Streit um Graffiti-Areal geht weiter

Lebenshilfe-Projekt statt Wohnungen?

Der neue Plan der Eigentümerin des Graffiti-Grundstücks stößt in Altdorf auf Ablehnung. Er sieht eine Bebauung links und rechts der beiden alten Linden vor, die erhalten werden sollen. Die entstehenden Gebäude sollten sich laut Planer Dietmar Sandler an der Umgebungsbebauung orientieren. | Foto: bgsm Stadtplaner2018/04/Graff-BebPlan-Inskam-04-18_1.jpg

ALTDORF – Als Architekt Dietmar Sandler vom Münchner Stadtplanungsbüro bgsm die neuen Pläne für das Graffiti-Areal vorstellte, war die Atmosphäre im Stadtentwicklungsausschuss alles andere als entspannt. Wie berichtet hat der Planer im Auftrag von Dr. Nicole Inselkammer, der Eigentümerin des Grundstücks, Möglichkeiten für eine bauliche Nutzung des ehemaligen Gaststättenareals dargestellt. Bis zu 70 Wohnungen könnten nach diesem Konzept am Baudergraben entstehen. Das stößt aber in allen Fraktionen auf Ablehnung.

Sandler lobte das Graffiti-Areal in den höchsten Tönen („ein schönes Grundstück mit schönem Baumbestand“) und betonte, dass die beiden alten Linden im Zentrum auf jeden Fall erhalten werden sollten und die Mitte eines zentral gelegenen Gartens bilden könnten, der etwa ein Drittel des gesamten Grundstücks ausmacht.

Auf den übrigen zwei Dritteln könnte nach Sandlers Plan gebaut werden, so dass am Ende 40 Prozent des gesamten Graffiti-Grundstücks bebaut wären. Pkw sollten in einer Tiefgarage untergebracht, die Zufahrt parallel zum Baudergraben auf dem Grundstück geschaffen werden.

Zwei Häuserreihen

Sandler stellt sich zwei Häuserreihen vor, eine viergeschossige am Baudergraben, die sich an der Bebauung auf der anderen Seite des Weges orientiert, und eine zurückliegende dreigeschossige Reihe auf der Friedhofs-Seite. Für SPD-Fraktionschef Martin Tabor ist es nicht nachvollziehbar, dass die Stadt keinen eigenen Planer beauftragt hat. Das sei eine „totale Missachtung des Bürgerentscheids“ vom vergangenen Jahr. Der Inka Immobilien Holding von Inselkammer gehe es doch nur um Geld.

„Wir müssen selber anfangen, aktiv zu planen und dem Willen von 78 Prozent der Altdorfer nachkommen.“ Zuvor hatte Tabor den Münchener Planer mit einem Gebrauchtwagenverkäufer verglichen, der der Stadt etwas andrehen wolle, ein Vergleich, für den sich Dr. Peter Wack (FW/UNA) später bei Sandler entschuldigte. Eckart Paetzold von den Grünen schloss sich der massiven Kritik von Tabor an. Die vorgelegten Pläne ähnelten doch sehr dem ursprünglichen AWO-Konzept für eine Seniorenwohnanlage.

Jetzt will auch FW/UNA kaufen

Mit einem ganz neuen Vorschlag wartete Thomas Dietz (FW/UNA) auf: Die Stadt sollte das Grundstück nun doch erwerben und dann Kontakt zur Lebenshilfe aufnehmen, die in Altdorf ein Areal für inklusives Wohnen sucht. Das komme sicher auch in der Öffentlichkeit besser an als der von Inselkammer angestrebte Wohnungsbau.

Eine gute Idee sei das, die Lebenshilfe mit ins Boot zu holen, pflichtete Dr. Bernd Eckstein (CSU) Dietz bei. Ob man allerdings damit weiterkommt? Eckstein mahnte, dass ein Kompromiss nötig ist zwischen den Interessen der Eigentümerin und der Stadt. Inselkammers wirtschaftliche Interessen seien legitim. Und eine 40-prozentige Bebauung des Grundstücks ist für Eckstein auch vertretbar. „Totalverweigerung geht nicht“, mahnte er deshalb.

Horst Topp (Grüne) will ebenfalls, dass die Stadt das Grundstück kauft. Danach könne man in Ruhe überlegen, was darauf geschehen soll.

Der Bürgerentscheid vom vergangenen Jahr jedenfalls sagt, dass das Areal nur moderat bebaut werden sollte, er sagt allerdings nicht, dass die Stadt das Grundstück kaufen muss. Darauf wies Bürgermeister Odörfer hin, der wie Eckstein einen Kompromiss anstrebt.

Wenn der Bürgerentscheid vom September 2017 mit seiner einjährigen Bindungswirkung keinen Kauf des Grundstücks durch die Stadt beinhaltet, so legt er doch den Auftrag fest, den ursprünglichen Bebauungsplan Nummer 40 für das Graffiti-Areal weiterzuentwickeln. Das betonte Ernst Bergmann.

Die von Inselkammer vorgelegten Konzepte seien hingegen eine Missachtung des Bürgerwillens. Bergmann forderte deshalb einen neuen Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan mit einem erweiterten Gestaltungsbereich, darin soll auch ein benachbartes Gartengrundstück einbezogen werden.

Geht es vor Gericht?

Als sich die Diskussion im Kreis drehte, mahnte Wack, die Interessen der Eigentümerin zu achten. „Wir können froh sein, dass sie nicht den Weg über das Gericht sucht.“ Zeitweise wurde es richtig giftig im Sitzungssaal.

Nachdem Martin Tabor Bürgermeister Odörfer vorgeworfen hatte, „unanständig“ zu sein, wies dieser die Kritik mangelnder Transparenz im Verfahren zurück. Der Rathauschef erinnerte an ein Treffen mit Inselkammer Anfang des Jahres, an dem neben ihm auch Vertreter aller Fraktionen teilgenommen hatten.

Damals hatte man gemeinsam das weitere Vorgehen abgesteckt und sich darauf geeinigt, dass ein Planer in Altdorf das Vorhaben Inselkammers vorstellen sollte. Was jetzt geschehen ist.

Kurt Eckstein platzte zum Ende der Debatte der Kragen: Als Kasperletheater bezeichnete er die Diskussion. Woraufhin ihm Tabor entgegenhielt, das liege wahrscheinlich am Bürgermeister. „Nein“, konterte Eckstein, „das liegt an einem ziemlich jungen Fraktionsvorsitzenden.“

Im Mai auf der Tagesordnung

Ursprünglich sollte sich heute der Stadtrat mit dem Thema Graffiti befassen. Der Punkt wurde aber mit einstimmigem Beschluss des Stadtentwicklungsausschusses abgesetzt. Erst im Mai soll sich der Stadtrat damit beschäftigen. Bis dahin wird die Stadt drei Planer für das Areal präsentieren, die Bürgervertreter sollen sich dann für einen entscheiden.

Außerdem will man in der Zwischenzeit Gespräche mit der Lebenshilfe Nürnberger Land führen. Deren Vorsitzender Gerhard John ist auf jeden Fall „gerne gesprächsbereit“, wie er auf Nachfrage des Boten betonte. Das Graffiti-Areal sei ein sehr geeignetes Grundstück für eine Wohnanlage für inklusives Wohnen.

N-Land Alex Blinten
Alex Blinten