Altdorfer übersetzt seit 30 Jahren

Internationale Thriller für deutschsprachige Leser

Peter Friedrich kam zum Übersetzen, weil er sich in den 80er Jahren bei der Lektüre der deutschen Fassung eines Modesty-Blaise-Romans von Peter O‘Donnel geärgert und den Verlagslektor angeschrieben hatte. | Foto: Blinten2018/04/Peter-Friedrich-1.jpg
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ALTDORF – Peter Friedrich ist der Meister der Thriller. Ohne den Altdorfer wären viele englischsprachige Autoren im deutschsprachigen Raum unbekannt. Barry Eisler etwa, der ehemalige CIA-Mann mit seiner Vorliebe für Japan. Oder Christopher Moore, ein kanadischer Jura-Professor, der seit Jahrzehnten in Bangkok lebt und dort seine Hauptperson Vincent Calvino ermitteln lässt. Oder Jeremy Robinson, oder Nick Louth, oder dutzende weiterer Autoren… Friedrich hat sie alle übersetzt.

Möglicherweise hält Lesen und Übersetzen ja jung. Peter Friedrich wäre ein Paradebeispiel für eine solche These. Jahrgang 1956 ist er, wirkt aber wie ein Mittvierziger, auch wenn Kopfhaar und Bart inzwischen grau geworden sind. Die Augen dunkel, hellwach, blitzgescheit, umgeben von einem Faltengeflecht, das sich nur bilden kann, wenn der Mensch mit diesem Gesicht gerne lacht. Ein weiterer Grund, warum es Freude macht, sich mit dem Altdorfer Übersetzer zu unterhalten – über Bücher, Autoren, Familie und, ja klar, das Übersetzen.

Drehbücher und Videos

Wie also kommt man dazu? Seit 1990 arbeitet Friedrich als Übersetzer für verschiedene Verlage – mit einer Pause, in der er wie schon vor 1990 Drehbücher für Film und Fernsehen schrieb und Video-Installationen für Museen produzierte.

Allerdings waren weder die Drehbücher, noch Hörspielproduktionen noch das Design multimedialer Ausstellungen auf Dauer sein Metier. Die interessantere und zufriedenstellendere Arbeit ist für Peter Friedrich das Übersetzen von Büchern – von Romanen wie von Sachbüchern.

Die im Fischer-Verlag erschienenen Modesty-Blaise-Storys von Peter O‘Donnel stehen ganz am Anfang der Übersetzer-Karriere des Altdorfers, obwohl er bis heute keinen einzigen dieser Romane selbst ins deutsche übertrug.

Ende der 80er Jahre korrespondierte er mit dem Lektor des herausgebenden Verlags über die Bücher und wies auf Unstimmigkeiten bei der Übertragung ins deutsche hin. Seine Anmerkungen waren seinerzeit immerhin so klug, dass der Fischer-Verlag ihn einlud, William Hoffers Thriller „Sturzflug“ zu übersetzen.

Über den Unions-Verlag kamen dann Thriller von Brian Lecomber, Peter Disher und eben von Christopher Moore auf seinen Schreibtisch. Von Moore übersetzte Friedrich in den kommenden Jahren fünf Romane, erst kürzlich dessen jüngstes Buch „Springer“: Vincent Calvino ermittelt im Fall eines 26-jährigen kanadischen Malers, der in seinem Appartement in Bangkok tot aufgefunden wird. Ein vielschichtig aufgebauter Thriller, ultrakurz zusammengefasst: Das Leben ist ein Witz und Bangkok die Pointe.

Faible für Asien

In der Top-Ten-Liste der liebsten Schriftsteller steht Moore bei Peter Friedrich ganz hoch oben. Nummer 1 ist für ihn aber Barry Eisler mit seinen Romanen um den Ex-CIA-Mann John Rain oder die amerikanische Polizistin Livia Lone.

Eisler hat wie Moore ein Faible für Asien. John Rain ist Sohn eines japanischen Vaters und einer amerikanischen Mutter, Livia Lone ist eine Lahu, Angehörige eines in Nordthailand lebenden Bergstammes. Eisler erzählt, wie sie als 13-Jährige von Menschenhändlern in die USA verschleppt wird.

Kaum ein anderer Schriftsteller, sagt Peter Friedrich, kann so authentisch erzählen wie Barry Eisler, der selbst über Jahre für die CIA arbeitete, in Tokio lebte, wo er John Rain agieren lässt, und die japanische Hauptstadt so schildert, wie der Westler sie erlebt: als faszinierende, fremde Welt, deren Bewohner den Leser erstaunen und erschrecken.

Für seine Livia-Lone-Romane reiste Eisler nach Thailand und recherchierte dort über die Bergvölker im Norden und über Menschenhandel. „Der Schrei des toten Vogels“, Eislers erstes Livia-Lone-Buch, ist von einer manchmal gnadenlosen Authentizität, ebenso anrührend wie schockierend. Peter Friedrich erinnert sich, dass er seine Übersetzungsarbeit seinerzeit unterbrechen musste. Sein Gefühlszustand damals war irgendwo zwischen überwältigt, verstört und erschöpft.

Tatsächlich: „Der Schrei des toten Vogels“ ist eins der packendsten Bücher Eislers, der immerhin bisher 16 Romane veröffentlichte, acht davon hat Peter Friedrich ins Deutsche übersetzt.

Nicht auf der Tastatur seines Rechners klappernd, sondern mit einem Sprachprogramm. Der Altdorfer spricht seine Übersetzungen, das Programm zeichnet das Gesprochene auf und legt dann Seite für Seite an. Friedrich arbeitet also ähnlich wie jemand, der eine Geschichte vorliest und sich auf die Melodie des Textes einlassen muss.

Laut lesen hat gegenüber stummem Schreiben unschätzbare Vorteile, es gibt einer Textpassage Struktur, ähnlich der Verwandlung eines zweidimensionalen Bildes in eine dreidimensionale Darstellung. Jeweils vier Fassungen erarbeitet sich der Altdorfer Übersetzer dann von jedem Werk und gleicht die verschiedenen Varianten am Ende miteinander ab. Die Endfassung geht schließlich an den Verlags-Lektor. Friedrich arbeitet jeweils parallel an verschiedenen Büchern.

13 Euro zahlen die Verlage pro Seite, außerdem Tantiemen in Form einer prozentualen Umsatzbeteiligung am jeweiligen Buch. Der vielgescholtene Handelsriese Amazon bezahlt seine Übersetzer übrigens bei den Tantiemen deutlich besser als deutsche Verlage.

Bislang hat Peter Friedrich zehn E-Books für Amazon übersetzt, Romane von Barry Eisler, Fernando Gamboa und Neve Maslakovich, und freut sich über regelmäßige Tantiemenzahlungen, die im Gegensatz zu den Tantiemen von deutschen Verlagen mehrmals und nicht nur einmal im Jahr auf das Konto fließen.

Arbeit mit Sprachprogramm

Dass der Altdorfer eine Vorliebe für internationale Plots hat, mag mit seiner kosmopolitischen Familiengeschichte zusammen hängen. Sein Vater hat sein halbes Leben in Südamerika und Asien verbracht, er selbst wurde in Venezuelas Hauptstadt Caracas geboren und kam erst im Alter von sieben Jahren nach Deutschland. Deshalb spricht Peter Friedrich fließend spanisch und übersetzt neben englischer und amerikanischer auch spanische Literatur.

Sein Halbbruder, dessen Mutter aus England stammte, spricht englisch und deutsch und lebt heute in Australien. Wer so international aufwächst, muss Sprachen einfach lieben. Da wundert die Wahl der Studienfächer Sinologie und Japanologie nicht. Später hat der Altdorfer Übersetzer seinen Magister in Theaterwissenschaft, Ethnogeografie und Kunstgeschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg erworben, bevor er sich 1984 als Drehbuchautor selbstständig machte und dann als Übersetzer arbeitete.

Derzeit spricht er die Übersetzung des zweiten Bands der „Matilda Darke“-Reihe von Michael Wood mit dem Originaltitel „Outside Looking In“ in seinen Computer, außerdem von Fernando GamboaLa última cripta“.
Wie immer also viel zu tun.

Aber Peter Friedrich will künftig kürzer treten, was die Übersetzungen angeht. Er braucht Zeit für eigene Projekte, beispielsweise einen Roman, der in den ehemaligen deutschen Südseekolonien spielt. Und für eine Horror-Komödie, für eine Science-Fiction-Komödie und für einen Frauen-Roman. Echt jetzt? Ja sicher, sagt der Übersetzer. Augenzwinkernd. Lassen wir uns also überraschen.

N-Land Alex Blinten
Alex Blinten