührend zu feiern, bot sich einfach keine Gelegenheit. Nun wird das nachgeholt. Und wie es sich für eine Jubelfeier gehört, werden dabei auch Freunde und Weggefährten mit auf der Bühne stehen, wenn das Quartett am Samstag, 17. März, ab 19.30 Uhr zum Geburtstagskonzert im Betsaal des Wichernhauses antritt.

Die musikalischen Stationen im Leben der Vier hören sich an wie bei vielen Musikbesessenen der gleichen Altersklasse: musikalisches Elternhaus, früher Unterricht, erste Schulband, wechselnde Combos, Stile, Instrumente… Sie unterscheiden sich da nicht wesentlich von anderen, die von der großen Musikerlaufbahn träumten.

Aber dennoch hat sich mit Dillberg einfach ein Projekt herauskristallisiert, das maßgeschneidert für die vier Altdorfer erscheint, die übrigens alle – in verschiedenen Jahrgängen – das Abitur am Leibniz-Gymnasium absolvierten und irgendwie, mit viel Glück, zueinanderfanden: „Da war einfach immer der richtige Mann am richtigen Ort.“ Aus dieser Sicherheit, das Passende für sich gefunden zu haben, erklärt sich auch, dass die Musiker nicht viel herumexperimentieren, mal dies mal das versuchen oder sich auf sämtlichen Instrumenten ausprobieren. Was natürlich nicht heißt, dass sie der Vielfalt abgeneigt oder nicht offen für neue Formate wären.

Doch mit Dominik Hinney (Klavier, Gesang), Rolf Scharrer (Bass, Gesang), Johannes Voltz (Schlagzeug) und Oliver Spieß (Gitarre, Gesang), dem einzigen Profi-Musiker in der Runde, existiert ein Ensemble der Konsistenz, ohne wirklichen Chef, aber mit klar verteilten Rollen (Spieß: „Wir ergänzen uns“), das ganz einfach funktioniert in ihrem Genre.

Populär im besten Sinn

Über genau dieses Genre, für das sie den Begriff „Neopopulamusik“ erfunden haben, haben sie sich viele Gedanken gemacht. Populär im besten Sinn sollte die Musik sein, die sie machen wollten, verständlich, also deutsch, nicht zu flach, aber bodenständig.

Etwas Neues stellten sie sich vor, das so weit wie möglich publikumskompatibel ist, ohne dass auf intelligente Texte verzichtet wird und auch nicht auf Musik, die raffiniert ist und manchmal ordentlich dröhnt. Nicht wenig, was sich die Vier da vornahmen, als Dillberg – der Name kommt vom Proberaum am Fuße des Dillbergs – noch in den Kinderschuhen steckte.

Damals saß noch Jörg Szameitat am Schlagzeug, bevor vor sechs Jahren Johannes Voltz die Sticks übernahm. An diesem Anspruch haben sie seit ihrer Gründung ausdauernd gearbeitet.

Herausgekommen sind Titel, die sich hören lassen können, die bisher auf einer DVD und fünf CDs veröffentlicht wurden, an der sechsten wird gerade gearbeitet. Und den Spagat zwischen gefällig-eingängig und anspruchsvoll-kompliziert schaffen sie bei jedem einzelnen Song.

Entgegen kam ihnen schon vor Jahren die Welle der Deutschrocks, der so langsam in Fahrt kam, andererseits aber auch die Wurzeln deutscher Rockmusik in den Sechzigern, als es noch kaum jemand wagte, wieder deutsch zu singen und die bei „Ihre Kinder“ liegen, jener legendären Nürnberger Band, für die besonders Rolf Scharrer so schwärmt.

Dass sich mit dem „Kinder“-Dinosaurier Ernst Schultz vor Jahren eine musikalische Zusammenarbeit anbahnte, war für das Quartett natürlich ein ganz besonderer Glücksfall. Aber die Dillberger schrecken auch vor anderen Grenzwanderungen Richtung Folk, Hardrock oder Funk nicht zurück, bleiben aber immer ihrem Prinzip treu, hörbare, konsumierbare Musik mit Anspruch zu machen.

Alleinstellungsmerkmal

Ein wesentlicher Teil dieses Anspruchs hat mit den Texten zu tun, die zweifellos ein Alleinstellungsmerkmal für Dillberg sind. Hohes Lob haben die Musiker hier für ihren Keyboarder übrig: „Es ist klasse, dass der Dominik keine einfachen Plattentexte schreibt, sondern so interessant und charmant formuliert“, sagt der Band-Kollege über den Chef-Texter.

Seine Lieder schreibe das Leben, so platt wie das auch klingen mag. Dennoch: „Ich bin mir für nichts zu schade“, stellt der 42-Jährige fest. Es muss einen Auslöser geben, ein Thema, das die Emotionen anspricht, positiv wie negativ, und dann muss eine Spannung entstehen, die man nicht gezielt erzeugen kann, die aber nötig ist, um die richtigen Worte zu finden.

Bei ihm klappt das gut, meist. Manchmal wird die Idee verworfen, manchmal fehlt die Inspiration, dann entsteht beim Komponieren am Flügel eben kein Song, sondern nur eine Übungseinheit.

Wie auf der Zeichung stellt sich der Bassist und Haus- und Hof-Grafiker der Altdorfer Band, Rolf Scharrer, die Dillberg-Maschine vor. | Foto: privat2018/03/altdorf-dillbergmaschine.jpg

Wenn es aber zum magischen Moment kommt, dann – siehe oben – kommt die Dillberg-Maschine zum Einsatz. „Da muss jeder Song durch“, grinst Rolf Scharrer, der auch eine ästhetische Umsetzung dieses Apparates gezeichnet hat, die ein wenig erschauern lässt, so viele Kanäle hat die Komposition zu passieren.

In der Dillberg-Maschine wird Hinneys Entwurf bearbeitet, verändert, kritisiert, angepasst und – oft von Oliver Spieß, der auch über die profundere Kenntnis der Musik-Theorie verfügt – aufs Umsetzbare reduziert.

Dabei ist es für alle von großer Bedeutung, dass der Urheber des neuen Stücks ein gewaltiges Maß an Toleranz und Entspanntheit an den Tag legt, wenn er seine Idee zunächst in der manchmal schonungslosen Bearbeitung der Kollegen weiß, obwohl sich dabei oft etwas ganz anderes als ursprünglich geplant, entwickelt. „Er hält da erstaunlich lang den Mund“, urteilt Oli Spieß.

Das kann ganz sicher nur passieren, weil die Chemie bei den vier Musikern hundertprozentig stimmt. Der bereits zitierte schräge Humor, die gleiche Leidenschaft und der Zusammenhalt spielen eine wichtige Rolle. Selbst wenn man sich nicht wohl fühlt, weil man vom Job erschöpft ist, – nach einer Probe mit der Dillberg-Familie kommt man erfrischt wieder raus, hat aufgetankt.

„Warum gibt‘s uns schon so lange?“, sinniert Dominik und gibt gleich die Antwort: „Weil wir unsere Höhen und Tiefen auch immer wieder kompensieren konnten.“ Das geht nur mit einer Menge Vertrauen und Einfühlungsvermögen. Pure Harmonie ist allerdings nicht durchgängig angesagt: „Wir können uns auch schon mal richtig fetzen“, versichert Spieß, wie in einer richtigen Familie eben.

Klarer im Ausdruck

Was hat sich verändert in zehn Jahren musikalischer Zusammenarbeit? Klarer sei man geworden im Ausdruck und reduzierter im Spiel. Das lernt man erst mit der Zeit: sich zurückzunehmen zugunsten des Gesamtklangs. „Das klingt besser, das groovt mehr und wenn man dann Gas gibt, überzeugt das eher, hat eine besondere Dynamik“, beschreiben es Rolf Scharrer und Oliver Spieß. Außerdem sind sie überzeugt, dass sie heute deutlich besser singen als vor zehn Jahren.

Neu ist auch das seit zwei Jahren immer wieder mal eingesetzte „kleine Besteck“ für das, was sie „Wohnzimmerkonzerte“ nennen. Zugrunde liegt diesem Format die Erkenntnis,“dass der technische Aufwand bei Auftritten immer größer und komplizierter wird“, so dass der Wunsch entstand, ihn radikal zu reduzieren.

Jeder soll das, was er auf der Bühne braucht, selber tragen können, war die Idee. Interessante Erfahrungen machten sie dabei, ganz abgesehen vom unterschiedlichen Sound. So ergeben sich zum Beispiel amüsante Situationen am Rande, wenn etwa der Gitarrist mit der Klampfe bereits anfängt zu spielen, weil er eben kein technisches Equipment aufbauen muss, während Johannes Voltz eben noch sein abgespecktes Drumset mit Cajon und Hi-Hat auspackt und sich die Snare auf die Schenkel schnallt.

Rückschau im Video

Wie bei jedem Jubiläum wird natürlich zurückgeblickt, auch bei der Schau am 3. März (Karten: Kulturrathaus, Buchhandlung Lilliput). Da gibt es eine Video-Präsentation während des Konzerts, bei der die Musiker unter anderem mehr oder weniger erfolgreich zu klären versuchen, was für sie Musik ist und was sie erreicht haben.

Tatsächlich erreicht haben sie einiges. Highlights waren der Auftritt auf dem Bardentreffen, die Zusammenarbeit mit Ernst Schultz sowie dem Schriftsteller und Musiker Thommie Bayer bei seinen Lesungen, aber auch ein Konzert im Wichernhaus mit Norbert Nagel und Tom Haydn.

Beim Geburtstagskonzert im Betsaal werden sie von alten und jüngeren Weggefährten begleitet wie Jörg Szameitat, Bobmila und Robert Holzmann. Da dürften beim Publikum keine Wünsche offen bleiben. Und die Wünsche der Musiker? Die Vier würden gern noch ein bisschen bekannter werden, sich einen größeren Auftrittsradius erobern und sich öfter mal über den Äther musikalisch mitteilen dürfen. Sie hätten nämlich genug zu sagen.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler