Raiba-Weihnachten

Ausbildung des Assistenzhundes kann sie sich kaum leisten

Max, Jessica und das Trauma

Gutes Team: Jessica Eichhorn und Assistenzhund Max. Ein Tier kann laut Chefarzt Prof. Dr. Thomas Kraus in der Trauma-Arbeit gute Dienste leisten. | Foto: Hornung2017/08/Altdorf-Assistenzhund-Eichhorn.jpg

ALTDORF – Max liegt zu ihren Füßen. Den großen Kopf auf der rechten Vorderpfote ruhend, die Augen geschlossen. Er wirkt gelassen. Im Moment gibt es nichts für ihn zu tun. Sein Frauchen Jessica Eichhorn ist entspannt. Man möchte ihn am liebsten sofort knuddeln, diesen großen, lieb dreinschauenden Berner Sennenhund. Aber das geht nicht. Nicht jetzt, wenn er im Dienst ist, sagt seine Besitzerin und deutet auf das rote Signalleibchen auf dem Rücken des Tieres. „PTBS-Hund. Bitte nicht streicheln!“, steht dort.

Max reagiert ohnehin nicht auf die ihm entgegengestreckte Hand. Gemeinsam mit Hundetrainerin Birgit Breindl hat Eichhorn ihm beigebracht, sich zurückzuhalten. Anstatt schwanzwedelnd auf Fremde zuzugehen, bleibt er sitzen. „Jessica hat Angst vor Menschen. Wenn Fremde einfach hergingen und Max streichelten, dann würde das ihre Grenze überschreiten,“ erklärt Breindl am Telefon.

Eichhorn leidet an einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). „PTBS tritt als verzögerte psychische Reaktion auf ein extrem belastendes Ereignis auf und kann Ausdruck einer mangelnden Verarbeitung sein“, sagt Prof. Dr. Thomas Kraus, Chefarzt der Frankenalb-Klinik in Engelthal und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. In Eichhorns Vergangenheit gab es nicht nur ein Trauma, sondern mehrere belastende Vorfälle: Als Kind verlor sie ihre leiblichen Eltern, wuchs in einer Adoptivfamilie auf, wurde Opfer eines Missbrauchs und später, in ihrem Job, als „sowas psychisch Krankes“ gedemütigt und entlassen. „In diesem Fall können die Ereignisse die ganze Persönlichkeit beeinflussen“, sagt Kraus. „Ein komplexes Trauma ist schwerer zu behandeln. Oft kommen weitere Störungen wie Panikattacken dazu.“

Als drei Komponenten des Krankheitsbildes nennt der Chefarzt Flashbacks, das heißt das unvermittelte Einschießen von Bildern und das sehr realistische, gedankliche Wiedererleben des Traumas, das Vermeiden sozialer Kontakte und eine Übererregbarkeit, das heißt ständige Unruhe und Angst.

Ruhe und Stabilität

Um dem entgegen zu wirken ist Ruhe in der Ausbildung von Hundetrainerin Breindl oberstes Gebot für Max Verhalten. Während seine Besitzerin von Gefühlsschwankungen und Dissoziationszuständen geplagt werde, solle er den wachen und gelassenen Gegenpol verkörpern. Wenn Eichhorn die Panik oder eine Erinnerung überfällt, dann bringt Max sie zu einer Bank, damit sie sich setzen kann.

Seit einem halben Jahr kennt und trainiert die Sengenthalerin gemeinsam mit seiner Besitzerin den Berner Sennenhund, der stets an Eichhorns Seite weilt und sie überall hin begleitet – zum Einkaufen, zum Arzt, zu Veranstaltungen, im Ort und im Zug. Bei der Hundetrainerin lernt Max zum Beispiel, dass er im Supermarkt neben dem Einkaufswagen läuft, ohne an Regalen zu schnüffeln.
Einmal pro Woche gehen Eichhorn und Max gemeinsam zu Breindl. „Viele Übungen, wie das Einkaufen, wiederholen die beiden ständig, auch allein“, sagt die Trainerin. „Tiere sind gut und hilfreich“, sagt Kraus. Sie können traumatisierten Menschen helfen Bindungsdefizite zu überwinden und ein Zwischenschritt sein auf dem Weg zu menschlichen Beziehungen. „Auch die Erziehungsaufgabe kann Stärke geben“, sagt Kraus.

Gemeinsam mit dem Tier erlebe der Patient Lernerfolge und Fortschritt. In der Trauma-Arbeit gehe es stark darum, den Patienten zu stabilisieren und mit ihm daran zu arbeiten, „sich selbst einen sicheren Raum zu schaffen“. Mit Max scheint Jessica Eichhorn dies zu gelingen. Letztes Jahr lief sie sogar auf der Modenschau eines Altdorfer Bekleidungsgeschäftes mit, selbstverständlich mit Max an ihrer Seite. Auch diesen Oktober hat sie diesen Auftritt wieder geplant. Etwa eineinhalb Jahre dauert Max Ausbildung zum Assistenzhund. Die wöchentliche Trainingsstunde bei Hundetrainerin Birgit Breindl kostet 40 Euro.

PTBS-Assistenzhunde sind generell keine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung, erklärt Anna Löffler, Fachbereichsleiterin der AOK, schriftlich auf Anfrage unserer Zeitung.

Deshalb muss Eichhorn die Kosten der Ausbildung selbst tragen, was sie sich bei einer Rente von 667 Euro im Monat kaum leisten kann. „Mir bleiben 75 Euro in der Woche zum Leben“, sagt die Altdorferin. Eine eigene Wohnung kann sie sich nur dank der Unterstützung ihrer Eltern leisten.

In diesen Altdorfer Geschäften hat Eichhorn Spendendosen aufgestellt: Italienische Mode, Nürnberger Hof und beim Hundefriseur in der Türkeistraße. Spenden kann man auch auf dieses Konto: Jessica Eichhorn, IBAN: DE60760200700020692090, BIC: HYVEDEMM460, Hypovereinsbank.

N-Land Julia Hornung
Julia Hornung