Raiba-Weihnachten

Eltern kritisieren Behindertenfahrdienst

Kinder wollen nicht mehr mitfahren

Täglich fahren mehrfach behinderte Kinder aus dem Raum Altdorf mit dem Behindertenfahrdienst des ASB ins Blindeninstitut nach Rückersdorf. Seitdem der ASB die Linien übernommen hat, gibt es Beschwerden von Eltern. Foto: Fotolia2017/10/Behindertenfahrdienst.jpg

ALTDORF – Seitdem der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) die Busfahrten für behinderte Kinder und Jugendliche im südlichen Nürnberger Land übernommen hat, gibt es vermehrt Beschwerden. Eltern beklagen sich, dass ihre Kinder nicht mehr mitfahren wollen, weil sie Angst-Attacken haben. Was unter dem vorherigen Bus-Unternehmen Schulze und Schmidt reibungslos funktionierte, klappte zeitweise nicht mehr. Kritik kommt aus Altdorf, Röthenbach und Weinhof.

Petra M. will ebenso wie die anderen betroffenen Eltern ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, da sie Konsequenzen für ihre Kinder befürchtet. Sie hat zwei mehrfach behinderte elfjährige Mädchen, die täglich mit dem Bus von Röthenbach ins Blindeninstitut nach Rückersdorf fahren. Mit dem Schulstart nach den Ferien hat der ASB die Fahrten von Schulze und Schmidt übernommen, nachdem der Wohlfahrtsverband sich in einer öffentlichen Ausschreibung der Linien gegen das Vorgängerunternehmen mit einem besseren Angebot durchsetzen konnte. Ein ganz normaler Vorgang. Für die Kinder allerdings passte auf einmal nichts mehr zusammen. Da saß ein neuer Busfahrer am Steuer, und hinten fuhr eine neue Begleitung mit. Deren Umgang mit den behinderten Kindern war nach Überzeugung von Petra M. nicht optimal. Auf einmal wollten ihre Zwillinge nicht mehr mitfahren. Es bedurfte viel Überredungskunst, die beiden Elfjährigen wieder dazu zu bewegen, den Bus zu besteigen.

Tochter weigerte sich, in Bus einzusteigen

Eine andere Mutter, deren achtjährige mehrfach behinderte Tochter täglich mit dem Bus fahren muss, machte ähnliche Erfahrungen. Das kleine Mädchen kann ebenso wie Petra M.s Zwillinge nicht richtig sprechen und folglich nicht schildern, warum sie Angst hat, mit dem neuen Bus mitzufahren. Zeitweise war es morgens so schlimm, dass die Mutter ihr Kind nicht mehr in die Schule schicken konnte, weil es sich unter Tränen weigerte, in den Bus einzusteigen. Die Altdorferin nahm ihr Töchterchen dann mit an ihren Arbeitsplatz. „Der Buswechsel“, sagt sie, „ist für meine Tochter eine extreme Stresssituation.“

Nicht nur für ihre Tochter, auch für die anderen Kinder, die im Bus mitfahren. Mehrfach behinderte Jungen und Mädchen nehmen ihre Umgebung anders wahr und reagieren viel sensibler auf Veränderungen. Petra M.s Kinder fahren nur noch gemeinsam mit dem Bus, kürzlich war eines der Mädchen an einer Erkältung erkrankt, woraufhin sich die Zwillingsschwester weigerte, alleine in die Schule zu fahren.

Der Billigste kommt zum Zug

Was der Mutter aus Röthenbach ebenso wie der Altdorfer Mutter fehlt, ist eine Rückmeldung von Fahrer und Begleiter, wie denn die Fahrt verlaufen ist und wie die Kinder sich verhielten. Beim vorherigen Busunternehmen, das betont Petra M., sei das immer eine Selbstverständlichkeit gewesen. Als eine ihrer Töchter beispielsweise operiert wurde, hat ihr der Fahrer seinerzeit versichert, sie brauche sich keine Sorgen zu machen, er werde sich ganz besonders um die kleine Patientin kümmern.

Wenn also die Fahrten bislang immer hervorragend funktionierten, warum vergab die Regierung von Mittelfranken diese dann an ein anderes Unternehmen? Weil die Linien nach vier Jahren neu ausgeschrieben werden müssen und dann der billigst bietende zum Zuge kommt. Wie weit die Angebote auseinander lagen, wollte man bei Schulze und Schmidt in Hilpoltstein auf Anfrage des Boten nicht sagen. Eine Mutter erhielt im Unternehmen aber die Auskunft, dass es sich am Ende um einen ganz geringen Betrag handelte. „Es darf doch nicht wegen kleiner Beträge auf Qualität und Stabilität verzichtet werden“, beklagt eine Mutter aus Altdorf die Situation. Vielmehr müsste bei den Ausschreibungen in erster Linie auf Empathie der Fahrer und Begleiter und auf deren Verantwortungsbewusstsein geachtet werden, so ihre Forderung. „Das Gesetz für die Ausschreibung müsste bei Schulen für Kinder mit Handicap unbedingt geändert werden“, bringt sie es auf den Punkt. Ihre kleine Tochter bleibt derweil erneut zu Hause. Vor drei Tagen kam sie mit einer üblen Handverletzung heim, die sie sich nach Recherchen der Mutter nur im Bus zugezogen haben kann. In der Schule jedenfalls, so versicherte man ihr, sei das Kind unverletzt gewesen und so in den Bus eingestiegen.

ASB ist überrascht

Petra M. hat sich in der Angelegenheit an MdL Norbert Dünkel gewandt, weil diesem als jahrzehntelangem Geschäftsführer der Lebenshilfe Nürnberger Land die Belange behinderter Menschen immer ein besonderes Anliegen sind. Sie bekam Antwort von Dünkels persönlichem Referenten Helmut Brückner. „Ich bin überzeugt, dass mit dem neuen Beförderungsunternehmen ASB Lauf ein erfahrener Partner als Nachfolger beauftragt wurde und dieser auch bemüht ist, die Leistung zur Zufriedenheit von Ihnen, Ihren Pflegekinder und dem Blindeninstitut zu erbringen“, teilte Brückner der Röthenbacherin mit. Die eingesetzten Fahrer des ASB würden über entsprechende Berufserfahrung verfügen, die Begleitperson sei intensiv in ihre Aufgabe eingewiesen worden.

Tino Städtler, Geschäftsführer des ASB Lauf, ist angesichts der aus dem Raum Altdorf erhobenen Vorwürfe überrascht: Er könne die Kritik nicht nachvollziehen. Dass ein neuer Fahrdienst und ein neues Fahrzeug für den ein oder anderen Schüler des Blindeninstitutes erst einmal ungewohnt ist, sei verständlich. Deshalb seien die Fahrer angewiesen, besonders sensibel vorzugehen. Sollten Eltern mit der Betreuung nicht zufrieden sein, könnten sie sich jederzeit an den ASB Lauf wenden, betont Städtler. „Sollten wir von einem konkreten Vorgang, der nicht den Qualitätsstandards des ASB Regionalverbandes entspricht, Kenntnis erhalten, werden wir dem selbstverständlich nachgehen“, verspricht der Geschäftsführer.

Aktuell befördert der ASB Lauf für das Rückersdorfer Blindeninstitut 130 mehrfach schwerstbehinderte und blinde Schüler. Dafür hat der Verband 38 umgebaute Spezialfahrzeuge angeschafft und 80 zusätzliche Mitarbeiter eingestellt. Rund die Hälfte der Fahrer kommt vom Vorunternehmer Schulze und Schmidt. 40 Mitarbeiter wurden neu eingestellt. „Alle Fahrer durchliefen ein Bewerbungs- und Eignungsverfahren im Haus“, betont Städtler und versichert, dass sich bislang weder beim ASB noch beim Blindeninstitut Rückersdorf Eltern mit Beschwerden gemeldet hätten.

N-Land Alex Blinten
Alex Blinten