16 Tage im Sattel

Hoch zu Ross zum Lago di Garda

Endlich geschafft! Am Garda-Strand bei Torbole ist das Ziel erreicht und die Freude über das Erreichte riesengroß. | Foto: privat2017/08/pferdealpentour4.jpg
Raiba Fallback

 

ALTDORF/KREUTH/TORBOLE – Wenn das Glück dieser Erde auf dem Rücken der Pferde liegt, dann waren Andrea Pütz und ihre Reiterfreunde gute zwei Wochen im Juli so richtig happy. Denn in dieser Zeit saß die 14-köpfige Gruppe täglich im Sattel und legte um die 30 Kilometer am Tag zurück, insgesamt 480 Kilometer – vom Tegernsee zum Gardasee.

Es war nicht das erste Mal, dass die 43-jährige Pferdenärrin sich auf eine mehrtägige Tour mit Gleichgesinnten gemacht hat, und nicht ganz unschuldig sind daran ihre Eltern. Die schenkten der Tochter zum 40. Geburtstag die Begleitung ihres geplanten Reitertrips entlang des Jakobswegs nach Santiago de Compostela im Jahr 2014. Denn wenn Ross und Reiter auf eine lange Reise gehen, muss allerhand vom Versorgungstross mitgenommen und verwaltet werden, an erster Stelle Futter für die Tiere. Nach dem langen Ritt durch Spanien und den vielen spannenden Glücksmomenten entstand der Wunsch nach mehr, und so nahmen Andrea Pütz und ihre Mitreiter die Alpen ins Visier. Bisher bereits drei Mal, wobei der jüngste Trip eben am Strand des Gardasees endete. Bereits im Oktober vergangenen Jahres sind Andrea und eine Freundin mit Zelt und Schlafsack weite Strecken der geplanten Tour abgeritten, um auszukundschaften, wo Wege sind und wo man gut Station machen kann. Hinterher wurden auch noch manche Streckenabschnitte mit dem Rad abgeklärt.

Der Start für die 16-tägige Tour war in Kreuth am Tegernsee. Und wie zuvor machte man sich nicht auf den Weg, ohne dass der Pfarrer Mensch und Tier für das aufregende Abenteuer gesegnet hatte. Bereits am ersten Tag musste wie so oft improvisiert werden, zum Beispiel, als man feststellte, dass ein Fluss überquert werden musste, dessen Brücke für die Reitersleute viel zu gefährlich war. Pütz entschied, dass es besser sei, durch den Fluss zu waten. „Insgesamt hatten wir heute etwa 38 km, 1 900 m gings hoch und 700 runter und wir waren um die 8 Stunden unterwegs. Pause gabs heut auf dem Pferd, denn bei dem Regen den ganzen Tag wurde es Zeit einfach anzukommen“, schreibt die Teilnehmerin und Chronistin Anne-Katrin in ihrem Blog.

Auch am nächsten Tag hieß es schon wieder um 6 Uhr morgens aufstehen, füttern, frühstücken und satteln. Am Achensee entlang führte der Weg durch das Zillertal, leider im Regen, so dass der Panoramaweg das eigentliche Panorama nicht für die Sicht freigab. Natürlich konnten nicht alle der Reiterinnen der Versuchung widerstehen, hoch zu Ross ein „Bad im See zu nehmen“.

An viele kleine Dinge musste bereits bei der Planung gedacht werden. Hier waren die Eltern von Andrea, Christa und Heinz, wieder eine große Hilfe. Im Wohnmobil begleiteten sie wie gehabt das Team und transportierten all die Dinge, die man nicht mit aufs Pferd nehmen kann.

Aus den Berichten der Teilnehmer wird immer wieder klar, dass das ganze Unterfangen Leidenschaft voraussetzt, wie immer einen Riesenspaß gemacht hat, aber keineswegs so romantisch ist, wie sich das Außenstehende vorstellen. Die würden zum Beispiel nicht daran denken, dass auf öffentlichen Wegen, die Hinterlassenschaften der Pferde mit der Schaufel weggeräumt werden müssen oder dass man nicht permanent im Trab oder Galopp über sonnige Felder jagen kann, sondern auch immer wieder absteigen und die Tiere führen muss. Oder dass jeden Abend Paddocks für die Rösser aufgebaut werden müssen. Das sind kleine mit Zäunen gesicherte Koppeln, in denen die Tier übernachteten. Durchaus romantisch muss es allerdings in einer Beziehung beim vorletzten Trip zugegangen sein. Da funkte es nämlich zwischen Andrea und einem ihrer Reitbegleiter und prompt nahm beim jüngsten Trip ein glücklich verliebtes Paar teil: Andrea, die wie die Jahre zuvor ihren Araber Khamaal ritt, und ihr Freund, der ihre Leidenschaft teilt und auf ihrem zweiten Pferd Sharif unterwegs war.

Hier geht es entlang der Brenta-Dolomiten. Hier heißt es, Köpfe einziehen.2017/08/pferdealpentour2.jpg

„Unbeschreibliche“ Aussichten

Je höher sich die 14 aus der Gruppe in die Berge bewegten, desto begeisterter schwärmten sie im nachhinein immer wieder von der „unbeschreiblichen“ Aussicht, zum Beispiel auf dem Pfitscher Joch oder später entlang der Brenta-Dolomiten. Nicht ganz ungefährlich war‘s zweitweise für die Tiere wegen der vielen Steinplatten, auf denen sie ins Rutschen kommen können. Da kam es dann immer wieder mal vor, dass ein Pferd sein Hufeisen verlor und unterwegs beschlagen werden musste.

Dass es trotz aller Plackerei, dem frühen Aufstehen und den Unbilden des Wetters sich trotz allem um Genussreiten gehandelt hat, wird aus den Berichten immer wieder deutlich. „Das Essen war einfach toll“, schwärmt Andrea Pütz noch heute und denkt dabei an mehrgängie Menüs in den Hotels, Pensionen und Bauernhäusern, wo man des Abends einkehrte. Und auch Picknicks mit Wein und anschließendem Mittagsschläfchen auf der Alm waren an der Tagesordnung. Ebenso dazu gehörten die vielen Begegnungen unterwegs, denn die Truppe erregte natürlich Aufsehen, wo immer sie ankam. Und die Leute waren durchwegs hilfsbereit und freundlich, stellen die 14 rückblickend fest. Egal, ob es sich um die italienischen Waldarbeiter handelte, die extra ihre Sägearbeiten unterbrachen, um den Weg freizuräumen, oder um Passanten, die sich bereit erklärten, eine verloren gegangene Decke zu suchen, oder andere, die einfach am Wegesrand klatschten und winkten. Auch tierische Erlebnisse säumten den Weg, von mehreren Kuhherden, die die rastenden Pferde beschnupperten, oder einer Gruppe Lamas bis hin zu einem neugierigen Murmeltier, wurde berichtet.

Zum Pfitscher Joch: Die Steinplatten sind nicht ungefährlich, aber die Tiere waren klug und vorsichtig genug, sich nicht zu verletzen.2017/08/pferdealpentour1.jpg

Unterwegs gab‘s viel zu lachen

Dass es auf diesem Trip auch viel zu lachen gab, versteht sich von selbst. Die Verständigungsschwierigkeiten auf italienischer Seite waren nicht selten der Anlass dafür. Aus diesem Grund ließen sich die Reiter auch vier Tage von einem dolmetschenden Wanderführer begleiten, mit dem Andrea Pütz schon jetzt die nächste Tour hoch hinauf in die Brentagruppe plant.

Auch wer eine derartige Pferdewanderung noch nicht selbst absolviert hat, kann sich das Gefühl gut vorstellen, das die am Ende noch zwölf Teilnehmer befallen haben mag, als sie nach der Station in Arco die letzte Etappe bis zum Gardasee zurückgelegt hatten. Ein Überschwang an Emotionen ist auch auf dem Gruppenfoto zu erkennen, als die wackeren Reiter endlich am Strand von Torbole ankamen: Stolz auf ihre Leistung, ein gestärktes Zusammengehörigkeitsgefühl, Dankbarkeit den Tieren gegenüber, Überwältigtsein von der den Landschaftserlebnissen … die Liste ihrer Empfindungen ließe sich sicher noch fortführen. Kein Wunder, dass der nächste „Alpen zu Pferd-Trip“ schon ausgemacht ist, damit sich dieser Endorphinschub wiederholt.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler