Warum es manchmal besser ist, amtliche Briefe zu öffnen

Lesen und zahlen statt glauben und hoffen

So hätte die ganze Sache ausgehen können – weil sich Herr Gutglaub gerade mal 50 Cent gespart hat. | Foto: Fotolia2017/03/Gefaengnis.jpg

ALTDORF – Dies ist ein Lehrstückchen für an sich unbescholtene, aber etwas zerstreute und – mit Verlaub – auch etwas naive Bürger, Bürger wie Herr Gutglaub.

Herr Gutglaub heißt in Wirklichkeit nicht so, aber er möchte im Folgenden nicht identifizierbar sein und der Name passt zu ihm. Denn bis vor Kurzem hatte er einen Glauben an Dinge, der ihm jetzt abhanden gekommen ist. An die Verhältnismäßigkeit in rechtlichen Angelegenheiten zum Beispiel. An die Fürsorglichkeit der Obrigkeit ihren Bürgern gegenüber. An die Fähigkeit von Staat und Justitia, zwischen Verbrechen und Schlamperei zu unterscheiden. Herr G. weiß es nun besser.

Und das kam so. Herr G. – gesetzte 64 Jahre, ehemaliger Handwerksmeister in einem Altdorfer Ortsteil, nun Privatier, nicht vorbestraft, nicht mal Punkte in Flensburg – hatte im vergangenen August in Altdorfs guter Stube etwas zu erledigen und stellte sein Fahrzeug – solide Marke, Stern auf der Motorhaube – in einer Parkbucht ab. Dann nahm das Unheil seinen Lauf. In Eile verzichtete Herr G. auf das Lösen eines Parkscheins sowie das Drücken der Brötchentaste. Die kommunale Verkehrsüberwacher haben ihn prompt „ohne gültigen Parkschein“ erwischt, über volle fünf Minuten, wie es die Benachrichtigung unter der Windschutzscheibe bestätigt.

Das darf nicht ungesühnt bleiben, 10 Euro Verwarnungsgeld sind fällig. Nun ist unser Herr G. nicht nur gutgläubig, sondern auch ein bisschen schlampig und Eigentümer eines Bermuda-Schreibtisches, der hin und wieder Post verschluckt. Die Zahlungsaufforderung war irgendwann weg, wurde folglich ignoriert, bis die Mahnungschreiben kamen, die er aber auch nicht öffnete, warum auch immer. Die darin befindlichen Fristen verstrichen infolgedessen, G. hatte die Angelegenheit längst vergessen. Doch gut ein halbes Jahr nach der „Tat“ trifft ihn nun Gesetzes Härte mit voller Wucht.

Ende vergangener Woche trifft ein mehrseitiges Schreiben vom Amtsgericht Hersbruck bei ihm ein, das er – wohl ob des bedeutungsschweren Absenders – ausnahmsweise sofort öffnet, um zu erfahren, dass in Sachen Bußgeldverfahren eine zweitägige Erzwingungshaft richterlich angeordnet wird. „Der Betroffene hat weder die mit nachfolgender Entscheidung festgesetzte Geldbuße bezahlt, noch die Zahlungsunfähigkeit dargetan“, heißt es darin. Und dass die Summe aufgrund von Auslagen mittlerweile 38,50 Euro beträgt sowie dass mit Absitzen der Strafe die Schuld keineswegs erlischt. Immerhin wird Herrn G. noch eine weitere Chance eingeräumt: „Die Erzwingungshaft kann durch Zahlung der Geldbuße abgewendet werden.

Jetzt wird‘s ernst, merkt schließlich auch Herr G., der gleichwohl nicht glauben kann, dass ihn die Stadt oder das Gericht wegen seines Versäumnisses mit Verbrechern in eine Zelle sperren wird. Wird sich aufklären, denkt er sich. Dass man ihn wegen dieser Lappalie wirklich einrücken lässt – kann ja gar nicht sein. Dennoch erwacht die Abenteuerlust in ihm und er liebäugelt mit dem Gedanken, sich wirklich einsperren zu lassen: „Das wird mich nicht umbringen“, äußert er dem Boten gegenüber, die Erfahrung wolle er mal machen, dann hat man was zu erzählen.

Allerdings will er einige Bedingungen daran knüpfen. Und so macht er seinem (fiktiven) Namen alle Ehre, ruft bei der Justizvollzugsanstalt an und fragt nach, wie das denn so wäre, wenn… Gutes Essen für lau, stellt er sich vor, ferner will er natürlich auf Staatskosten zu Hause abgeholt und wieder zurückgebracht werden, ein Einzelzimmer wäre ihm am liebsten. Vielleicht kann er sich auch eine andere Haftanstalt aussuchen, regt er an, Straubing, wo die ganz harten Burschen hocken, oder Stadelheim in München.

Jäh wird er hier auf den Boden der staatlichen Regularien zurückgeholt. Die Anstalt könne er sich natürlich nicht aussuchen, an- und abreisen müsse er auf eigenen Kosten, die Schuld wird durch das Einsitzen nicht getilgt, und am Ende gibt ihm der Vollzugsbeamte auch noch einen gut gemeinten Rat: Hätte er ein solches Experiment vor 20, 30 Jahren erwogen, dann hätte man darüber reden können. Heutzutage, so meint der Verantwortliche in der Mannertstraße, könne man jedem, der nicht unbedingt in den Knast müsse, nur davon abraten. Zu heterogen, zu brutal, zu rücksichtlos und unberechenbar sei die Klientel, zumindest in Nürnberg, wo viele Psychopathen einsitzen. „Zahlen Sie Ihr Bußgeld und vergessen Sie‘s.

Ernüchtert denkt Herr Gutglaub über die Unterhaltung nach. Mittlerweile mit einer gewissen Distanz, rein hypothetisch. Was, wenn er im Ausland wäre und ihn die Aufforderung zu zahlen oder einzurücken gar nicht erreicht hätte? Wenn er nicht zahlen könnte oder aus Angst die Haft nicht antreten könnte? Dann hätte man ihn geholt, hat der Vollzugsbeamte prophezeit, und Herr G. sieht sich bereits, wie er mit Handschellen und Fußfessel den Kopf nach unten gedrückt bekommt und in einen Streifenwagen „verbracht“ wird.

Das kann niemand wollen, auch die Stadt Altdorf nicht, die ja den Verkehrsüberwachungsdienst seit über 20 Jahren unter sich hat. Dort wird man ein Auge zudrücken, angesichts der Tatsache, dass er nur vergessen hat, eine Taste am Parkautomat zu drücken bzw. 50 Cent in die Säule zu werfen. Den Bürgermeister erreicht er nicht, dafür eine Sekretärin, die sich sehr pflichtbewusst seines Anliegens annimmt. Pflichtbewusst, nicht empathisch. Man habe ihn schließlich den Vorschriften entsprechend aufgefordert, seine Schuld zu begleichen. „Ja, aber die schneiden mir im Knast die Ohren ab“, sorgt sich Herr G., nur um zu erfahren, dass die Stadt fristgerecht auf sein Versäumnis hingewiesen hat. „Ihr bringt mich ins Gefängnis“, versucht es Gutglaub mit noch eindeutigeren Worten. „Sie hätten Ihre Post öffnen müssen, wir haben sie informiert“, erfährt er erneut. Herr Gutglaub hört nur von fristgemäßem Handeln, vom Einhalten der Vorschriften, Versäumnissen, rechtlichen Vorgaben.

Sybille Vohla, die Leiterin der Abteilung Öffentliche Sicherheit bei der Stadt Altdorf, bestätigt zwar, dass immer wieder Bürger ihre Verwarnungen trotz mehrfacher Mahnungen nicht bezahlen, so dass das Amtsgericht Erzwingungshaft anordnet. Ob die dann tatsächlich vollzogen wurde, entzieht sich jedoch ihrer Kenntnis, weil der Fall dann ja am Amtsgericht gelandet ist. Ein Anruf von Herrn G. dort bestätigte zumindest die Ernsthaftigkeit des Beschlusses: „Ja, wir sperren Sie ein.

Herr G. muss an Gerichtsurteile denken, bei denen Verbrecher wirklich schlimmer Taten überführt wurden und aus den unterschiedlichsten Gründen Bewährungsstrafen erhielten. Erst vor einer Woche musste er lesen, dass ein 34-Jähriger, der eine junge Frau mit Sexfotos erpresst hatte, eine Bewährungsstrafe erhielt, weil er eine günstige Sozialprognose hatte. Habe ich auch, denkt sich Herr G., er aber hätte in den Bau gehen sollen – wegen 50 Cent. Der Richter war übrigens der gleiche, der den mehrfach vorbestraften Sex-Verbrecher auf Bewährung davon kommen ließ. Das versteht Herr Gutglaub nicht. Er geht nach Hause und überweist die 38,50 Euro.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler